Vinetazuuurückbleim !

                                    Ich habe mir alles selber erfunden: eine Kindheit, eine Persönlichkeit,                                     Sehnsüchte, Träume, Erinnerungen, um sie erzählen zu können.                                                                                                                            

                                                                                                                            Federico Fellini  

An keinem anderen Bild läßt sich das Ausscheren von R. aus seinem bis zum Abitur gewohnten, eher seßhaften Leben besser festmachen als an jener Szene auf dem langen, leicht gekrümmten Fernbahnsteig. Der Interzonenzug setzt sich in Bewegung: mit viel Hallo! und Laß-es-dir-gutgehen-aber-paß-auf-dich-auf-mein-Junge.

Sogar die Magdeburger Tanten waren zu seiner Verabschiedung am Bahnhof Zoo gekommen. Es war Anfang April 1958, vermutlich der Monatserste. Ein junger Mann verläßt sein Elternhaus, ein Allerweltsvorgang. Der junge Mann ist achtzehn, mehr jung als Mann. Ein eben sprießender Bartflaum macht ihn nicht älter, eigentlich wirkt er nur unrasiert. Er will sich einen Vollbart wachsen lassen aus Sympathie mit bärtigen Rebellen in Kubas Bergen. Den Fahrtwind spürt er als Signal eines eben beginnenden neuen Lebens und überlegt, was er beim Rucksackpacken vergessen haben könnte, dazu winkt er aus dem Abteilfenster. Am längsten winkt seine Schwester Herta zurück. Vor zwei Wochen hat er das Abiturzeugnis bekommen und die Bewerbung zum Studium abgegeben. Eine langerträumte Italienreise konnte beginnen. Keine Grand Tour mit Rom als Reiseziel, ihm stand der Sinn vielmehr nach den Inseln: Ischia Stromboli Lampedusa Sizilien.

Vor allem Stromboli. Von dieser Insel hatte er Unglaubliches gehört. Ihre Weltabgeschiedenheit, die freundlichen Menschen, Vulkanausbrüche – das lockte ihn. Dazu war, sooft er Stromboli hatte erwähnen hören, von leerstehenden Häusern am Rand des Inseldorfes San Vincenzo die Rede gewesen, in denen sich Rucksackleute aus aller Herren Länder nach Gutdünken einnisteten. Er wollte in Italien abseits der ausgetretenen touristischen Trampelpfade das sogenannte normale Leben der sogenannten normalen, einfachen Leute kennenlernen – dabei waren Fischerdörfer an stillen Meeresbuchten ebenso unverzichtbar wie Hirten mit ihren Herden in wildzerklüfteten Berglandschaften. Und in Rom Neapel Palermo die Viertel der ärmeren Leute. Deren Leben interessierte ihn, mit einem Wort: das Authentische. Den Besuch der Insel Capri verbot er sich, er wollte der Schlagersentimentalität und dem Massentourismus seine Verachtung zeigen. Die rote Sonne versank nicht nur bei Capri im Meer, sie versank auch anderswo. Und nach diesem Anderswo stand sein Sinn.

Er wollte die Welt verändern. Seit er vierzehn war, sah R. sich, wie er mir einmal gesagt hat, als Linker. Was geht nicht alles hinter der Denkerstirn eines Heranwachsenden vor. Sein Onkel Hotte war nicht zum Bahnhof Zoo gekommen, obwohl er es in einem Brief an R.s Vater angekündigt hatte. R. dachte erst daran, als der Zug schon im Grunewald war.

Seit der Abfahrt am Bahnhof Zoo hatte er auf die Häuser Gärten Straßen geschaut, die vorbeirauschten. Einiges kam ihm bekannt vor, anderes sah er zum ersten Mal. Später blickte er ungläubig staunend auf die Bäume, sah Wege, die er von Radtouren kannte oder von einem der zumeist langweiligen Familienspaziergänge. Sah eine Lichtung, an der er im Jahr zuvor die seltene Blauracke beobachten konnte, bald darauf die nähere Umgebung seiner Penne in Nikolassee. Schließlich den Wannsee, wenn auch nur kurz.

Oder war Onkel Hotte doch gekommen, ganz so, wie es  in dem Brief steht? Ich weiß nicht mehr genau, was R. mir gesagt hat. Hatte der Onkel gar, neben Herta stehend, eine Packung Pralinen durch das Zugfenster gereicht? Gesagt hatte er dabei nichts, hatte dem Reisenden nur stumm zugenickt und die Lider gesenkt.

Onkel Hotte war erst ein paar Jahre zuvor als Spätheimkehrer aus russischer Kriegsgefangenschaft gekommen, mit zerschossenem Kehlkopf. Er konnte nicht sprechen. R. riß das Zellophan von den Pralinen, während der Zug langsam abbremste und in den Bahnhof Griebnitzsee rollte. Katzenzungen. Onkel Hotte schenkte immer Katzenzungen, daran erinnere ich mich. Oben auf den süßen Happen lag ein Zettel in seiner kantiger Schrift: Schreib genau auf, was du bei Deiner Weltwanderung alles erlebst.

Die Eltern hatten ihm zum bestandenen Abitur einen schmalen Reisezehrpfennig in Lire geschenkt, dazu eine Fahrkarte bis Palermo, zurück von Catania. Neben Wechselwäsche und Badehose steckte in seinem Rucksack als Reiselektüre ein Buch über Marco Polos Jugendjahre in Venedig. Den zweiten Teil, die Erzählung von der großen Reise nach China, hatte er in den Wochen nach dem Abi verschlungen (oder doch erst später, erst Jahre nach der Italienreise?). Seit die Prüfungen glücklich geschafft waren, hatte er kein Schulbuch mehr angefaßt. Hatte allerdings etwas Italienisch gelernt, und inzwischen wußte er nicht mehr, ob er das Buch über Marco Polo deswegen mitgenommen hatte, weil er Venedig sehen würde oder ob er nach Italien fuhr, um Marco Polos Heimat kennenzulernen.

Sein eigentliches Ziel waren aber nicht die Inselchen in der Lagune von Venedig, sondern ganz andere Inseln, vor allem, wie gesagt, Stromboli. Eben das Anderswo. Er war siebzehn wie Polo beim Aufbruch von Venedig nach China fast siebenhundert Jahre zuvor – doch fuhr R. allein, nicht mit Vater und Onkel. Nachdem die Grenzkontrolle vorbei war, trat er in den Gang und starrte hinaus – die ganze Zeit bis zur nächsten Kontrolle, nun schon in Marienborn.

Nach eintägigem Aufenthalt bei Verwandten in Stuttgart fährt der Reisende in die Schweiz weiter. Am Vierwaldstätter See legt er eine nächste Rast ein, sieht sich außer Luzern Tells Hohle Gasse bei Küssnacht an, Altdorf, Schwyz und andere seit der Schillerlektüre im Deutschunterricht geläufige Örtlichkeiten – im festen Glauben, es wie im Fall der auf ihn zukommenden Spuren von Marco Polo in Venedig mit Stätten tatsächlichen historischen Geschehens zu tun zu haben. Norditalien war regenverhangen. So blieb er nirgends lange und fuhr über Rom hinaus, in der Absicht, auf der Rückreise das Versäumte nachholen. Er wollte ja nach Stromboli, erst einmal.

In Neapel schien ausgiebig die Sonne, und ich blieb. Der knallblaue Himmel paßte zu den singenden Straßenverkäufern und Vespa-Fahrerinnen. Überhaupt schienen alle zu singen, angefangen vom Eisenbahnschaffner, der mir beim Aussteigen mit dem sperrigen Rucksack half, bis zu den Busfahrern. Volare, oho, cantare, ohohoho, der Schlager der Saison, wurde in allen Tonlagen geträllert gesungen gepfiffen. Unablässig plärrte es aus Lautsprechern und Kofferradios. Ich bezog die Jugendherberge in Posillipo, mit Blick auf Golf und Vesuv.

Zu Tagesausflügen fuhr ich per Anhalter nach Pompeji Sorrento Amalfi. Capri ließ ich links liegen. Der erste Inselbesuch galt Ischia, wurde aber eine Enttäuschung. Das Leben dort spielte sich hinter Hecken und schmiedeeisernen Zäunen in pompösen Villen ab, der Hafenbetrieb mit Cafés und Läden schien den Bewohnern nur Vorwand zum Weiterführen einer entschwundenen Lebensart.

Auf dem Weg zu meiner Jugendherberge wurde ich gestern in holprigem Englisch von einem Mann angesprochen. Der Fremde fragte nach einer Straße in Posillipo , die – so viel wußte ich inzwischen – ganz in der Nähe lag. Was für ein schöner Tag das doch wieder sei, sagte er, eigentlich kein Wunder in la bella Napoli. Da wir uns nett zu unterhalten begannen, erbot ich mich, den Mann an sein Zeil zu führen. Er behauptete, Pilot und nur kurz in Neapel zu sein; er müsse noch vor Mitternacht weiterfliegen. Wolle nur schnell einen Freund aufsuchen, dem er etwas mitgebracht habe. Ob ich nicht vor dem Haus warten könne.

Nach ein paar Minuten kam er zurück und war außer sich: sein Freund sei nicht da, überhaupt niemand, dem er das Mitbringsel geben könne, und er habe so viel Geld dafür ausgegeben: Hier, diese goldene Armbanduhr – er wies sie mir vor. Und er brauche das Geld dringend. Oder wenigstens einen Teil davon, er sei ja bereit, für seine Freundschaft Opfer zu bringen. Ob ich nicht einen Ausweg wisse, ich sei doch Deutscher und Deutsche seien in der ganzen Welt als einfallsreich und erfinderisch bekannt.

Der Mann hatte geschickt an mich hilfsbereiten Naivling appelliert; ich empfand Mitleid mit ihm und fiel auf ihn rein. Ich war wirklich nicht reich mit Lire gesegnet, doch war ich, mich selbst wichtig nehmend, zum Eingreifen entschlossen. Konnte ich doch, wenn ich wollte, die Sache zum Guten wenden. Nun trat, um alles noch mehr als glaubwürdigen Zufall erscheinen zu lassen, ein Mitspieler auf: ein Mann im offenen Auto. Er steuerte quer über die Fahrbahn auf die Straßenseite zu, auf der wir beide standen, hielt und sagte: Permesso!? Er wolle helfen, die Herren seien offenbar ortsunkundig. Und überhaupt.

Der Pilot war sofort Feuer und Flamme und ging wortreich auf das Hilfsangebot ein. Er sei hier, um einen Freund zu besuchen und nun sei der Freund aber … sein Italienisch war bald viel zu schnell für mich. Der Pilot zog wieder die goldene Uhr aus der Tasche und zeigte sie wortreich dem Autofahrer. Ich wußte, wovon die Rede war; oder wenigstens glaubte ich es. Si si, sagte der Automann, gar kein Problem, er übernehme die Uhr, was für ein phantastischer Preis, und das bei so einem Wertstück.

Er griff nach seiner Brieftasche, entdeckte aber bald ein kleines Problem: er habe augenblicklich leider nicht die in Frage stehende Summe bei sich; freilich sei der Fehlbetrag äußerst gering, eigentlich unbedeutend und fast zu vernachlässigen.

Sobald die beiden Gauner merkten, daß ich nicht folgen konnte, übersetzte der Pilot in sein holpriges Englisch; auch die Frage, die kommen mußte und die dann auch sehr bald kam: ob ich, der charmante tedesco, nicht mit dem Differenzbetrag aushelfen könne. Der Autofahrer sei gern bereit, mir bis zum Abend zum Pfand dafür, daß er das Geld noch heute zurückgeben werde – gar mit einer kleinen Leihgebühr als Belohnung -, die kostbare Uhr zu überlassen. Da griff ich in meinen Halsausschnitt und holte den Brustbeutel hervor. Die beiden wollten mehr als ein Drittel meiner Reserven, und ich gab ihnen freiwillig den gewünschten Betrag. Die Sache schien mir dadurch unverfänglich, daß der Mann im Auto aus eigenem Vorrat seinem Kumpan gleichfalls einen gehörigen Batzen großformatiger Lirescheine gab. Hätten sie mich mit Gewalt beraubt, wären sie nicht einmal sicher gewesen, bei mir überhaupt etwas zu finden.

Wir verabredetete einen Treff zu zweit um halb neun am Brunnen vor Napolis Hauptbahnhof, zu einer Zeit, da der Pilot schon seinen nächsten Flug vorbereiten mußte. Ich sah den Autofahrer noch einmal an und bat ihn, auch wirklich zu kommen, der geliehene Betrag sei fast mein ganzes Geld. Ich vertraue ihnen, sagte ich und gab ihm zum Abschied die Hand.

Da entgegnete der Automann, er sei es doch wohl, der hier Vertrauen vorschieße, schließlich habe er mir bis zum Abend die Uhr überlassen, seine so wertvolle Uhr. Er denke aber, ein Deutscher sei vertrauenswürdig und werde ihn nicht enttäuschen. Wer am Abend natürlich nicht kam, war der Mann aus dem Auto. [Am Rand des Reisetagebuchs steht: Ich habe die gleiche Uhr später von Straßenhändlern für ein paar hundert Lire angeboten bekommen; sie war nicht einmal vergoldet, das Laufwerk gab nach wenigen Stunden den Geist auf. Mehrfach habe ich italienauf italienab die gleiche Story erzählt bekommen, von anderen, denen es wie mir ergangen war.]

Nun hieß es hungern. In den nächsten zwei Monaten lebte R. vorwiegend von Spaghettiportionen für siebenhundert Lire, den Reibkäse dazu gab es in den Trattorias in unbegrenzter Menge. Gelegentlich leistete er sich auf einem Markt Seeigel oder frisch gebratenen Fisch, dazu ab und zu lardo: billigen fetten Speck. Nach Hause umkehren wollte er nicht, er mußte Stromboli sehen. Auch ging er nicht zur Polizei; es war eine von ihm selbst verschuldete Niederlage, und die wollte er niemandem eingestehen. Der Polizei nicht und auch den Eltern nicht. Nur sich selbst. Er ganz allein mußte sie ausbaden.

Überhaupt scheint er Reisen nur sehr selten mittendrin abgebrochen zu haben. Gleich zwei Tage nach der Uhrengeschichte fuhr er weiter. Fuhr mit dem Zug durch Kalabrien und nach dem Übersetzen der Waggons nach Messina mit dem Dampfer nach Stromboli. Die zwei Wochen auf der Insel zählten ohne Zweifel zu den schönsten der ganzen Italienreise, er hat das mehrfach beteuert. Dort auf Stromboli wurde er achtzehn. Mit anderen Rucksackjungen hauste er in einem verlassenen Haus am Dorfrand von San Vincenzo.

Der Takt der Vulkanausbrüche bestimmt unseren Alltag. Ich verstehe mich gut mit den anderen aus dem besetzten Haus. Wir durchstreifen die schwarze Einöde oberhalb der Häuser, gelegentlich steigen wir bis zum Kraterrand auf. Dabei habe ich es einmal erlebt, daß mich mein Gleichgewichtssinn im Stich ließ. Es war gerade der Wochentag, an dem wieder ein Schiff nach Stromboli kam. Unsere kleine Gruppe hatte stundenlang im Nebel gewartet. Sobald die Sicht frei wurde, schien mir der eben bei der Insel ankommende Dampfer auf der glatten Wasserfläche, die wie ein Berghang geneigt war, abwärts zu fahren. Endlich konnten wir uns an den Abstieg machen und waren froh, als wir zu Hause ankamen.

Wo waren die ehemaligen Bewohner des Hauses  geblieben? In Amerika? Auf dem Festland, in Norditalien? Oder als Gastarbeiter in Westdeutschland? R. trank wie die anderen Weltenbummler aus seinem Haus das Wasser in der Zisterne, ohne etwas von Amöben zu wissen. Doch niemand wurde krank.

Auf Sizilien zurück, genieße ich jeden Fahrtkilometer. Nichts geht über die Romantik der Landstraße. Das Mitgenommenwerden klappt nicht immer sofort, oft warte ich stundenlang in der prallen Sonne. Ich spreche Leute an, die vorbeikommen. Mein Italienisch wird langsam besser (oder soll ich sagen: mein Sizilianisch?).

Von Palermo ging es, den Westteil der Insel rundend, nach Agrigento. Aus Porto Empedocle brachte der Postdampfer ihn das erste Mal in seinem Leben so weit auf See hinaus, daß er kein Land mehr sah. Ziel der Fahrt war eine nächste Trauminsel: Lampedusa.

Zu Beginn der Überfahrt war es sonnig, die Nacht dann sternenklar. Die See lag unbewegt. Oben der endlos weite Himmel und unter mir das abgrundtiefe Meer. Mich ergriff ein Gefühl, das ich nicht beschreiben kann. Vor Lampedusa ankerte das Schiff auf Reede. Boote kamen die Fahrgäste abholen, Fracht wurde in plump dümpelnde Schuten umgeladen: Koffer Säcke Bauholz. Sogar lebende Tiere, willenlos in breiten Gurten hängende Esel  Rinder Ziegen. Mit einem der Boote waren zwei Carabinieri an Bord gekommen. Sie fragten sich zu mir durch, ich war der einzige Ausländer auf der Passagierliste.

Einer der beiden verlangte meinen Paß zu sehen, zeigte ihn seinem Kollegen und der steckte ihn in die Rocktasche. Über den Zeitpunkt der Abholung werde man mir Bescheid geben, sagte er. Ich kam glücklich an Land und stromerte durch das Dorf. Irgendwann waren die Häuser zu Ende, und ich lief entlang der Steilküste weiter. An einer Felsenbucht kroch ich mit meinem Rucksack in einen alten Maschinengewehrbunker. Im Eck der Schießscharte sah ich vom Schlafsack aus zwei windgezauste Palmen. Ich konnte nach Herzenslust schwimmen und lesen: der junge Marco auf der Piazza, vor dem Haus der Polos, am Canale Grande. Jeden Morgen kam ein Ziegenhirt mit seiner Herde vorbei, molk Milch in eine Schüssel und füllte sie in meine leere Wasserflasche. Geld wollte er nicht.

R. freundete sich mit einem Fischer an, Giovan Battista, der seinen Netzplatz in der Nähe des Bunkers hatte. Giovan Battista war zwar Analphabet, doch ungeachtet dessen muß er ein tiefsinniger Philosoph gewesen sein. Und er war Kommunist. Beim Netzeflicken lernst du die Welt verstehen, sagte er, erzählte von seiner Kindheit auf Vaters Boot und davon, wie die Fischer einander halfen, sonst würden sie nicht überleben. Von ihm erfuhr R., daß die Insel zu Mussolinis Zeiten Verbannungsort für Antifaschisten gewesen war.

Trinkwasser gab es an der Bucht nicht, R. mußte jeden Tag ins Dorf gehen und wurde dort als Giovan Battistas Tedesco freundlich gegrüßt. Auch hier standen die kleinen Hauskuben, die er schon von Stromboli kannte. In einem der weißen Würfel war eine Trattoria, es gab Spaghetti mit reichlich Reibkäse und Brot. Eines Tages, R. war gerade vom Schnorcheln zurück, erschien an seinem Bunker einer der Carabinieri, die ihm auf dem Schiff den Paß abgenommen hatten. Der Polizist wickelte aus einem Stück Packpapier eine gebratene Taube und sagte: Das schickt der Maresciallo. Sie können sich in der Kaserne den Paß abholen.

R. hat mir seinen Besuch beim Maresciallo in aller Ausführlichkeit beschrieben – die Kontrolle am Kasernentor, die keine Kontrolle war, sondern ein lachendes Einweisen durch den Posten, die lange Erzählung des Offiziers über sein Leben, die darin gipfelte, daß er mit unüberhörbarem Spott sagte: Wir werden hier auf der Insel alle nach einem halben Jahr abgelöst, damit keine Ortsbindungen ensttehen können, Sie verstehen: die Mafia… Ich hatte R. schließlich unterbrochen und gesagt: Eine gebratene Taube vom Maresciallo, die Weltweisheit von einem netzeflickenden Fischer und jeden Tag Ziegenmilch free of charge, da fehlt nur noch der Honig zum Schlaraffenland.

R. hatte gelacht und gesagt: Preisen die Reiseprospekte nicht heute noch Lampedusa als Paradies an? Dabei sind seit Jahren die Bilder vom elenden Alltag afrikanischer Bootsflüchtlinge auf der Insel um die Welt gegangen. Lampedusa – la tua isola! Luxurious cottages near the sea with a panoramic view surrounded by the green, typical maquis. A small oasis for a peaceful holiday you will never forget. – Er kannte die Zeilen auswendig und hob beim Deklamieren die Arme.

Nach zwei Wochen Lampedusa brachte der Postdampfer mich nach Sizilien zurück. Ich trampte nach Syrakus; für diesen Abstecher war wieder, wie schon in Tells Schweiz,  Schillers historical fantasy ein entscheidender Grund. In den alten Verliesen testete ich gemeinsam mit einem anderen Rucksacktouristen die steinerne Abhöreinrichtung: das Ohr des Dionysos. Die Verstehbarkeit dessen, was wir uns gegenseitig zuflüsterten, war erstaunlich.

Wieder draußen, rezitierte ich angesichts des Sonnenuntergangs mit großer Geste die Strophen der Bürgschaft. Trostlos irrt er an Ufers Rand: Und wie weit er auch spähet und blicket und die Stimme, die rufende, schicket. Noch konnte ich sie alle auswendig. Dann war ich am Ätna. Ein Laster, der mich auf dem letzten Wegstück nach Catania mitnahm, hielt zum Laden an einem Loch mitten in der schwarzen Einöde. Mit Eimern wurde dort ein rotes Pulver ans Tageslicht befördert. Die Bauleute der Gegend benutzten die zerriebene Lava als Farbzusatz zu ihrem Mörtel. Ab und an brachte ein Eimer auch Scherben von Dachziegeln mit herauf. Deutlich waren daran Brandspuren zu erkennen. Die Arbeiter wiesen lachend darauf hin: Sieh mal, hier ist die heiße Lava über die Häuser hinweggegangen.

Jemand hatte mir vor Antritt der Reise den Blick von den Rängen des alten Theaters in Taormina als die schönste Aussicht der Welt gepriesen. Sie gefiel mir, aber es hielt mich nicht inmitten all der Touristengruppen. Ich wollte den Ätna nicht nur sehen, ich wollte hinauf. Von Catania aus fuhr ich per Anhalter, soweit der Fahrweg führte – bis zu einer Berghütte. Dort blieb ich die letzte Nacht vor dem Aufbruch ins Wegelose. Der Hüttenwirt machte mir Mut für den Alleingang. Wenn in Gipfelnähe Nebel aufkommt, nicht weitergehen, sagte er, sondern an einer Austrittsstelle von warmem Wasserdampf abwarten; dann könne nichts passieren. Im übrigen stehe am Fuß des letzten Flugaschekegels die Ruine einer Seilbahnsation, wo ich übernachten könne.

Früh um zwei weckte er mich und zeigte mir im Schein meiner Taschenlampe die ersten Markierungen bergan. Ich kam gut vorwärts. Es gab etwas wie einen Pfad bis zu dem auf rutschender Asche schief am Berg ruhenden Stationshaus der Seilbahn. In dessen Nähe stand ein vulkanologisches Observatorium, stabil aus schwarzen Lavabrocken errichtet. Das Observatorium war verschlossen, nur zu einer Regenwasserzisterne hatte man Zugang. Ich konnte den Schlafsack auf einer ausgehängten Tür in der Seilbahnstation ausrollen und hatte nach dem anstrengenden Aufstieg eine erholsame, ruhige Nacht. Früh am nächsten Morgen machte ich mich auf das letzte Wegstück. Als die Sonne aufging, war ich so weit gestiegen, daß ich weite Teile Siziliens überblicken konnte, dazu die Stiefelspitze Italiens bis zum Golf von Tarent. Unter jedem Schritt rutschte die Asche den Kegel abwärts. Es ging nur mühsam voran, die dünne Luft kam erschwerend hinzu. Als ich den Rand des alten Ringkraters erreicht hatte, war ich erschöpft. Für die Mühe belohnte mich neben all dem Gebrodel und Gezische die unübertroffene Fernsicht.

Die Bahn brachte R. in einem großen Sprung von Catania nach Rom. Dort blieb er zwei Wochen, absolvierte Colosseum Pantheon Vatikan Ostia und stromerte durch die Arbeiterviertel San Lorenzo und Pigneto. Mittags fand er sich jeden Tag in einer Armenküche nahe des Termini-Bahnhofs ein, um gemeinsam mit abgehärmten Gestalten ein dünnes Süppchen zu löffeln. Zwar redete er sich ein, er tue dies studienhalber, doch wollte er vor allem sein Geld strecken. Dann ging es weiter nach Norden. In Orvieto verließ er die Eisenbahnstrecke und fuhr wieder per Anhalter; er wollte Assisi sehen. Ein Ehepaar aus Salzburg nahm ihn mit, und als sie hörten, R. sei ohnehin nach Venedig unterwegs, schlugen sie ihm vor, mit ihnen dorthin zu fahren. Sie seien auf ihrer Heimreise.

Der Mann, John Anders, war Kirchenmaler und Restaurator von Fresken. Unter seiner Anleitung verstand R. weit mehr von dem, was unterwegs in Kirchen Museen Klöstern zu sehen war, als wenn er allein gereist wäre. Darüberhinaus zeigte John ihm etruskische Tumben, Grabstätten mit kostbarer Ausschmückung, erklärte den jeweiligen Grad der Bedrohtheit der Fresken und erläuterte Methoden zu ihrer Rettung; oder, kam alles Restaurieren zu spät, zu ihrer Abnahme von der tragenden Wand.

An der Adria gab es Rimini und Ravenna zu bestaunen. Am Strand bei Ravenna badeten die drei ausgiebig. Als sie hinter die Düne zurückgingen, fanden sie auf dem Parkplatz das Auto aufgebrochen und ausgeraubt. R. hatte all sein restliches Geld in einer Tasche unter dem Sitz versteckt, nun war es verloren. Dazu fehlte seine Fahrkarte und der Bericht über Marco Polos Jugendzeit in Venedig. John Anders war eine wertvolle Kamera  gestohlen worden.

Das neuerliche, diesmal nicht von ihm selbst verschuldete Mißgeschick hatte ihn ausgerechnet im bessergestellten Norden Italiens ereilt. Auf entlegenen sizilianischen Bauernhöfen war sein Gepäck tagelang fremder Aufsicht anvertraut, während er durch die Berge streifte.

In Venedig hat uns eine mit den Anders befreundete Familie gastfreundlich aufgenommen. Augenblickslang kann ich in der geräumigen Wohnung und beim Bummeln entlang der Kanäle die plötzliche Änderung meiner Situation vergessen. Ich  habe wieder reichlich zu essen, stehe auf den Brücken, auf denen schon Marco Polo gestanden hat und schaue wie dieser hinaus auf das Wasser, das von Ferne und Welt träumen läßt. Für den jungen Marco war der Traum von der großen Reise ins Unbekannte eine Flucht aus unerbittlicher Vormundschaft, in die er nach dem Tod der Mutter geraten war. Wenn Ihr mich noch einmal schlagt, steche ich!, hat er seinem Vormund gedroht, einem wahren Finsterling, der während der jahrelangen Abwesenheit von Vater Polo im Hause das Sagen hatte. Jetzt, da ich das Buch nicht mehr besitze, kommen mir ganze Passagen daraus wieder in Erinnerung. Nun kenne ich es, das bunte Gewoge des Marktes am Rialto, nun habe ich den Geruch des Wassers in den Kanälen, den Wind von der Lagune und den appetitanregenden Bratenduft aus den Küchen und Kaschemmen am Giudecca-Kanal in der Nase gespürt wie schon der junge Marco. Das Haus der Familie Polo jedoch gibt es nicht mehr.

Am Ende der Venedigzeit konnte R. sich nicht länger der Erkenntnis verschließen, daß er Italien Italien sein lassen und mit den freundlichen Österreichern nach Norden zurückkehren mußte. Er hatte gesehen, was er hatte sehen wollen, die Inseln und die Viertel der einfachen Leute. Freilich waren das vielfach Armenviertel gewesen, und wo er das Authentische gesucht hatte, hatte er Kinderarbeit und Dreck vorgefunden. Der Entschluß wurde ihm dadurch erleichtert, daß John Anders ihm anbot, drei Wochen in einem Kloster in der Steiermark beim Restaurieren der Kirche zu helfen; er würde genug verdienen für eine neue Fahrkarte nach Berlin.

Trotz der in Italien erlittenen Rückschläge war R. nicht bereit, seine Weltbereisung aufzugeben. Oder war er es doch? Auf zwei Seiten, überschrieben Mein Leben als Kirchenmaler, hat er den Versuch unternommen, sich eine Karriere in diesem Beruf vorzustellen. Offenbar hatte er ihn in diesen drei Wochen in Vorau in der Steiermark nicht ungern ausgeübt: auf dem Gerüst stehend oder auch liegend, alte Fresken abwaschend, Verblassendes nachempfindend oder gar neu schaffend, an Leerstellen Putz aufwerfend, von Tagwerksgrenze zu Tagwerksgrenze. Und er war zu dem Schluß gekommen: Nein, auf die Dauer wäre das nichts für mich. Ein Leben lang von Kirche zu Kirche ziehen – zumal als Ungläubiger, bestenfalls geduldet, nie ganz dazugehörig.

In Vorau hat einer der Klosterleute, als er von mir erfuhr, ich sei nicht getauft, gesagt: Ich werde für dich beten. Dann lieber doch Anforderungen, die ich selbst überschauen kann und denen ich mich selbst zu stellen habe, ohne Umweg über die Fürbitte Dritter bei höheren und höchsten Instanzen.

In Berlin wartete die Studienzulassung auf ihn. Die Anforderungen, von denen am Schluß jenes Kirchenmaler-Zweiseiters die Rede ist, sollten bald sehr konkret werden. Auch war die Nagelprobe darauf, inwieweit er sie selbst überschauen würde, in absehbare Nähe gerückt, ebenso die Frage der Notwendigkeit einer fremden Hilfestellung bei allerlei Instanzen.

Ein neuer Aufbruch also, aber kein anderer R. Mit dem Abiturzeugnis und der Zulassung zum Physikstudium in der Tasche verläßt ein junger Mann abermals sein Elternhaus im Westen Berlins, genauer gesagt: im Südwesten, am Rande des Grunewalds. Im Stadtbezirk Zehlendorf. Es ist jener junge Mann, den wir schon auf Stromboli und Lampedusa erlebt haben, in Roms Armenvierteln, in Neapel in den Klauen arschkalter Trickbetrüger und im Chorherrenstift Vorau als Famulus eines Kirchenmalers. Diesesmal ist sein Reiseziel nicht Italien, sondern die Universitätstadt Rostock, wo er sich zu studieren anschickt.

Rostock liegt im Osten Deutschlands, genauer gesagt: im Nordosten. Der weitaus größere Teil deutscher Binnenwanderer ging zu jener Zeit in entgegengesetzter Richtung, von Ost nach West – meist eine Reise ohne Wiederkehr. Er aber hat mit den Eltern vereinbart, in einer, spätestens in zwei Wochen wieder zu Hause sein, als frischgebackener Student: mit schmutziger Wäsche im Gepäck, den ersten Vorlesungsmitschriften und Büchern. Auf jeden Fall wird er viel zu erzählen haben vom Semesterbeginn, von der Unterbringung, von etwaigen neuen Freunden.

Beim Aufbruch in die andere Welt trägt R. nicht viel mit sich, nur einen Hebammenkoffer aus brüchigem Leder. Die waren damals in als Requisit des Unangepaßtseins, zumal bei Bartträgern. Sobald die Tür ins Schloß fällt, blickt der angehende Student auf die Trümmerlücke in der Häuserfront jenseits der Straße. Der aufregendste Abenteuerspielplatz, der sich denken läßt. Keller, meist halb eingestürzt, die ein nur schwer begehbares Labyrinth bilden. Auf brüchigen Mauerresten hochstämmige Birken, die Schutthalden übergrünt mit dichten Schlägen Vogelmiere Schachtelhalm Taubnessel. Hier in den Ruinen – und im Wald an der nahen Rodelbahn – hatten er und seine Gefährten einander allerlei haarsträubende Mutproben abverlangt. Hier hatte er gelernt, wie Bunkerscheiße riecht. Und wie man sich fühlt, wenn man sich unter den Anfeuerungsrufen der Spielkameraden an einer abgebrochenen Zimmerdecke entlanghangelt. Oder wenn man Gewehrpatronen in ein prasselndes Feuer wirft, während die anderen hinter Bäumen Deckung suchen. Im Vergleich dazu hatte ich in den Bergen Wyomings trotz waghalsiger Reiterkunststücke und dem gelegentlichen Wettklettern zu einem Adlerhorst in der Felswand eine ausgesprochen behütete Kindheit. Auch habe ich nie wirklich nachfühlen können, was er vom Hunger im Nachkriegsberlin erzählte. Hatten wir gemeinsam gegessen und waren beide satt, aber es gab noch Reste, deutete er darauf und sagte: „Meine Mutter würde jetzt sagen: Mach alle!“ Schüttelte ich darauf den Kopf, aß er, was übrig geblieben war, selbst.

Oft hatten sie hier in den Trümmern Trapper und Indianer gespielt, und wenn das Kalumet qualmend die Runde machte, hatte er davon geträumt, als Trapper in Amerika zu leben. In einem Tipi oder in einer Blockhütte aus nicht entrindeten Weißtannenstämmen. An einem See, in dem sich Otter und Biber tummeln – warum sollte der nicht in Montana oder Wyoming liegen? Ich würde sagen: Beartooth Mountains. Die Felle würde er beim alljährlichen Rendezvous mit Pelzhändlern gegen Whisky, Tabak und Schießvorrat eintauschen. Zu diesen Jahrmärkten würden von überallher die Mountainmen kommen, die er sich als verwegene Gestalten mit struppigen Bärten und zottigen Fellmützen vorstellt.

Es würde, so hatte er es sich gedacht, bei diesen Treffen wilde Wiedersehensfeiern geben nach den Monaten der Einsamkeit an seinem See. Auch mit befreundeten Indianern, Tomahawk und Friedenspfeife am Gürtel – Schoschonen Cheyenne Crow. Er kannte sie von der Jagd – und aus Büchern. Sie hatten ihm beigebracht, wie man mit grünem Holz schnell ein Feuer entfacht, wie man aus Hufspuren liest, ob ein Reiter schon sechs oder erst zwei Stunden unterwegs war. Ob eine Elchfährte von einem Spießer oder von einem Schaufler stammte.

Er rückt seine Brille zurecht und macht sich auf den Weg. Nach knapp zehn Minuten ist er am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte. Einmal einfach, sagt er und reicht ein Westmarkstück durchs Schalterfenster. Mit dem blaubedruckten Fahrschein aus der Handkurbelmaschine werden ihm Münzen als Wechselgeld zurückgereicht, siebzig Pfennige. Er geht die Treppe hinunter auf den vom Oberlicht erhellten Bahnsteig. Der Zug kommt, als Endstation ist Pankow Vinetastraße angezeigt.

Der Reisende hat von der versunkenen Stadt Vineta gehört, dem Atlantis der Ostsee. Doch denkt er, denke ich mir, in diesem Augenblick weder an den Novembersturm, der Vineta untergehen ließ, noch an eine andere sich heute aufdrängende Paralelle: Rostock, immerhin, liegt an der Ostsee, wenn auch nicht dort, wo einst Vineta lag. Alle hundert Jahre soll man die Glocken auf Vinetas Türmen aus der Tiefe der See läuten hören.

Vinetastraße einsteigen bitteee, quäkt eine Lautsprecherstimme. Ich steige ein. Die Türen schließen, Vinetazuurückbleim. Der Wagen ruckt an. Als bunt verwischter Eindruck leuchten in den Wagenfenstern grell die Lichter der Ladenstraße neben dem Bahnsteig nach, bis im Tunnel die Abteilbeleuchtung angeht. Am Bahnhof Gleisdreieck wechselt das Triebwagenpersonal; dann fährt der Zug weiter, hinein in den Tunnel in Richtung Potsdamer Platz. Für einen kurzen Augenblick erlischt beim Passieren der Grenze das Licht in den Wagen.

Über der Erde auch hier weitläufige Trümmerberge, bewachsen mit Goldraute und üppigen Schachtelhalmwiesen. Übermütig wuchernde Bestände an Springkraut, durchsetzt mit anderem Grünzeug. Prächtig gedeihen Disteln und Löwenzahn, dazwischen leuchten hellgrüne Birken, Zierde putzloser Mauerklippen. An ausgewählten Standorten würden bald weitaus seltenere Pflanzen hinzukommen. Knabenkraut und Pfeifengras zum Beispiel, auch der Teufelsabbiß, ja, sogar die sibirische Schwertlilie; vom Verkehrsstrom unbehelligt, unerreicht durch Passsanten. Es gab Zeiten, da stieg man dort trotz aller Schilder Striche hell blinkenden Nägel im Asphalt aus einer der haltenden Straßenbahnen in eine andere um, Triebwagen wie Hänger mit unveränderter Liniennummer. Zwischen den Haltestellen ein Schilderwald: Sie verlassen jetzt den amerikanischen sowjetischen britischen Sektor. Ende des Demokratischen Sektors von Groß-Berlin. Sarah Kirsch hat den Potsdamer Platz zwei Jahrzehnte nach dem Bau der Mauer beschrieben, als nur noch die weltstädtischen Kaninchen sich dort aushüpfen konnten: Durch das verschwundene Hotel / Fliegen die Mauersegler / Die Nebel steigen / Aus wunderbaren Wiesen und Sträuchern… Mutter hat mir das Gedicht in einem schmalen Bändchen von einer ihrer Rentnerreisen mitgebracht.

Irgendwann muß ich mir Zeit nehmen für eine erschöpfende pflanzengeographische Untersuchung innerstädtischer Ruinenflächen im Nachkriegsberlin unter besonderer Berücksichtigung der Verbreitung von Goldraute und Melde.

Am Alexanderplatz steigt der Reisende aus. Er geht mit allerlei Rosinen über Sozialismus und Menschheitsbeglückung im Kopf in den Osten. Das Leben dort kennt er bisher nur durch kurze Abstecher. Das waren zumeist Besuche bei seinen Tanten in Magdeburg und Aufenthalte in Ferienlagern der FDJ, einer Jugendorganisation, der er mit vierzehn freiwillig beigetreten ist (im Osten, das weiß er, war es mit der FDJ und der Freiwilligkeit anders bestellt; aber er ist ja, bitteschön, ein Linker, und linker als FDJ ging es damals in West-Berlin nicht). Auch in Törnstedt ist er schon mehrfach gewesen, beim Vater, der seit fünf Jahren an der dortigen Universität Mathematikprofessor ist, zu den Wochenenden jedoch gleichfalls in das Haus am Grunewald kommt.

Mein erster Besuch in Törnstedt war im  Februar 55: Wir hatten eine Woche Kälteferien, um der Schule das Heizen zu ersparen. Ich begleitete Vater nach Törnstedt. Die Stadt war im Krieg unzerstört geblieben, der letzte Stadkommandant hatte sie kampflos der vorrückenden Sowjetarmee übergeben. Winklige Gassen, zwei Backsteinkirchen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: die Marienkirche plump, den Giebelhäusern auflastend wie eine Glucke, die Nikolaikirche (der Dom) weit ausladend, mit einem eher grazilen Turm, der leider nicht bestiegen werden durfte. Die Kälte war auch hier enorm, dazu wehte es von der Ostsee her.

Das Zimmerchen, in dem Vater zur Untermiete wohnte, war nur schwer warmzukriegen. Der Fluß bei der Stadt dick zugefroren. In einem klapprigen Bus mit Anhänger fährt man bis zu dem Fischerdorf, bei dem dieser Fluß, der Ryck (den Namen habe ich lange nicht behalten können) in den Bodden mündet. Eingefrorene Fischkutter und ein zweimastiges Segelschulschiff. Leute gingen auf dem Eis spazieren. Ich kann mir nicht vorstellen, in T. zu leben, schrieb ich damals in mein Tagebuch, trotz des Unzerstörtseins. Alles ist so klein und verschachtelt. Die Kinder rodeln das kurze Stück den alten Stadtwall runter. Zum Glück haben sie für Vater noch keine Wohnung gefunden, in der wir alle vier unterkommen könnten.

Die Zuwanderungsstelle befand sich unweit des Alex im zweiten Stock eines halbzerstörten Gebäudes. Das Schild neben der fensterlosen Pendeltür gab zu verstehen, die Institution sei für Zuziehende und Rückkehrer da. R. wies seine Studienzulassung vor und sagte, rechtzeitig zur Immatrikulation am nächsten Tag in Rostock sein zu müssen.

Meine Rechnung ging auf. Man steckte mich nicht in ein Lager, sondern gab mir ein Schreiben für die Zugkontrolle am Stadtrand Berlins und die Rostocker Polizei. Dort sollte ich zunächst auf der Meldestelle, dann bei der Abteilung Wohnraumlenkung vorsprechen. Meinen Westausweis beließ man mir, jedoch gelocht und somit ungültig.

Ich wurde zu einem Tisch nahe dem Ausgang geführt, offensichtlich der letzten Station der Prozedur. Man bat mich, noch einmal Platz zu nehmen. Ohne Schärfe wurde ich fragt: Sie haben noch Westgeld? Ja. Das Wechselgeld für meinen U-Bahn-Fahrschein. Sie wissen, daß der Besitz dieser Währung bei uns illegal ist? Also raus damit! Ich verzog das Gesicht zu einer hilflosen Grimasse und zuckte die Schultern. Während ich dem Vertreter der Arbeiterundbauernmacht siebzig illegal eingeführte Westpfennige aus meiner Hosentasche hinzählte, sagte dieser: Daß ihr alle so an diesem Giftzeugs klebt.

Später wird R. Situationen erleben, in denen Westgeld (und anderes Giftzeugs) als Lebenssaft der sozialistischen Planwirtschaft eine bemerkenswert wichtige Rolle spielt. Er wird andererseits häufig ähnlich klingende Belehrungen über die demoralisierende Wirkung des Giftzeugs Valuta zu hören bekommen. Lange Zeit wird er den Widerspruch schlucken, denn er glaubt an das ferne große Ziel: die klassenlose Gesellschaft, der Mensch des Menschen Bruder, nicht des Menschen Wolf; in einer Welt ohne Ausbeutung gibt jeder nach seinen Fähigkeiten, erhält nach seinen Bedürfnissen. Seine Vorstellung vom Kommunismus ist irgendwo zwischen dem Urchristentum, der Pariser Commune und dem Einanderhelfen der Fischer auf Lampedusa angesiedelt. Und er weiß – er glaubt, es zu wissen –, daß am Weg in eine solche Gesellschaft dieses andere Deutschland liegt, zu dem mit Haut und Haaren zu bekennen er sich eben anschickt – ein Deutschland ohne Nazirichter Nazilehrer Nazigenerale, die im Westen weitermachen konnten, als sei nichts geschehen. Dieser Glaube sollte von Nebensächlichem nicht gefährdet werden.

Da ging es ihm nicht anders als anderen. R. schrieb irgendwann in ein Heft mit Lesenotizen: Stefan Heym, selbst ein Westzuzug, hat in seinem Bericht über einen Aufenthalt in der Sowjetunion von einem spezifischen Fall des Glaubens an die Sache geschrieben: Kein Mensch in der Sowjetunion wird behaupten, daß dort der plastische Film schon vollkommen sei. Man muß den Kopf in einer bestimmten Stellung halten, um den vollen Effekt des Plastischen zu erfassen. Das bringt eine gewisse Ermüdung der Nackenmuskeln mit sich, und die plastischen Filme werden daher mit einer Spieldauer von durchschnittlich nur vierzig Minuten gedreht. Aber immerhin ist man hier, glaube ich, schon wesentlich weiter als im Westen. Den Kopf in einer bestimmten Stellung zu halten, um den gewünschten Effekt zu erfassen, um den Glauben, schon wesentlich weiter als im Westen zu sein, nicht zu erschüttern, um die Mißhelligkeiten des täglichen Lebens in ihrer Bedeutung für eine glückliche Zukunft der Menschheit herabzumindern – das kann zur Gewohnheit werden. Allerdings auch die Ermüdung der Nackenmuskeln.

Ich sehe R. in einem Traum, den er in einem Nachtbilder betitelten Heft notiert hat, auf einem zerstörten Bahnhof stehen. Es ist der alte Potsdamer Bahnhof in Berlin, wie ich ihn von Bildern aus der Nachkriegszeit kenne: kein Dach mehr, nur noch Mauerreste; im Bahnsteig Granattrichter. Weit weg, in der früheren – inzwischen dachlosen – Eingangshalle, steht Stefan Heym in amerikanischer Armeeuniform und preist lautstark sein Buch an: Reise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, ruft er, die unbequeme Wahrheit über die Sowjetunion. Und dazu gratis eine Schachtel mit Salbe zur Entspannung der schmerzenden Nackenmuskeln…

Ich sehe niemanden, der dem Uniformierten eins der Bücher abkauft, selbst mit der Salbe als Zugabe. Außer R. und einer Person weit vorn auf dem Bahnsteig ist überhaupt niemand zu sehen. Das Gesicht des weit entfernt Wartenden kann ich nicht erkennen; er (sie?) ist von Kopf bis Fuß in ein weißes Tuch gehüllt. Personenzüge mit langen Trittbrettern und sich nach draußen zu öffnenden Abteiltüren kommen an, halten und fahren wieder ab – in die Richtung, aus der sie gekommen sind. Ein Zug, aus dem niemand schaut, nähert sich, hält. Niemand steigt aus. Die weißgewandete Person steigt ein, der Zug fährt ab – und zwar in eine Tunnelöffnung, die vorher nicht da war (oder die R. nicht bemerkt hatte?).

Als die Schlußlichter des Zuges im Dunkel der Tunnelöffnung nicht mehr zu sehen sind, entnimmt R. seinem Koffer ein weißes Tuch und legt es an. Schließlich kommt wieder ein Zug. Niemand steigt aus. Aus einem Lautsprecher dröhnt es: Vineta einsteigen bitte! Zuuuurückbleiben! Als einziger Fahrgast steigt R. zu. Hastig schließt er die Abteiltür hinter sich. Ich sehe gleich darauf den Zug abfahren und in dem Tunnel verschwinden.

Am nächsten Morgen soll R. eine lange Zugfahrt antreten. Das Erlebnis seines Verschwindens im Unbekannten der Tunnelöffnung veranlaßt ihn, die kommende – unaufschiebbare – Reise aufs Flugzeug umzubuchen. Während des Wartens auf dem Flugplatz tritt unerwartet Nebel auf. Die Fluggesellschaft bucht daraufhin alle Passagiere ungefragt auf die Eisenbahn um, auch R. bucht man auf den Zug zurück. Im Nieselregen wartet er auf den Bus, der ihn zur Bahnstation bringen soll. Als der endlich kommt, ist R. klitschnaß. Auf dem Bahnhof landet er zum Umziehen in einem Duschraum. Aus seinem Gepäck fischt er ein weißes Laken. Am Kofferrand fällt ihm ein Klebezettel auf: Törnstedt via Rostock Hauptbahnhof.

Der nach kurzem Warten einfahrende Zug hat moderne Wagen, keine nach außen führenden Abteiltüren. Niemand steigt aus. Mit anderen Weißgekleideten steigt R. ein. Ein langgezogener Pfiff ertönt.

Ich habe mir Heyms Reisebericht über die Fernleihe der Uni-Bibliothek nach Columbus kommen lassen. Darin finden sich auch andere interessante Passagen, zum Beispiel: Die Sowjetunion kennt außer Untersuchungsgefängnissen, in denen die Untersuchungshäftlinge nur eine beschränkte Zeit bis zum Prozeß verbringen, keine Gefängnisse und Zuchthäuser. Die düsteren, grauen, von hohen glasgespickten Mauern umgebenen Gebäude mit ihren vergitterten Fensterchen, ihren Zellenrundgängen, ihren Hinrichtungskammern, ihren elektrischen Stühlen findet man von Wladiwostok bis Kaliningrad, von Baku bis Archangelsk nirgends. Wer Makarenkos Schriften über die Umerziehung verwilderter Jugendlicher in den Jahren nach der Revolution gelesen hat, kann sich ein gutes Bild von dem Strafvollzug in der Sowjetunion machen. Oder diese: Ich habe mich besonders erkundigt, ob sich noch deutsche Kriegsgefangene in der Sowjetunion befinden. Es gibt keine mehr dort.

Mit ganz ähnlichen Vorstellungen von einer Gulag-Lüge im Handgepäck ist R. in ein Orwellsches Disneyland übergesiedelt. Er hat nicht nur nicht glauben wollen, was über Workuta Bautzen die Schauprozesse gesprochen wurde. Er hat nicht einmal hingehört, wenn davon die Rede war. Weil es nicht wahr sein durfte und also nicht wahr sein konnte.

Auf seine – gelinde gesagt -Verharmlosung des sowjetischen Strafvollzugs kommt Stefan Heym in einem zwanzig Jahre nach der Niederschrift veröffentlichten Tagebuch noch einmal zurück, als er bei einer Lesung im Schloß Köpenick im Herbst 1976 danach gefragt wird: Reise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten, wie ich denn dazu gekommen sei. Ich spreche vom 17. Juni, dem Eingreifen der sowjetischen Panzer, den Ressentiments bei den deutschen Arbeitern, ihren Fragen, ihren Zweifeln, der Notwendigkeit, einmal Antwort zu geben. Leider sei das Buch, vor dem 20. Parteitag geschrieben, nicht in allen Punkten der Wahrheit entsprechend. Zum Beispiel hätte ich erklärt: Straflager, das gäbe es nicht. Das war die Antwort, die ich im Justizministerium der Sowjetunion erhielt, auf meine direkte Frage. Offensichtlich sei ich belogen worden.

Als alle davon sprachen, ab morgen sei der Krieg aus, fragte ich meine Mutter: Und was kommt dann? Frieden? Nein, sagte sie, jetzt kommt der Nachkrieg. Frieden ist erst, wenn ich keine Strümpfe mehr stopfen muß, sondern gleich neue kaufe. Mutter hatte an diesem Tag große Wäsche. Wir – Mutter, Schwester Herta und ich – lebten seit ein paar Wochen in Zilly, einem Dorf nördlich des Harzes. Dort in Zilly wurde ich eingeschult, im ungeheizten Schulzimmer lernte ich schreiben. Auf einer Schiefertafel. Mit dem Griffel kratzte ich zunächst einzelne Buchstaben in die schwarze Platte, dann Reihen von Buchstaben, bald ganze Wörter. Und schließlich Sätze: Die Blume blüht. Das Gras ist grün. Mein Schuh hat ein Loch.

Ich versuchte, nicht allzu schlimm zu krakeln. War die Tafel voll, wurde abgewischt und Neues geschrieben: Haustor Leiter Leiterwagen Apfelbaum. Zu Hause probierte ich: Ob Vati noch lebt? Wie schmeckt Schokolade? Die Sonne geht schlafen, wenn ich ins Bett muß. Warum soll die Erde rund sein? Später kamen Stromsperre Heimkehrer Schwarzmarkt Lebensmittelkartenstammabschnitt Gaszuteilung und Kleiderpunkte in mein Repertoire. Heute sitze ich vor diesem Keyboard und auf dem Bildschirm erscheint, was ich eintippe. Wenn ich etwas löschen will, brauche ich nicht mehr Schwamm und Lappen, sondern drücke einen Knopf. Mit dem Internet habe ich Zugang zu allen Wörterbüchern der Welt und Zeitungen auf den Fidschi-Inseln und jeder Menge gescannter Archivdokumente und überhaupt zum Weltwissen, ohne das Schreiben lange unterbrechen zu müssen. Zwischen Schiefertafel und Computer liegt nur ein Menschenleben, in diesem Fall meins.

Beim Lesenlernen in Zilly rutschte mein Zeigefinger anfangs langsam die Zeile entlang, der Mund spitzte sich und formte die einzelnen Buchstaben hintereinander, sich sofort korrigierend, wenn nach dem e noch ein i auftauchte oder ein u. Das Lesenkönnen der Erwachsenen hatte mir schon lange imponiert. Es stachelte zum Nachäffen an. Mit einem Freund vom Nachbarhof (Namen vergessen) stellte ich mich vor den Kasten mit den Aushängen, die der Gemeindediener zuvor ausgeklingelt und lautstark verlesen hatte: Beeekanntmachung! Wir bewegten die Köpfe von links nach rechts und zurück nach links und wieder nach rechts und taten so, als könnten wir lesen, was da amtlich verlautbart wurde.

Der Freund wurde gemeinsam mit mir eingeschult. Bald brauchten wir nicht mehr so zu tun, als könnten wir lesen: wir konnten es. Und doch stellten wir uns wieder vor den Kasten und buchstabierten: Bekanntmachung Aufruf zum Kartoffelkäfersammeln Treffpunkt Gemeindeamt. Der Bürgermeister. Oder: Freigabe der Äcker zum Nachstoppeln. Bis mein Freund eines Tages überrascht sagte: Aber das hat er doch gar nicht ausgeklingelt.

Die Spur der Wörter aus R.s bisherigem Leben aufnehmen: Kesselschlacht Gasmaske Luftschutzkeller Volltreffer Flaksplitter Unterstand Schützengraben Vermißtenanzeige. Das Wort Treck lernte er erst aus Berichten von Nachkriegsillustrierten. Als er das erlebte, was es beschreibt, hieß es Flucht. Die Flucht begann Mitte Januar 1945 in Oberglogau, einem oberschlesischen Landstädtchen an der Hotzenplotz. Dorthin waren sie zu den Eltern der Mutter während der ersten schweren Bombenangriffe auf Berlin evakuiert worden. Auf einem offenen Lastwagen mit Holzgasgenerator floh die Mutter mit Herta und R. vor den Befreiern des siebzig Meilen von Oberglogau entfernten Konzentrationslagers Auschwitz. Knapp drei Monate später waren sie in Zilly. Zur gleichen Zeit waren aus Auschwitz und anderen Lagern zahlreiche Transporte in Richtung Westen unterwegs. Die SS hatte beim Heranrücken der Roten Armee die Häftlinge auf Todesmärsche getrieben oder in Viehwaggons verfrachtet. Die wenigsten kamen lebend am Bestimmungsort Buchenwald an. Begegnet ist R. auf der Flucht mit der Mutter und Herta keinem dieser Transporte, jedenfalls erwähnt er eine solche Begegnung nicht.

Die Spur der Wörter heute: Mauszeiger Mausfleck Ballungsraumzulage Password Diskettenlaufwerk Klimaveränderung Mauerspecht Impfverwirrung Inoffizieller Mitarbeiter. Das Wort Freund verlor schon Jahrzehnte vor der Inflationierung durch Facebook für R. seinen gewohnten Sinn. IM Peter Lindner schenkte ihm ein Foto mit einem handschriftlichen Vermerk auf der Rückseite: Meinem Freund R. Sogar datiert ist das Freundschaftspfand: 12.10.82. – Dieser 12. Oktober 1982 war ein Dienstag. Am Mittwoch der Woche davor hatte Stasi-Hauptmann Piehl von der Abteilung XV in Rostock ausweislich einer BStU gestempelten Seite aus einem mit OPK Reise beschrifteten Konvolut seinem IM bescheinigt, dieser sei bestens über die nächsten Vorhaben und Reisen des R. informiert. Anderthalb Jahre zuvor war IM Peter Lindner gemeinsam mit seiner Frau (IM Ursula) auf R. angesetzt worden. Neben die Widmung des Spitzels hat R. geschrieben: Freundschaft – was ist das?

Ich habe mich lange gegen die Vorstellung gewehrt, die Ehemaligesogenannte vor allem über Mauer und Stasi verstehen zu wollen, aber zentrale Themen des alltäglichen Lebens waren das offenbar doch.

In Rostock wurde R. von der Abteilung Wohnraumlenkung im Rathaus in das Studentenwohnheim Thierfelder Straße eingewiesen. Das war ein Barackenlager am Stadtrand; in der Nähe entstand eben der neue Zoo. Stuben und Badeöfen wurden mit Torf beheizt. Ehe die Vorlesungen begannen, ging es nach schier ewig dauernden Versammlungen und einer Einführung in die Benutzung der Universitätsbibliothek für drei Wochen in ein Dorf auf Rügen zum Kartoffelnsammeln.

In der ersten Optikvorlesung wies der Professor auf die Schwächen des menschlichen Auges hin. Insbesondere sei da die Sache mit dem blinden Fleck: der Stelle der Netzhaut, an der keine Rezeptoren sitzen, weil dort der Strang der Sehnerven das Augeninnere verläßt. Er warnte davor, Gesehenem voreilig Glauben zu schenken. Eigenes Denken, sagte er, sei bei der Beurteilung des Geschauten nötig. Zur Demonstration ließ er uns einen einfachen Versuch durchführen: Zeichnen Sie in Ihr Heft ein Kreuz und einen Kreis in etwa zehn bis zwölf Zentimeter Abstand. Rechts den Kreis, links das Kreuz. Bedecken Sie das rechte Auge und starren Sie mit dem linken Auge auf den Kreis. Variieren Sie den Abstand zwischen Auge und Papier so lange, bis das Kreuz verschwindet.

Den Angaben des Professors folgend, hat R. in seiner Vorlesungsmitschrift das Schema für dieses Experiment festgehalten: ein etwas schief geratenes Kreuz und einen dick mit dem Kugelschreiber ausgefüllten Kreis. Es läßt sich unschwer eine Versuchsvariante arrangieren, die beweist, daß man zum Nachweis des blinden Flecks den Kreis überhaupt nicht braucht. Zeichnen Sie links auf ein Stück Papier ein Kreuz, lassen Sie den Kreis einfach weg. Bedecken Sie das rechte Auge und starren Sie mit dem linken Auge auf die rechte Seitenhälfte – genau dorthin, wo der Kreis fehlt. Variieren Sie den Abstand zwischen Auge und Papier, bis das Kreuz verschwindet. Der Versuch führt übrigens auch mit einem Textstück anstelle der Kreuz-Kreis-Anordnung zum gewünschten Erfolg. Er macht aus einer  scheinbar eindeutigen Aussage eine Frage: Nie hat jemand diesen Satz bezweifelt – oder: hat jemand diesen Satz bezweifelt?  – Was steht denn nun wirklich da?

Unangenehmster Teil des Studienprogramms – aber Pflichtfach – war die Vormilitärische Ausbildung, einmal in der Woche im Barnstorfer Wald: Luftgewehrschießen, Geländedrill und jede Menge Rechtsum-Linksum-Schikane. Unangenehm, weil mit erheblichem Körperunbehagen verbunden und darüber hinaus nur schwierig – wenn überhaupt – in mein Bild vom friedliebenden sozialistischen Osten integrierbar. Ich bog meine Vorbehalte mit dem Argument zurecht, daß es in Westdeutschland längst die Wehrpflicht gab und machte das mit, was ich nie gewollt hatte: ich gehorchte Befehlen, die mir – zumindest –  gleichgültig waren. Von den Ausbildern wurden wir Studenten mit Kursant angeredet mangels anderer Dienstgrade bei diesem Lehrgang; eine Bezeichnung, die vermutlich aus dem Russischen rückgenutzt war.

Beim Robben im Barnstorfer Wald war meine Gruppe einmal in Hörweite von grünuniformierten Bereitschaftspolizisten geraten, die gleichfalls dort draußen übten. Ich hatte den Kopf gerade im Dreck und glaubte, meinen Ohren nicht trauen zu können. Eine befehlsgewohnte Stimme schrie: Gehen Sie auseinander! Sie verstoßen gegen gesetzliche Bestimmungen der DDR!

Dieses Auseinandergehen! hatte ich gehört, sooft ich mit Werner und unserer FDJ-Gruppe in West-Berlin bei Demos gewesen war, meist Gegendemonstrationen zu Traditionstreffen irgendwelcher SS-Verbände. Aber da war die Polizei unser Gegner gewesen, und hier übte ich an ihrer Seite. Auf einmal kam ich mir vor wie Don Quijote, der vom Pferd gefallen war: namenlos, mit der Fresse im dicksten Schlamm. Ein Kursant von der traurigen Gestalt auf der Suche nach der besseren Welt. Angeregt durch übermäßige Lektüre einschlägiger Ritter-, Reise- und Weltverbesserungsromane hatte ich mich im Sumpf verirrt. Und nun mußte ich mir anhören, daß auch hier die Polente zum Auseinanderjagen von Demonstranten abgerichtet wurde.

Ich spürte Angst in mir aufkommen. Es war die alte Angst, die ich immer gespürt hatte, wenn es hieß: Gehen Sie auseinander! Oder: Schlagstock frei! Und wenn ich die Wasserkanone in meine Richtung hatte schwenken sehen. Es war die Angst vor persönlicher Erniedrigung und möglicher Verletzung, die ich erst viel später losgeworden bin. Erst bei der Demo auf dem Berliner Alex fünf Tage vor dem Fall der Mauer wußte ich: Nun haben wir keine Angst mehr, auch ich nicht.

Ein Mitstudent aus Meißen, Konrad, lag neben ihm in der Plempe. Er war der erste, mit dem R. Freundschaft geschlossen hatte. Trotzdem würde er mit Konrad nicht über all das sprechen können, was ihm durch den Kopf ging. Er hatte ihm nie von den Demonstrationen berichtet, bei denen er mit Werner – seinem engsten Freund aus den frühen FDJ-Tagen – gewesen war. Nicht von knüppelschwingenden dreschenden laut schreienden Polizisten und nicht von ihren Diensthunden, die kläffend an der Kette zerrten. Auch nicht von Wasserwerfern.

Konrad hielt vieles von dem, was R. aus seinem bisherigen Leben erzählte, ohnehin für Aufschneiderei. Sprach er von seiner Italienreise, grinste der Sachse breit und sagte: Du Pranzer!

Manche Dinge über das Leben im Osten hat R. anfangs nicht nur nicht glauben wollen, sondern hat sie tatsächlich nicht geglaubt. Dazu gehörte, wie der SSD – so hieß damals die Stasi – Spitzel warb. Doch wurde er bald eines Besseren belehrt. Er war noch kein Jahr in Rostock, da versuchten sie, sich an ihn heranzumachen. Im Studentenheim sprach ihn ein Unbekannter an, hielt ihm eine Kripo-Blechmarke vor und sagte, es seien in letzter Zeit häufig Diebstähle unter den Kommilitonen vorgekommen, er brauche seine Hilfe. Bald rückte der Mann mit der Sprache raus: einem Westzuzügler würden sich die anderen doch am ehesten anvertrauen, wenn es um politisch abweichende Meinungen gehe. Und an diesen abweichenden – und also feindlichen – Meinungen sei er interessiert.

R. lehnte eine Mitarbeit ab und war auch noch stolz darauf, daß man Nein sagen konnte und daß daraufhin nichts geschah; hielt das gar für eine Bestätigung dessen, daß die Spitzelwerbung doch nicht so ablief, wie der Westen sie darstellte: Entweder – oder. Allerdings hat er mit niemandem über die versuchte Anwerbung gesprochen. Die geforderte Verschwiegenheit, glaubte er, sei sein Anteil an einem Geschäft: Du hältst den Mund, und wir vergessen die Sache.

R. hielt, wenn ich seinen Niederschriften über die erste Rostocker Zeit trauen darf, weder im Marxismusseminar (das auch für Physiker und, wie ich mir habe sagen lassen, sogar für Theologiestudenten Pflicht war) noch bei Diskussionen über Jazz oder abstrakte Kunst mit seiner Meinung zurück und galt manchen, die einfach sagten, was gefordert wurde, als Sonderling: der rote Brilli ausm Westen mit Bart. Trotz allem fühlte er noch immer, was selbst Leute wie Angela Merkel empfanden; in einem Interview mit Günter Gaus hat sie es zu Beginn ihrer politischen Karriere auf einen einfachen Nenner gebracht: Ich war gern in der FDJ.

Vielleicht hätte ich tatsächlich die Physik Physik und Rostock Rostock sein lassen – ehe es mit dem Bau der Mauer dafür zu spät war.

Und dann?

Ich hätte woandershin auswandern sollen, wenn mir der Westen nicht gefiel. Nach Australien oder nach Kanada. Mußte es ausgerechnet Rostock und die DDR sein?

Vielleicht meintest du ohnehin irgendeine beliebige neue Welt. Die Insel Felsenburg oder so. Vielleicht gar Amerika?

Ich weiß nicht. Damals war mein Bild von Amerika vorrangig durch Kriegstreiber Rassisten Ausbeuter geprägt.

Na – dann hättest du nach Hans Schomburgks Afrika gehen können, zu Büffeln und Flußpferden.

Ja, warum eigentlich nicht. Am Ende wäre aus mir ein erfolgreicher Großwildjäger mit Büchse, Kamera und Fangkäfig geworden. Oder ein Diamantenkönig, ein skrupelloser Umweltterrorist, der investiert, wo die Gesetze am mürbesten sind und die Politiker am korruptesten. Der sich am Einschlag des tropischen Regenwaldes bereichert, wo immer sich die profitable Gelegenheit dazu bietet. Oder ein Schiffsmakler mit höchst undurchsichtigen Verbindungen globalen Zuschnitts.

Auch zu Piraten am Horn von Afrika?

Auch zu Piraten am Horn von Afrika. Jemand, der mitnimmt, was sich mitnehmen läßt.

Von jedem, ohne Ansehen der Hautfarbe?

Geld kennt keine Moral und keine Hautfarbe. Ich wäre eher ein Geschäftsmann ohne jedwede Hemmungen geworden. Der wie ein Mafioso und Drogenhändler sonntags mit der Familie brav in die Kirche geht. Der nach wechselhaftem Werdegang schließlich irgendwo umgebracht wird. Gehängt erschossen gevierteilt.

Wir hatten beide gelacht. Keine Biografie ist so zwingend, daß nur eine Wahl möglich gewesen wäre, hatte ich schließlich gesagt. Und er: Donnerwetter, ist das von dir? Nein, hatte ich abgewinkt, habe ich irgendwo aufgeschnappt, wozu gibt’s kluge Vordenker. Also – wie wäre es hiermit: Du machst nicht in Rostock und nicht in Törnstedt, sondern in Sofia in Bulgarien das Diplom als Physiker, findest mit einer bulgarischen Frau eine interessante Reisetätigkeit im Kundendienst einer großen volkseigenen Fabrik irgendwo im mitteldeutschen Industriegebiet zwischen Elbe und Leuna, scheiterst schließlich als Reisekader und –

Wegen der Westverwandtschaft?

Das wird sich herausstellen. Jedenfalls ziehst du mit Frau und zwei Söhnen nach Törnstedt. Dort scheitert auch deine Ehe endgültig. Du wirst freischaffender Schriftsteller. Das Schreiben ernährt den Mann, weil du das richtige Thema gewählt hast: Entdecker und alte Reisende – James Cook und Konsorten, bis hin zu Captain Scott und Admiral Peary. So engagiert wie nötig und so unpolitisch wie möglich. Aus deinen politischen Träumen ist nämlich spätestens seit dem Panzereinmarsch in Prag die Luft raus. Du schreibst in deiner enttäuschten Wut ein Flugblatt und bringst es, wie du es bei der Zehlendorfer FDJ gelernt hast, unerkannt unter die Leute. Du hast Angst, Magengeschwüre zu bekommen, wenn du untätig bleibst: Gegen Panzer ist nur ein Kraut gewachsen: die stille Revolution. Gegen Dummheit hilft nur die Wahrheit. Die DDR darf kein Paradies für bürokratische Sesselfurzer und Karrieristen bleiben. Sie muß endlich ein sozialistisches Land werden, in dem es sich leben läßt.

Zur Zeit dieses Gesprächs wußte ich aus seinem eigenen Erzählen schon ziemlich viel über ihn. Heute wird R. mir, je mehr ich über ihn nachdenke und je mehr ich über ihn schreibe, immer rätselhafter. Rätselhaft ist nicht das passende Wort – was ich sagen will, ist: R.s Konturen verschwimmen, je tiefer ich mich in ihn hineinzuversetzen suche, immer mehr zwischen dem in meiner Erinnerung gewachsenen Bild von ihm und dem, was sich als quellenmäßig gesichert dazwischenzudrängen sucht. Nicht immer fällt die Entscheidung, den vorliegenden Schriftkram einfach zu ignorieren, so leicht wie im Fall einer BStU-Seite (Blatt 101 seiner Stasi-Akte), datiert zwanzig Jahre nach jener U-Bahnfahrt von Onkel Toms Hütte zum Alex: Der R. ist nach dem Abschluß der Schule in die DDR übergesiedelt. Es wird eingeschätzt, daß dieser Schritt nicht aus Überzeugung erfolgte, sondern weil sich für ihn in der DDR gute Arbeitsmöglichkeiten boten.

Es wurde ganz offensichtlich falsch eingeschätzt. Das Motiv aus Überzeugung kam in der Checkliste der Einschätzer im zuständigen Organ wohl nicht vor. Dachte er wirklich, er wechsele lediglich von einer deutschen Stadt in eine andere? Sein erster blauer DDR-Reisepass (für deutsche Staatsangehörige) legt eine solche Vermutung nahe. Die separate Staatsbürgerschaft hat Ulbricht erst später erfunden, um die sogenannte Republikflucht zu kriminalisieren. Auch das Wort für den Umzug von West nach Ost wandelte sich mit der Zeit. Die Stasi nennt R. mal, wie erwähnt, übergesiedelt, neun Blatt später heißt es gar sprachgewaltig: R. ist zuzügig von 1958 aus Berlin-West. Ein andermal ist er ein Zuziehender aus WB. Heute sagt man (Quelle zu diesem Beispiel läßt sich ergoogeln), das Glaskugelhaus am Wiener Platz von Dresden stamme von einem aus Westdeutschland nach Dresden gewechselten Architekten.

Der Entdeckungsreisende R., mit dem Hebammenkoffer in der Hand und ziemlich wirren Sozialismusträumen hinter der jungen Denkerstirn, ist vom Rande des Grunewalds nach Rostock aufgebrochen, einer Stadt im Norden im Osten, weit jenseits der Elbe an eben jenem Meer gelegen, von dem bei Strabo die Rede ist. Zwecks Studium der Physik, wie erinnerlich. Er hat sein Eintrittsgeld für das ersehnte Wunschbiotop gleich beim Betreten desselben entrichten müssen, am Berliner Alex. In Westgeld. Zwar Kleinkram, aber immerhin. Später kamen ab und an kleine Schläge auf den von einer gewissen Ermüdung der Muskeln bedrohten Nacken hinzu, als Ratenzahlung: die Volkspolizei auch dort zum Eindreschen aufs aufmüpfige Volk abgerichtet zu sehen steht als Beispiel zu Buche. Ebenso die Erkenntnis, daß zwar, wie im Westen behauptet, tatsächlich Spitzel geworben wurden, allerdings mit der Erfahrung verwässert, man könne sich dem Anwerbungsversuch des Organs durchaus verweigern. Nie folgte der große Hammer, etwas, das ihn zur Umkehr veranlaßt hätte, ehe die Falle beim Mauerbau zuschnappte. Keine Verhaftung wegen eines Witzes in der Kneipe mit mehrjähriger Haft in Bautzen, keine Exmatrikulation aufgrund fehlender oder mangelnder sozialistischer Wehrfreudigkeit. Oder abhandengekommenen Klassenstandpunktes. Sowas erlebten andere, für R. blieb noch lange das Privileg einer Resthoffnung auf die mögliche Besserung des Systems. Einer Resthoffnung verbunden mit zunehmender Ermüdung der Nackenmuskeln.

Nach den Geländeübungen im Barnstorfer Wald ging das Semester langsam zu Ende. Alle Mitglieder unserer Seminargruppe – wir waren ein Dutzend – mußten während der Sommermonate zwei Wochen praktische Arbeit leisten. Ehe es soweit war, hatten wir zwei Kommilitonen für einen Lehrgang in vormilitärischer Ausbildung irgendwo auf Rügen (Prora? Breege?) zu benennen. Die beiden waren damit vom Arbeitseinsatz befreit. Niemand drängelte sich, die Schindereien vom Barnstorfer Wald nun auch noch als unbezahltes Ferienvergnügen über sich ergehen zu lassen. Es kam zu einer erhitzten Diskussion während einer eigens dazu anberaumten Versammlung der Seminargruppe. Ehe Streichhölzchen gezogen wurden, schlug ich vor, den Ferienverdienst in einen großen Topf zu tun und auf alle – einschließlich der beiden ins Militärlager abgestellten Studenten – gleichmäßig aufzuteilen. Der Vorschlag war eine Spur zu kommunistisch gedacht, wie sich zeigen sollte. Es wurde darüber abgestimmt, meine war die einzige Ja-Stimme.

Warum bist du eigentlich nie in die Partei eingetreten? Wenn man dich so hört, hattest du trotz der damit verbundenen Schmerzen doch noch immer die Bereitschaft zu weiterem Nackenverrenken.

Du meinst, um die Wirklichkeit durch Überzeugungsarbeit den Parolen anzunähern?

Ja, klar. Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift. Hieß doch so, oder?

Für die meisten Parteimitglieder, die ich kannte, war ihr Engagement vor allem von Karriererücksichten bestimmt. Und das kam für mich gleich vor Kriechertum.

Du mußt doch auch Idealisten getroffen haben.

Das waren aber nicht die Bestimmer.

Ein Karrierist wolltest du also nicht sein.

Karrieristen gabs hüben wie drüben. Da hätte ich ja gleich im Westen bleiben können. Als Atommüllkommissar oder als Landtagsabgeordneter irgendeiner Weltverbesserergruppe – im Grunde alles Parteikarrieren.

Du wolltest verändern, ohne dich anpassen zu müssen.

Und ohne den Marsch durch die Institutionen.

Das Schlagwort gab es damals noch nicht.

Aber doch die daran geknüpften Fallstricke. Und auf die hat mich zum Glück vor meinem Weggang der Häuptling der Zehlendorfer SED hingewiesen. Sicherlich unbewußt. Ich will ihm die besten Absichten unterstellen; aber er ließ die Katze aus dem Sack, als er mich ins Kreisbüro am Teltower Damm bestellte und sagte: Wir hätten dich zwar lieber hierbehalten, man kann auch an der Freien Universität in Dahlem Physik studieren und dort politisch arbeiten.

Er sagte bestimmt: an der sogenannten Freien Universität.

Vermutlich. Aber er wollte auf etwas ganz anderes hinaus. Wenn du schon unbedingt in die DDR gehen willst, sagte er mir, dann tritt doch noch hier bei uns in die Partei ein. Du wirst nur Vorteile davon haben. – Als hätte ich es auf Vorteile abgesehen. Damals stand für mich fest: in dem Verein wirst du nie Mitglied.

Nie? Und an dem Entschluss gab es nichts zu rütteln?

Vielleicht war ich einfach ein Glückspilz und die Versuchungen waren nie stark genug.

Die zwei Wochen Arbeitseinsatz in den Sommerferien waren keineswegs ein Fachpraktikum, sondern eine ideologische Verbeugung vor der zum Fetisch erklärten Arbeiterklasse. Und eine Reaktion auf den Mangel an Arbeitskräften auf allen Gebieten. Die Abwanderung in den Westen riß täglich spürbare Lücken. Ich wollte in den Ferien nach Bulgarien, wo von einer Reise der Eltern im Vorjahr noch Geld übrig war; Vater hatte es bei Vorträgen an der dortigen Uni verdient. Ein bulgarischer Kollege und Freund meines Vaters schickte mir die für den Paß benötigte Einladung. Um die Reise wegen des Arbeitseinsatzes nicht abkürzen zu müssen, holte ich mir die Erlaubnis, diesen in einem bulgarischen Studentenlager ableisten zu können. Dort in den Bergen, beim Anlegen einer Obstplantage mit Spitzhacken und Schaufeln, lernte ich Irina kennen.

Zur Fortsetzung                                                               ZUM  ROMANANFANG

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Über Otto Emersleben

- 1940 in Berlin geboren. Physikstudium, Diplom 1964 in Sofia, Bulgarien - 12 Jahre Kundendiensttechniker der Filmfabrik Wolfen. Reisen in Europa und Asien - In Dessau Mitarbeit im Literaturzirkel von Werner Steinberg - Ab 1975 Veröffentlichung historischer Erzählungen (Reihe DAS NEUE ABENTEUER) - 1976 freischaffender Autor in Greifswald (Vorpommern) - 1977/78 Szenaristenkurs (Filmhochschule Babelsberg) - Studienreisen: Buchara (1977), Venezuela/Peru/Cuba (1983). USA (1987) - Seit 1992 ständig in Brunswick ME
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