Wie der Mensch zu hundert Lebensjahren kam

Als der liebe Gott am Abend des siebenten Schöpfungstages die Jahre verteilte, die jedes seiner Geschöpfe zu leben haben würde, ging er  ziemlich eintönig vor. War es, weil die Zeit drängte, war es, weil er müde war vom vielen Schöpfen – jedenfalls gab er allen vierzig Jahre zu leben: dem Hund und der Katze, dem Igel, dem Pferd, dem Faultier und überhaupt allen Tieren außer denen, die er aus philosophischen Gründen schon früher fürs Sterben vorsah (zum Beispiel die Eintagsfliege). Am Schluß blieben nur noch der Affe und der Mensch; mit diesen beschloß er sich zu beraten.

Dem Affen schlug er vor, sechzig Jahre zu leben, und dieser antwortete: Ich werde es mir überlegen.

Dem Menschen sagte Gottvater: Dir habe ich einen großen Vorsprung gegeben vor allem, was sonst noch unter der Sonne lebt. Du kannst, wenn du willst, zielgerichtet und tüchtig arbeiten. Dein Geist soll dir helfen, unnötige Schritte zu unterlassen. Ich glaube, daß dir dreißig Jahre genug sein werden, um eine Familie zu gründen, dir ein Haus zu bauen und auch sonst etwas auf Erden zu hinterlassen, was dir ein Grabstein sein wird – selbst wenn du im Wüstensande verdurstest und von Schakalen gefressen wirst.

Der Mensch entgegnete empört: Ich, die Krone der Schöpfung, soll nur halb so lange zu leben haben wie der Affe, der zu nichts anderem taugt als im Zoologischen Garten zum Gespött der Kinder mit Kokosnüssen um sich zu werfen und sich in der Nase zu bohren?

Da wußte Gottvater sich zunächst keinen Rat. Mit so viel Besserwisserei hatte er nicht gerechnet, wenn er dem Menschen auch mit Bedacht eine gehörige Portion Widerspruchsgeist mit auf den Weg gegeben hatte. Da werde ich dir kaum helfen können, sagte er. Ich habe die Ewigkeit unter allem, was lebt, aufgeteilt. Aber warte – ich kann ja alle Tiere noch einmal fragen, ob sie mit ihren Lebensjahren zufrieden sind. Und will sich eines von einem Teil seiner Zeit lossagen, so sollst du sie zu der deinen dazubekommen.

Und so geschah es.  Gott befragte den Bären, das Pferd, die Kuh und überhaupt alle Tiere, die er noch erreichen konnte, ob sie dem Menschen nicht ein paar ihrer Erdenjahre abtreten wollten. Doch er fand keine Gegenliebe. Was für ein eingebildeter Kerl, hieß es. Der soll man bloß still sein! Was sollen wir denn erst sagen? Dem Menschen bleibt immerhin noch der Trost mit einem Weiterleben im Jenseits, wenn ihm die dreißig Jahre nicht reichen. Wir alle haben diesen Trost nicht. So war denn guter Rat teuer. Bis endlich der Hund, dieser treueste aller Diener des Menschen, vortrat und sagte: Nun gut, was soll ich mit vierzig Jahren? Soll ich mich wirklich vierzig Jahre lang treten und auspeitschen lassen? Mir reicht die Hälfte – am Ende gibts nicht einmal ein vernünftiges Gnadenbrot für die letzte Zeit.

Als er das hörte, spitzte der Esel die langen Ohren, hob seinen Kopf und sprach: Was solls! Nimm auch von mir zwanzig Jahre. Am Ende werde ich bloß krank und schwach und kann nicht einmal mehr die Disteln im Feld zupfen. Und mich auf den Menschen verlassen? Da sterbe ich lieber gleich!

Bist du es nun zufrieden, fragte Gottvater den Menschen. Der ewige Nimmersatt aber entgegnete schlau: Und – wie stehts mit dem Affen? Der hat noch nichts darüber gesagt, ob er seine sechzig Jahre ganz ableben will oder nicht.

Da trat der Angesprochene vor und sagte: So ein Laffe aber auch! Gib ihm auch von mir die zweite Hälfte, damit endlich Ruhe ist!

So nahm der Lauf der Welt seinen Anfang. Seither lebt der Mensch die ersten dreißig Jahre seines Lebens wirklich als Mensch. Er gründet eine Familie, baut ein Haus und so weiter. Dann kommen zwanzig Jahre eines Hundedaseins: in steter unruhiger Bewegung, rundherum schnuppernd, ob sich nicht noch etwas finden ließe, seinen Nachruhm zu mehren; dazu ständig getreten und rumkommandiert. Von fünfzig bis siebzig fällt er in den geduldigen Trott des Esels und nimmt auch dessen Verstocktheit an. Oder doch das, was andere für Verstocktheit halten (er selbst nennt es die Weisheit des Alters). Mit siebzig aber schlägt dieseWeisheit für jedermann sichtbar in äffisches Verhalten um: seine Bewegungen werden in Körper und Geist täppisch und ungelenk, und selbst der einstige feine Herr achtet nicht mehr darauf, ob er beim In-der-Nase-Bohren von anderen beobachtet wird.

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So hat Bai Iwan, Wirt der Berghütte Fenera in Bulgarien, die Geschichte erzählt.

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Zwei Texte zu Bildern von Gerhard Goßmann

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Über Otto Emersleben

- 1940 in Berlin geboren. Physikstudium, Diplom 1964 in Sofia, Bulgarien - 12 Jahre Kundendiensttechniker der Filmfabrik Wolfen. Reisen in Europa und Asien - In Dessau Mitarbeit im Literaturzirkel von Werner Steinberg - Ab 1975 Veröffentlichung historischer Erzählungen (Reihe DAS NEUE ABENTEUER) - 1976 freischaffender Autor in Greifswald (Vorpommern) - 1977/78 Szenaristenkurs (Filmhochschule Babelsberg) - Studienreisen: Buchara (1977), Venezuela/Peru/Cuba (1983). USA (1987) - Seit 1992 ständig in Brunswick ME
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