Der Überlebende

„Meine Damen und Herren, den nächsten Fall dürften wir relativ schnell hinter uns bringen. Die Symptome liegen bei ihm so klar auf der Hand und sind dazu so unkompliziert, daß es uns keine Schwierigkeiten bereiten wird, sie einzuordnen und zu benennen.” Mit zwei ruhigen Schritten tritt der Professor hinter dem Katheder hervor und verschränkt seine Arme auf dem Rücken des weißen Kittels.

,,Es handelt sich um ein Beispiel von Demenz, das heißt einen erworbenen, ursprünglich nicht vorhandenen Intelligenzmangel, verursacht durch eine contusio cerebri, eine Hirnquetschung, die schwerwiegende posttraumatische Wesensänderungen bei dem Patienten verursacht hat; so ist zum Beispiel, wie sie selber gleich sehen werden, seine Merkfähigkeit stark gemindert. Ja, man kann sogar von einer völligen Desorientierung sprechen. Außerdem…“ Keiner von uns hört richtig zu. Das Semester geht langsam zu Ende, und wir wissen, daß hier in der Psychiatrievorlesung genauso wie anderswo die Paradepferde schon durch sind, all die wichtigen Fälle, auf die in der Prüfung für gewöhnlich die Sprache kommt.

So sieht kaum einer hin, als der Oberassistent die Hörsaaltür öffnet und den Patienten hereinwinkt. Den Gesang aber, der auf einmal ganz unerwartet durch die Tür marschiert, kann keiner mehr überhören: “…die Sonne glüht, zwodreivier, unsere Panzermotoren singen ihr Lied.” Erst als er den halbrunden Raum vor den Bänken zweimal umkreist hat, tritt der Patient den Rest auf der Stelle, seinen Blick hoch in die Sitzreihen gehalten, so als meinte er mit dem, was er singt, gerade uns: ,,Es rasseln die Ketten, es dröhnt der Motor, Panzer rollen in Afrika vor.” Dann hält er mit einem dumpfen Tritt und bleibt in Habt-Acht-Stellung vor dem Professor stehen. Der brummt  sein flüchtiges „Guten Morgen” und stellt gleich darauf die übliche Frage: „Nun sag mir doch einmal, wo du hier eigentlich bist!“ Da schlägt der Patient die Hacken zusammen — einmal, ein zweites Mal, bis er gemerkt habt, daß die Leinenhaussehuhe nie dabei knallen werden. Den Kopf hebt er über die Waagerechte hinaus und sagt mit deutlicher Stimme, lauter, als er bis eben gesungen hat: ,,Guten Morgen, Herr Oberstabsarzt, bitte melden zu dürfen, da ich mich hier in einer Schule für Sanitätsoffiziere befinde.“

Ein paar von uns grinsen. Aber da haben wir hier schon ganz andere Sachen erlebt: Fischmenschen und solche, die sich für Napoleon hielten oder für Abgesandte einer kosmischen Macht. Und jetzt will der da unten uns mit seinem bißchen Strammstehen imponieren. Und mit seinem jämmerlichen, piepsigen Singsang –  rasseln die Ketten, es dröhnt der Motor… Wenn er wenigstens anständig grölen würde, so ein richtiges kehliges Landsknechtsgrölen, dann wurde er sicherlich Beifall auf offener Szene bekommen, und wir würden wohlwollend mit dem Gedanken spielen, ihn für unser Remmidemmi im nächsten Semester zu engagieren. Aber so, bei dem dürftigen Stimmchen…

Der Professor fährt in seinem Verhör fort: ,,Und wie bist du hierher gekommen?”

,,Das war eine lange Fahrt, Herr Oberstabsarzt. Und was meinen Sie, wie der Tommy bei uns reingeplauzt hat. Mächtig reingeeiert hat er. Aber — wir sind doch angekommen, alle sind wir angekommen, Herr Oberstabsarzt. Wenn sie befehlen wollen, die anderen reinrufen zu lassen. Draußen warten sie alle. Keiner hat sich dünnegemacht. Wär ja auch noch schöner, nicht wahr, Herr Oberstabsarzt?”

Mein Banknachbar stößt mich an. Er schiebt mit ein Blatt steifes Papier zu: die Krankengeschichte. Ich überfliege sie nur, um nichts von dem zu versäumen, was da unten geschieht. Peter A., Bauernsohn, 59 Jahre alt, verheiratet und Vater von drei gesunden Kindern. Zu Beginn des Krieges zurückgestellt, später als Kraftfahrer zu einer Kompanie eingezogen, die bald in den Wirbel des afrikanischen Rückzugs geriet. In Italien später durch Artillerieeinwirkung schwer verwundet. Meine Hand mit dem Batt Papier ist auf die Bank gesunken. Ich gebe es weiter an einen, der neben mir sitzt, und höre wieder auf das Singen.

Die Stimme ist genauso schleppend wie vorher. Nur der Gang— der Gang ist noch abgehackter geworden. ,,Blumen am Wege, ihr blüht ja so schon, aber wir dürfen ja stille nicht stehn, denn wir marschieren in…Faheindesland.“ Er schleudert die Arme dazu, immer den einen vor und den andern zurück und stakst in seinen Leinenhausschuhen über die sauber gescheuerten Fliesen, weiter, immer weiter marschiert er ,,in Faheindesland”.

,,Gut, gut!” sagt der Professor endlich, ,,aber nun erzähl uns doch ma!, wie ihr aus dem Schlammassel wieder rausgekommen seid!”

,,Erzählen? Da gibt’s nicht viel zu erzählen, Herr Oberstabsarzt! Drauf aufs Gas, immer draufgelatscht und direkt hier zu ihnen rein in die gute Stube!” Er lacht wie einer, der aufpassen muß, daß er sich dabei nicht verschluckt. Dann setzt er wieder seine kurzen, geizigen Schritte hintereinander, wie sie sich jeder angewöhnt, der zu lange hinter anderen hergetrottet ist. “… ruft uns das Schicksal ab, ja, Schicksal ab, dann wird uns der Panzer ein ehernes Grab. Ja, weit ist der Weg zurück ins Heimat!and ja, weit so weit.”

In das Singen hinein blitzen zwei schräggehaltene Brillenglaser:,,Wie sie sehen, kann der Patient sich in Ort und Zeit nicht mehr zurechtfinden. Bei ihm ist vor zwanzig Jahren der Film gerissen, als er bei der Explosion einer Granate mitsamt seinem Lastkraftwagen in einen Abgrund geschleudert wurde. Er ist damals als einziger von der Kolonne übriggeblieben. Seitdem hat er sich ganz auf die Zeit zurückgezogen, die jenem Tag unmittelbar vorausging.” Die Brille blitzt weg, sieht stumpf dem Kranken nach, der da unten in der Manege unaufgefordert seine Runde zieht; rechts, links, stampf, stapf, weit ist der Weg, zwo, drei, ja weit, so weit in Feindesland.

Der Professor wird ungeduldig. Ein Blick zur Seite läßt den Oberassistenten verstehen, daß es Zeit wird, den nächsten Kranken hereinzuführen. Ich greife an meine Armbanduhr und ziehe sie mit em paar hastigen Zügen auf, so als hätte ich auf einmal Angst, sie könnte ganz unverhofft stehenbleiben und  dann nie wieder gehen.

Schon sehe ich wieder nach unten. Da klopft der Professor dem Marschierer noch einmal gutmeinend auf die Schulter und sagt: ,,Na, Peterchen, nun sing uns doch mal was von später. Wo du schon so schön singen kannst!”

Die Antwort ist nur ein Schulterzucken und ein ratloser Slick: ,,Später? Später hat doch kein Aas mehr gesungen!”

,,Na, und von vorher?” Da kommt in das verständnislose Grinsen ein Zug von dämmernder Schwermut. Sein Blick ist angestrengt in die Ferne gerichtet, hindurch durch den schmelzenden Nebel aus Mundharmonikaklagen und Landstraßentakt –  dorthin, wo die Erinnerung aufhört. Und bedächtig, ganz bedächtig sich vortastend, kommt er dicht an die für ihn überhaupt noch erreichbare Vergangenheit: Er beginnt – viel zu leise für uns — ein Lied zu summen, ein Lied voll zärtlicher Sehnsucht nach Menschsein, das er vielleicht gerade gepfiffen hat, bevor das Höllenfeuer begann.

Eine Handbewegung des Assistenten beendet sein nachdenkliches Schweigen. Er hebt den rechten Arm grüßend an den Schirm einer Mütze, die ihrn längst schon ein Wind vom Kopf gefegt hat. Dann macht er eine vorschriftsmäßige Kehrtwendung, und wie er mit festen Schritten aus der Tür geht, singt er zu ihrem gleichmäßig klappenden Takt: ,,Es ist so schön, Soldat zu sein, Rohosemarie…”

Schräg vor mir blättert jemand sein Heft um und zieht auf der nächsten Seite ohne Lineal einen schiefen Rand. Ich höre das heisere Singen und den Takt der Schritte auch noch, als die Tür zum Vorraum schon wieder geschlossen ist: ,,Sie lieben nur ein Mägdelein und brauchen keinen Urlaubsschein…” Das letzte Wort war reichlich verschwommen. Es kann auch ,,Freifahrtschein” geheißen haben. Oder ,,Totenschein”. Aber was hat das schon zu sagen.

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Gedruckt in Wie Nickel zweimal ein Däne war / Neue Prosa, Neue Namen. (Anthologie, Hg. Klaus-Dieter Sommer). Verlag Neues Leben Berlin 1970

Beschreibung eines aktuellen Antiquariatsangebots: 248 S. Ecken bestoßen Zustand: 2 – 3, Gebrauchtspuren, leicht berieben, leicht angestaubt, Altersentsprechend, innen ordentl.; 8° (18 – 22 cm), Broschiert Gewicht in [g]: 340 +++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++++

Text auf russisch (vermutlich Moskau 1972)

Peterchen 1 Peterchen 2 Peterchen 3 Peterchen 4

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Über Otto Emersleben

- 1940 in Berlin geboren. Physikstudium, Diplom 1964 in Sofia, Bulgarien - 12 Jahre Kundendiensttechniker der Filmfabrik Wolfen. Reisen in Europa und Asien - In Dessau Mitarbeit im Literaturzirkel von Werner Steinberg - Ab 1975 Veröffentlichung historischer Erzählungen (Reihe DAS NEUE ABENTEUER) - 1976 freischaffender Autor in Greifswald (Vorpommern) - 1977/78 Szenaristenkurs (Filmhochschule Babelsberg) - Studienreisen: Buchara (1977), Venezuela/Peru/Cuba (1983). USA (1987) - Seit 1992 ständig in Brunswick ME
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