Die Venus von Mi

Bei einer Reise von tausend Li sind neunhundert erst die Hälfte.

                                                                             Chinesisches Sprichwort

R. hatte Rußland und seine Ströme zwar nicht vergessen, aber brennender war für ihn die Frage: was mit dem Rest des Lebens anfangen? Einen eigentlichen Plan hatte er nicht – allenfalls einen Gegenplan: er wußte, welche Möglichkeiten er nicht verfolgen wollte.

Wegen seiner Reisesperre noch einmal ganz naiv nachfragen – wie im Fall der geplatzten Entsendung nach Belgrad – wird er nicht, jedenfalls nicht bei irgendwelchen Reisestellen. Er erwägt innerbetriebliche Veränderungen, etwa vom Kundendienst in den Feriendienst der Gewerkschaftsleitung; oder zur Prüfstelle, Möglichkeiten böten sich viele, allerdings ohne lohnende Reiseziele. Da ergibt sich plötzlich und unerwartet die Gelegenheit, Informationen über die Gründe für seine Streichung als Westreisekader an der richtigen Stelle einzuholen.

Es kam ein Anruf während der Arbeitszeit, eine Männerstimme meldete sich. Der Anrufer sagte, er wolle sich mit mir über meine Kandidatur im Schriftstellerverband unterhalten. Gibt es dabei Probleme, fragte ich; darauf die Männerstimme: Das sollten wir lieber persönlich besprechen. Er warte in einem mausgrauen Wartburg auf dem Parkplatz vor der Hauptpforte auf mich, gleich neben der Telefonzelle.

Die wenigen Verbandszusammenkünfte in Halle, an denen ich bisher teilgenommen hatte, hatten dem Affen des Jungschreibers in mir Zucker gegeben. Da saß ich mit meinen paar Geschichten zwischen all den Arrivierten und Vielgedruckten, fühlte mich gar als gleichberechtigt. Und jetzt wollte auch noch jemand mit mir darüber sprechen.

Ich sagte: Ich komme gleich, und ließ mir vom Abteilungsleiter für den Rest des Nachmittags frei geben. Abbummelstunden von einer Kundenbetreuung bei Werksbesuchen an Wochenenden gab es immer. Ich fand das Auto, der Mann winkte mir, einzusteigen und fuhr sofort in Richtung Dessau los. Er sei auf der Durchfahrt von Halle, es habe sich so ergeben. Er sei froh, mich endlich kennenzulernen. Im Verband habe es immer nicht geklappt. Bald kam er auf Steinberg zu sprechen und daß ich ja wohl ein gutes Verhältnis zu ihm habe und daß Steinberg ja leider nicht mehr zu den Verbandszusammenkünften komme, was das für Gründe habe und was er denn überhaupt so treibe. Da erst roch ich den Braten und fragte ihn, ob er sich ausweisen könne.

Auf die Frage hin zog er seinen Dienstausweis an einem Lederriemchen aus der Rocktasche, klappte ihn kurz auf und sagte: Hauptmann Beuer, Ministerium für Staatssicherheit, Halle. Ich bin daran interessiert, mehr über diesen Herrn Steinberg zu erfahren, den Sie offenbar ziemlich gut kennen. Sind Sie bereit, uns zu helfen?

Ich erinnerte mich an den Anwerbungsversuch während meiner Studienzeit in Rostock und daran, daß die Antwort auf eine solche Frage auch Nein sein konnte. Aber dann sagte ich mir: Ablehnen kannst du noch immer, es muß ja nicht gleich sein. Frag ihn doch erst einmal, wann du denn wieder nach dem Westen wirst reisen dürfen oder ob in der Richtung nun gar nichts mehr zu erwarten sei nach dem Rückruf aus Moskau. Und wenn dies sich so verhalten sollte: warum.

Beuer schien von der Hartnäckigkeit meiner Fragerei nicht überrascht, auch darüber habe er mit mir zu sprechen vor, sagte er. Allerdings gebe er zu bedenken, daß sein Ministerium in meinem Fall keine Einwände in Bezug auf einen Einsatz als Reisekader ins westliche Ausland habe, daß vielmehr über die Festlegung und Genehmigung solcher Reisen ausschließlich durch staatliche Institutionen auf der Grundlage entsprechender Richtlinien und Gesetze entschieden werde.

Ich schwieg dazu, dachte aber in meinem Berliner Mutteridiom: Vascheißan kann ick mia och alleene. Als ihm das Schweigen zu lange dauerte, sagte Beuer: Aber ich werde mich kümmern. Mal sehn, was sich machen läßt. Ob ich denn mit einem zweiten Treffen einverstanden sei. Sagen wir: in Ihrer Wohnung in Dessau, wenn Sie mal alleine zu Hause sind, krankgeschrieben oder so. Rufen Sie mich an, ich komme dann kurzfristig.

Auf dem Dessauer Bahnhofsvorplatz parkte Beuer und sagte: Ich hole hier jemanden vom Zug ab. Wir stiegen aus, er ging um das Auto herum und gab mir einen Zettel. Hier ist meine Telefonnummer, sagte er und hielt mir, nachdem ich den Zettel genommen hatte, die ausgestreckte Hand hin. Bis dann also.

Daß ich nach seiner Rechten griff, war nicht nur unüberlegt – es war ein Fehler. Beuer hat den Vorgang wenig später auf seine Weise aktenkundig gemacht: als Verpflichtung durch Handschlag.

Oder fand das erste Gespräch mit Beuer in der Dessauer Wohnung und erst das zweite in seinem Auto statt, kurz vor Feierabend? Ich erinnere mich nicht mehr genau. Er sagte mir bei diesem zweiten Treffen, seinem Dafürhalten nach könne ich damit rechnen, bald wieder bei Verhandlungsreisen ins Nichtsozialistische Ausland berücksichtigt zu werden – er benutzte das gängige Kürzel NSA. Er habe sich umgetan und in meinem Sinn eingesetzt. Was denn nun mit Steinberg sei. Haben Sie ihn inzwischen gesehen? Ich verneinte, und er sagte: Na, das wird schon noch. Wir sehen uns ja bald wieder.

Er nannte Datum und Uhrzeit für einen neuen Gesprächstermin, mit Treff an einer Dessauer Kaufhalle. Vom Bahnhofsplatz ging ich direkt nach Hause. Ich wartete eine Stunde und fuhr dann zu Steinberg – mit dem Rad, weil ich fürchtete, an meiner Autonummer von Beuer oder einem seiner Mannen leichter erkannt zu werden. Fuhr über Seitenstraßen und zum Schluß auf Umwegen ein Stück durch den Wald.

Obwohl ich einen Besuch in Steinbergs Haus in Dessau-Haideburg sonst telefonisch ankündigte, hatte ich es diesmal unterlassen. Steinberg war zu Hause, seine Frau brachte Tee. Ich berichtete von dem Anliegen des Herrn Beuer. Und von dem Grund, warum ich mich überhaupt auf Gespräche mit ihm einließ.

Aus einem Brief von Barbara Steinberg, 14.3.95: Sehr wohl erinnere ich mich noch ihres abendlichen Besuches im Mai 75 – Sie waren damals völlig von der Rolle, wie man hier so schön sagt, hatten Angst, als ich das Hoflicht anmachte und noch mehr, als ich völlig dämlich-ahnungslos nach ihrem Auto frug. Und ich kann Ihnen (oder anderen – ich hoffe, daß Sie aber doch nicht das Bundeskanzleramt anstreben) jederzeit den Grund Ihres Besuches bestätigen. Aber muß das sein? Sie hatten nicht nur Mut, sich anderen anzuvertrauen, sondern auch Glück, daß Ihr Genosse Anwerber bei so viel Unvermögen offenbar einen Schnellstlehrgang dringend nötig hatte. Was aber nicht heißen muß, daß die Schnüffler von Ihrem Verrat an der Sache nichts wußten, denn offensichtlich war unsere Wohnung ziemlich verwanzt – also haben sie gehört, daß Sie nicht wollten und vielleicht dann schon ihre Dreckpfoten und Ohren zurückgezogen. Man weiß es nicht.

Steinberg  sah die Dinge gelassen: Spielen Sie das Spiel ruhig erst einmal mit – bis Sie erfahren haben, was nur von denen zu erfahren ist, riet er mir. Er wußte seit langem, wie mich meine Westreisesperre wurmte.

Aber ich möchte nicht, daß Sie unsere Beziehung dadurch mit anderen Augen sehen.

Darüber machen Sie sich mal gar keine Sorgen. Ich kenne Sie doch. Ich weiß, daß Sie bestimmt nichts über mich sagen werden, was diese Leute interessieren könnte.

Die müssen doch spinnen. Sie waren bei den Nazis im Knast, Sie sind aus dem Westen gekommen…

Na, Sie doch auch.

Ich war achtzehn.

Und ich Anfang vierzig. Wo ist da der Unterschied? Als ich hierher kam, dachte ich, man meint es ernst mit der Entstalinisierung. Dabei war alles nur Schaumschlägerei in ihrem Machtkalkül. Vielleicht hören sie sogar jetzt unser Gespräch mit – ist mir auch egal, ich gebe da nichts mehr drauf. Die haben noch immer einen Grund gefunden, sich jeden zum Feind zu machen, der auch nur ansatzweise selbständig denkt.

Daß R. sich dekonspirierte – um es in ihrer Sprache zu sagen -, hat ihn nicht davor bewahrt, daß Beuer seine Zustimmung zu einem nächsten Gespräch nicht als Hinhalten, sondern als Bereitschaft für eine Zusammenarbeit auffaßte. Er legte zu R. einen IM-Vorgang unter dem Decknamen Stein an. Der Deckname wird dem IM vorerst nicht mitgeteilt. DieVerpflichtung erfolgte durch Handschlag. Das Konvolut beeinhaltet nach Darlegung detaillierter Anwerbungsstrategien und diversen Unterlagen aus R.s Wolfener Kaderakte bald das Eingeständnis, die geplante Zusammenarbeit sei nicht zustande gekommen – abgefaßt in der blumigen Sprache sich vorsichtig absichernder Berichteschreiber.

Ich erfuhr erst nach der Wende von dieser Akte, als mir von der BStU-Behörde eine Kopie nach Amerika zugeschickt wurde – auf den ersten Blick ein angsteinflößendes Ding. Makaber, daß sie IM Stein auf Steinberg ansetzen wollten. Schon beim zweiten Hinsehen war aus dem Popanz die Luft raus: das Nichtvorhandensein von Spitzelberichten oder einer Verpflichtungserklärung wird durch Angabe von Daten für nie stattgefundene Treffs und wortreiche Strategien über die weitere Festigung des Vertrauensverhältnisses zum IM auszugleichen versucht. Dabei hatte ich schon die Verabredung an der Kaufhalle nicht eingehalten. Ich war auf einer Dienstreise in Nordkorea und der Mongolei.

In meiner Aufregung über die Existenz eines Vorgangs IM Stein schrieb ich mehreren Freunden davon. Auch an Frau Steinberg schrieb ich, ihr Mann lebte nicht mehr. Ja, ich hatte sie tatsächlich gebeten, für mich gutzusprechen, sollte ich mal Bundeskanzler werden wollen. Trotz aller Verdatterung konnte man gut ein halbes Jahrzehnt nach der Wende über diese Dinge schon flachsen – zumal aus dem weit entfernten Maine.

Die Reise nach Nordkorea und in die Mongolei sollte R. ohne den üblichen Mitreisenden vom Außenhandel unternehmen. Damit lag auch der Teil der Reisevorbereitung, der sonst von Berlin erledigt wurde, in den hilflosen Händen der Wolfener Reisestelle. So zum Beispiel die Flugbuchung. Man gab ihm ein Ticket Schönefeld-Moskau-Pjöngjang-Moskau-Ulan Bator-Moskau-Schönefeld. Alles mit Aeroflot, ausgestellt vom Reisebüro in Bitterfeld.

Ich fragte, ob denn dieser furchtbare Umweg nach Moskau – fast schon wieder nach Hause – nötig sei, um von Korea nach der Mongolei zu gelangen. Darauf sagte man mir: Es gibt keinen direkten Flug Pjöngjang-Ulan Bator.

Das mochte stimmen. Doch zum Glück gab es Nina. Ich kannte Nina aus der Moskauer Zeit, sie arbeitete im Berliner Aeroflot-Büro Unter den Linden, gleich neben der Sowjetbotschaft. Ich zeigte ihr das Ticket. Sie lächelte etwas pikiert und sagte: Für wen halten die uns denn in Bitterfeld? Wir haben täglich einen Flug von Pjöngjang nach Chabarowsk, und von da hast du mit unserer Inlandlinie Anschluß nach Irkutsk. Dort mußt du allerdings über Nacht bleiben und das Hotel selbst bezahlen. Und am nächsten Tag fliegst du nach Ulan Bator. Da braucht man doch nicht nach Moskau zurück!

Sie schrieb mir den Flugschein um. Rubel privat zu bekommen war damals einfach, man ging zur Bank und tauschte Ostmark in beliebiger Höhe um, no questions asked. Daß ich (neben den offiziellen Tages- und Übernachtungssätzen in den Währungen der beiden Zielländer) gut mit Rubeln versehen war, hat mir vielerlei ermöglicht. Da war zunächst eine ausgedehnte Taxifahrt durch Chabarowsk und Umgebung. Ich erinnere mich an den Blick auf die Mündung des Ussuri in den Amur und an den Besuch in einem Fischereikolchos am Amur, wo roter Kaviar aus Holzbottichen in Büchsen abgepackt wurde. Vor dem Bahnhof der Transsib stand ein Denkmal für den Namenspatron der Stadt, Jerofej Pawlowitsch Chabarow. Ich habe das Standbild ganz anders in Erinnerung, als ich es heute im Internet ergoogeln kann. Irgendwie weniger klotzig. Und der alte Jerofej Pawlowitsch mehr Trapper im Kanu als martialischer Kosakenhauptmann. Aber was heißt schon Erinnerung.

In Irkutsk nutzte ich den nächtlichen Aufenthalt zu einer Taxifahrt zum Baikalsee, an die Stelle, wo die Angara ihren Lauf beginnt. Ohne Nina wäre ich nie dorthin gekommen, hätte mir stattdessen …zig sinnlose Flugstunden um die Ohren geschlagen. Und ich hätte nie Chabarowsk zu sehen bekommen, den östlichsten Punkt all meiner Reiserei.

In Ulan Bator haben mir meine Rubel allerdings nicht, wie ich erhofft hatte, zu einem Wochenendausflug in die alte Mongolenhauptstadt Karakorum verholfen. Dazu brauchte man harte Valuta, und dieses Giftzeugs hatte ich nicht. Trotzdem wurden die zwei Wochen interessant und abwechslungsreich. Da fast jeder Mongole etwas Russisch sprach, kam ich überall gut zurecht. Die Techniker im Kopierwerk des Studios hatten in Leningrad Kinotechnik studiert, ihr Russisch war besser als meins. Ich war von Anfang an als Rolf Rolfowitsch akzeptiert. Wenn sie mittags zu Tisch gingen, ließen sie mich mit der laufenden Produktion und den Versuchsserien, die wir gemeinsam angesetzt hatten, allein im Saal mit den Entwicklungsmaschinen. Sie zeigten mir die Knöpfe, die ich im Fall einer Havarie drücken sollte. Kamen sie zurück, holte mich der Studiodirektor zum Mittagessen. Als eine Kollegin aus dem Analysenlabor einen Orden bekommen hatte, wurde ich mit allen anderen zu ihr nach Hause zum Feiern eingeladen. Feiern hieß in diesem Fall: kalter Hammel mit vielen wodkabeschwingten Trinksprüchen; und zu ihr nach Hause hieß: in die Jurte ihrer Familie in einem der Viertel am Stadtrand. Im Fernseher neben dem Eingang lief die live-Übertragung von Rendezvous und Ankoppeln der Raumkapseln Sojus und Apollo.

An freien Nachmittagen fuhr ich mit Vorortbussen in die Berge um Ulan Bator. Es ging durch Flußbetten, vorbei an Schafherden, die über kahle Bergrücken zogen, durch Fichtenwälder und endlos scheinende Edelweißwiesen. Endstation war immer irgendeine Jurtensiedlung, oft wurde ich dort freundlich zum Tee eingeladen. Einmal wartete ich besonders lange an der Bushaltestelle auf die Fahrt zurück in die Stadt. Neben mir kauerte ein wartender Mongole. Ich sprach ihn schließlich an: Wir sind hier nun schon eine Stunde, ob der Bus wohl noch kommt? Da sah er zu mir auf und antwortete mit einer Gegenfrage: Was ist schon eine Stunde in der großen Mongolei.

Daß ich mich, jedenfalls in der Hauptstadt und ihrem Umland, nach Belieben bewegen – und mit jedermann unterhalten – konnte, setzt die Erinnerung an die Mongolei wohltuend ab von den zwei sich zäh hinziehenden Wochen in Pjöngjang. Dort hatte ich nie einen Techniker getroffen, immer nur Studiodirektoren und Leute vom Außenhandel. Die Sprachmittlung lief über einen Betreuer, der mich jeden Morgen vom Hotel abholte. Sein Russisch war ausgezeichnet, und er fragte gelegentlich nach Dingen in Moskau, die eine genaue Ortskenntnis vermuten ließen: Restaurants Museen Kulturhäuser Metrostationen Buchhandlungen. Ich antwortete, so gut es ging und fragte ihn eines Tages, ob er in Moskau studiert habe; er verneinte, vielmehr habe er sich zu Hause hingesetzt und die Sprache von selbst erlernt. Denn, so seine Begründung, der große und geliebte Führer – damals noch der Großvater des heutigen Autokraten – habe gefordert: Setzt euch hin und studiert Sprachen.

Einmal unternahm ich allein einen Gang durch die Stadt, und es fing gewaltig zu regnen an. Ich kam plitschnaß ins Hotel zurück. Am nächsten Morgen erzählte ich meinem Betreuer von diesem Ausflug. Die Reaktion war überraschend: Hätten Sie uns vorher etwas von ihrer Absicht gesagt, hätte es nicht geregnet.

Die Strategie, R. mit interessanten Westreisen zu ködern, hat MfS-Hauptmann Beuer offenbar zielstrebig verfolgt. Ende Mai 1976 flog der wiederernannte Westreisekader R. in die Türkei – seine letzte Reise für die Filmfabrik. Erhalten ist die Aufgabenstellung und der Reisebericht: Kundendienstreise mit Schwerpunkt Marktbeobachtung. Vorstellung des neuen Color-Negativ-Materials NC 3. Ergebnisse: Alle Aufgaben wurden erfüllt. Wichtige Endverbraucher (Studios, Filmlabors, Fernsehanstalten, Druckereien) sowie einzelne Fotogeschäfte wurden besucht. Adressen der Institutionen liegen im Technischen Kundendienst vor. Besuchte Städte: Istanbul, Ankara, Izmir. Erforderliche Maßnahmen: siehe Maßnahmeplan. Besondere Aufmerksamkeit ist dem Problem des im türkischen Fotohandel hier und dort auftauchenden ORWO-Materials zu widmen, das ausweislich der von  mir sichergestellten Beispiele ursprünglich nach Bulgarien exportiert wurde.

R. versuchte ständig, sich einer kontinuierlichen Trefftätigkeit und Zusammenarbeit zu entziehen. Versuche zur Verbindungsaufnahme im Arbeits- und Wohnbereich verliefen ergebnislos. Kein Wunder – ich war inzwischen mit Irina und den Söhnen nach Törnstedt gezogen. In Dessau hätten wir nie mehr als unsere zweieinhalb Zimmer Platte bekommen. Selbst um die zu ergattern, hatten wir versichern müssen, die bulgarische Schwiegermutter wolle zu uns zu ziehen; was nie beabsichtig war. Und in Törnstedt wollte meine Mutter das Haus nicht halten. Seit Vaters Tod lebte sie dort allein.

R.s Vater war nach mehreren Schlaganfällen im Sommer 75 in Törnstedt gestorben. Sooft er davon sprach, wie die Mutter in Dessau angerufen und gesagt habe, es gehe zu Ende, wie er durch die Nacht nach Törnstedt gerast, aber schon zu spät gekommen sei, wie er am Morgen den Arzt wegen des Totenscheins geholt und dieser gesagt habe: Wenn bei uns ein Ausländer stirbt, gibts ne Menge Papierkram, war R. verschlossen und zeigte weder große Betroffenheit noch Rührung. Auf ein Blatt zum Entwurf eines Vaterromans schrieb er: Vater hat meine schriftstellerischen Versuche mit Skepsis begleitet. Von Fiktion hielt er nichts. Entscheidend, mein Sohn, sind allein meß- und berechenbare Tatsachen – das war der einzige Rat in literarischer Richtung, den er mir je erteilte. Schon der Begriff schöne Literatur war ihm suspekt. Onkel Hotte hat mir einmal anvertraut: Dein Vater kannte nur eine Art schöner Literatur, nämlich ein gutes mathematisches Buch.

Für mein Ausscheiden aus der Filmfabrik brauchte ich eine Begründung. Ich gab familiäre Ursachen an, erwähnte die Verbesserung der Wohnverhältnisse für meine Familie. Zum Schein bewarb ich mich als Physiker am Kernkraftwerk Lubmin bei Törnstedt, verhandelte aber gleichzeitg mit dem Urania-Verlag über ein mehrjähriges Projekt. Durch tschekistische Schläue zur allseitigen und ständigen Vervollkommnung der Arbeits- und Lebensbedingungen aller Werktätigen im Erlebnisbereich Mauerpark!

Nach dem Tod des Autors Walter Krämer sollte eine von ihm begonnene Reihe über die Geschichte der geographischen Entdeckungen nach dem dritten Band eingestellt werden. In der Wolfener Betriebsbuchhandlung erfuhr ich von der Absicht des Verlages, als ich mich nach dem Erscheinungstermin für Band Vier erkundigte. Ich war ein begeisterter Leser der Bücher. Sollte mit Magellan und der ersten Weltumseglung wirklich alles vorbei sein?

Ich schrieb einen reichlich großkotzigen Brief an den Urania-Verlag in Leipzig und bot mich dem stofführenden Lektor als Autor zur Weiterführung des Vorhabens an; publiziert hatte ich gerademal die Geschichte vom Überlebenden in Klaus Sommers Anthologie und eine historischen Abenteuergeschichte als Groschenheft. Prompt kam die Anwort, ich wurde nach Leipzig bestellt. Man gab mir den Auftrag, 50 Probeseiten über Cortez Pizarro Almagro zu schreiben. Das klang vielversprechend als Einstieg in ein Schriftstellerleben, von dem ich geträumt hatte, seit ich als Junge ein eifriger Leser geworden war.

Aus eigenem Entschluß den Karrierebruch zum Ergreifen des Traumberufs umfunktionieren – das klingt so gar nicht nach dem, was man als Kommentar zu ostdeutschen Lebensläufen oft hört: die mußten doch alle machen, was ihnen gesagt wurde; mit anderen Worten: lückenlose staatliche Vorherbestimmtheit von der Kinderkrippe bis zur Bahre. R. hat das offenbar anders erlebt, wenn auch nicht problemlos.

Mich verfolgen bis heute Träume, in denen ich, oft in höchst peinlicher Situation, bei meinen Mogeleien und Routenabweichungen auf ORWO-Dienstreisen erwischt werde. So fragte man mich unlängst nach der Einreise (nicht etwa am Flugplatz in Schönefeld, sondern erst im Werk auf der Reisestelle, beim Abliefern des Berichts): Sollten Sie nicht ins befreundete Jugoslawien fliegen, zur Messe nach Zagreb? Und wo waren Sie Hallodri? Was fällt Ihnen eigentlich ein! Wie haben Sie stattdessen den Erstenantifaschistischendeutschenarbeiterundbauernstaat vertreten?

Dazu wird mir ein Foto vorgehalten, das mich, mit Louise im Arm in einem Sessel schlummernd, in einem Hotelfoyer in Quebec zeigt; es ist unzweideutig Quebec, ich erkenne im Traum die Sesselecke, über dem Kamin hängt ein Bild von Samuel Champlain, dem Begründer des französischen Canada.

Und warum sind Sie von Pjöngjang in der befreundeten Koreanischen Volksdemokratischen Republik auf dem Weg in die Mongolische Volksrepublik nicht, wie Ihre Flugroutenvorschrift lautete, zunächst nach Moskau geflogen und von dort in die Mongolei? Niemand hatte Sie zum Umbuchen mit einer Zwischenlandung in Chabarowsk autorisiert.

Plötzlich hat der Reisestellengewaltige kein Gesicht mehr, sitzt auch nicht mehr allein hinter seinem Schreibtisch, ist vielmehr von drei oder vier anderen Gesichtslosen flankiert, die mich anfauchen: Das ist Verschleuderung von Volkseigentum, Kollege Bürger! An den Zimmerwänden hängen Spruchbänder, rotweiß gemalt wie gängige Losungen zum 1. Mai oder zum nächsten Parteitag.

Nach dem Traum sind mir zwei dieser Spruchbänder in Erinnerung geblieben: Revolutionärer Volkskammerausschuß zur Untersuchung von Fällen des Amtsmißbrauchs und der Korruption steht auf einem. Und auf dem anderen: So wie wir gestern gelebt haben gehts heute nicht weiter.

Die Gesichtslosen fauchen erneut: Sie stellen sich mit derlei Reiseselbstbedienung auf eine Stufe mit Direktoren Ministern Politbüromitgliedern. Jawohl! Die sich und ihren Arschkriechern Verwandten Bekannten auf Staatskosten Luxusdatschen gebaut haben. Und auf der Ostsee mit weltniveauverdächtigen Yachten rumgeschippert sind. Die Achtzimmerwohnungen in Berlin besaßen, obwohl sie dort nie gewohnt haben, weil sie in Wandlitz kaserniert waren. Was fällt Ihnen eigentlich ein! Denken Sie an die mit hart erwirtschafteten Arbeitergroschen und kostbaren Devisenmitteln eingerichteten und sommers wie winters unterhaltenen Jagdreviere in der Schorfheide im Fläming im Thüringer Wald. Und wieder: Was fällt Ihnen eigentlich ein!

Ich versuche mich zu rechtfertigen: Aber habe ich nicht stets …, doch werde ich sofort unterbrochen: Hier stellen wir die Fragen, merken Sie sich das! Daran hat sich auch nicht das Geringste geändert, bloß weil ein paar hunderttausend Hanseln auf die Straße gegangen sind! Und wieder: Merken Sie sich das! Was fällt Ihnen eigentlich ein? Schweißgebadet erwache ich.

Ein anderer Traum. Wieder ein Reisestellen-Typ, in seinem Äußeren einem real existierenden schleimigen Genossen aus der Orwo-Reisestelle nicht unähnlich. Er holt mich vom Flugplatz ab. Ich bin irgendwo zu lange auf eigene Faust gewesen und dafür am letzten geplanten Besuchsort überhaupt nicht, was der Typ aber nicht weiß. Jedenfalls noch nicht. Ich wiege mich in Sicherheit – bis er mir sagt (wir sitzen beide hinten im Auto, also muß es noch einen Chauffeur geben), er habe auch X. abzuholen, vom Ostbahnhof. Da wird mir klar: X. hätte ich ja in dem Land treffen müssen , das ich ausgelassen habe, weil ich zu lange woanders geblieben bin. Vom Schreck über diese Erkenntnis wache ich auf.

Die Ablösung von ORWO ging in keiner Weise so glatt, wie R. es sich gedacht hatte. Einseitig kündigen wollte er nicht – das hätte Verzicht auf die anteilige Jahresendprämie bedeutet. Ein von ihm aufgesetzter Aufhebungsvertrag kam ununterschrieben vom Kaufmännischen Direktor zurück, dem unterstand der Technische Kundendienst.

Ich bat um ein Gespräch, der Direktor ließ mich rufen. Ob mein Schritt auch gut überlegt sei, wollte er wissen. In jedem anderen Betrieb sind Sie doch erst einmal wieder der Neue, bei uns aber ein seit Jahren geschätzter Mitarbeiter. Sogar ins kapitalistische Ausland haben wir Sie wieder geschickt. Ihre Türkeireise war ein voller Erfolg. Auch unsere französischen Kunden wollen Sie wieder sehen…

Schönen Dank für die Blumen, dachte ich. Sicher wissen Sie, wer an der Türkeireise gedreht hat, und diesen Preis zu zahlen bin ich nun mal nicht bereit. Aber ich hielt den Mund. Wiederholte, was ihm schon mein Abteilungsleiter gesagt haben mußte (zugearbeitet hieß das damals): Familie mehr Wohnraum die einsame Mutter.

Da bot er mir auf einmal eine Gehaltserhöhung außer der Reihe an, und zwar eine erhebliche Gehaltserhöhung (das war gängige Praxis: man konnte sich, wie es im Volksmund hieß, hochkündigen). Als ich mich auch darauf nicht einließ, sagte er zum Abschied einen Satz, der mir eine Entschädigung war für das Zurückgesetztwerden als parteiloser Kollege Nichtgenosse in all den Jahren zuvor: Kollege R., wenn Sie Mitglied unserer Partei wären, würde ich Mittel und Wege finden, Sie mit einem Parteiauftrag hierzubehalten.

Das erste Jahr in Törnstedt war hart, dann erst kam mit einem Vertrag vom Urania-Verlag nennenswertes Geld. Vorher hatte die junge Familie von Irinas Gehalt für ihre Tätigkeit im Lubminer Kernkraftwerk – Betreuung von Familien sowjetischer Reaktorspezialisten – und von der Unterstützung durch die Mutter gelebt. R. arbeitete sich in die Zeit der Konquistadoren ein. Daneben schrieb er Gutachten für einen Verlag in Berlin, der wissen wollte, ob sich dieser oder jener französische Science-Fiction-Roman zur Übersetzung eigne.

Der Rostocker Schriftstellerverband berief im Herbst 76 eine Sitzung ein, die nur einen Tagungsordnungspunkt hatte: Verurteilung von Biermanns Auftreten im Westen und Verurteilung der Petitionäre, die das Politbüro aufgerufen hatten, Biermanns Ausbürgerung zu überdenken. Für die zu erwartende Verdammungsresolution wollte ich keinesfalls stimmen; zu einer Gegenstimme war ich damals, ganz am Anfang meines Schreiberdaseins, zu feige. Ich meldete mich krank und ging nicht zu der Versammlung.

Das Begutachten von französischen Sci-Fi-Romanen brachte finanziell nur wenig. Aber es ließ in R. die Idee wachsen, in dem Material, das er für seine Urania-Probeseiten durchforstete, nach einem Romanstoff zu suchen. Er fand schließlich die Geschichte der Entdeckung des Amazonas und die damit verbundene Erstquerung des südamerikanischen Kontinents so spannend und, ja, erzählenswert, daß er Klaus Sommer ein Angebot machte.

Sommer hatte mich immer davor gewarnt, zu schnell mit einem Roman zu beginnen, und ich war ihm dankbar dafür. Als erzählerisches Probierfeld hatte er eine vom Verlag herausgegebene Heftreihe angeboten. Dort waren mittlerweile vier Titel von mir erschienen – historische Abenteuergeschichten, deren Stoffe teilweise schon aus der Entdeckerkiste stammten. Als er nun von meinem Vorschlag hörte, einen Roman über den spanischen Haudegen Orellana, seinen Verrat am Expeditionsleiter Gonzalo Pizarro und den edlen Sanchez de Vargas zu schreiben, der das schmutzige Komplott zwar nicht vereiteln kann, aber dennoch sauber zu bleiben sucht, stimmte er dem Projekt zu.

Durch Vermittlung des Urania-Verlages lernte ich den Maler und Grafiker Gerhard Goßmann kennen. Er hatte schon die drei Bände von Krämer illustriert und sollte die Reihe auch in Zukunft betreuen. Ich kannte seine Illustrationen von Coopers Lederstrumpfbänden, von Robinson Crusoe und Don Quichote und freute mich auf die Zusammenarbeit. Sobald der Vertrag mit Urania da war und ich über die abgenommenen Probeseiten hinaus an dem Projekt weiterschrieb, schickte ich Goßmann meine Textabschnitte mit einem Kreuz am Rand, wo ich mir eine Illustration denken konnte. Ab und zu fuhr ich zu ihm nach Fürstenwalde und wir diskutierten seine Entwürfe – Schiffe vor Perus Küste, Pizarro am Fuß einer Zyklopenmauer der Inka, Captain Drake beim Angriff auf spanische Galeonen. Dazu Schamanen Jagdwaffen Tanztrommeln. Ich fragte Goßmann, ob er auch meinen Amazonas-Roman zu illustrieren bereit sei, und er sagte zu. So erschienen meine ersten Bücher – ich war eben 40 geworden – beide mit Goßmanns Illustrationen.

Als eine Ausstellung zu seinem 70. Geburtstag vorbereitet wurde, zeigte Goßmann R. ein Ölbild, das mit seinen anderen Arbeiten ausgestellt werden sollte. Es heißt Adam und Eva im Ordenswald, sagte er. Gefällt es Ihnen? R. sah die langen bunten Ordensbänder, an denen funkelnd vielzackige Sterne vom Himmel hingen, bis hinab zu zwei nackten menschlichen Figürchen.

Oh ja, sagte er. Hängt da auch Ihr Vaterländischer Verdienstorden, Meister? Darauf Goßmann: Finden Sie es heraus! Ich gehe jetzt in den Garten, im Kräuterbeet wuchert die Melde. Meine Frau ist schon ganz verzweifelt. Setzten Sie sich hier an meinen Tisch und schreiben Sie eine Bildbetrachtung. Dort ist Papier, ein Stift findet sich sicher auch. Vielleicht kann ich Ihre Gedanken mit dem Bild in den Katalog jonglieren.

Und Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, lustig anzusehen und gut zu essen und den Baum des Lebens mitten im Garten Eden und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Georgskreuz Goldenes Vlies Roter Weißer Schwarzer Adler Stern der Völkerfreundschaft von Indien von Ozeanien von irgendwoher. Hausorden vom Paradies mit Großkreuz und Schulterband Orden vom Heiligen Michael und Georg: Verheißung einer besseren Zeit. Noch haben die beiden die freie Auswahl, noch hat ihre Vertreibung in den Wald der Orden nicht stattgefunden, noch ist kein Christusorden kein Andreaskreuz kein Orden der Heiligen Isabella, noch ist kein Garnichts verteilt an Krethi und Plethi, noch kein Greifenorden dem Drachentöter umgehalst kein Eisernes Kreuz aufgerichtet kein Verdienstkreuz für Frauen und Jungfrauen, für welche Verdienste auch – damals? Denn: noch ist der Sündenfall Zukunft, ist das Paar kinderlos, braucht sich über Erziehung Ausbildung Karriere von Abel und Kain nicht den Kopf zu zerbrechen, auch nicht über das Geschichtsbild seines Spätlings Seth. Aber kann überhaupt noch ausbleiben, was dann kam? Freilich, noch ist das Reptil nicht angekrochen gekommen, noch züngelt es stumm und doch schon unübersehbar herab mit Ehre und Vaterland Dieu et mon Droit Heavens Light Our Guide. Wie lange noch widerstehen sie staunend? Schrecklich, daran zu denken, wie das fragliche Paar sich dann in besagtem Gehölz verhielt.

Jeder trägt in sich seine eigene Zeitmaschine. Er nennt sie Erinnerung. Vier Jahre nach seinem Weggang aus Wolfen arbeitete R. an einem Roman, von dem er zuallererst nur den letzten Satz notiert hatte: Jetzt ist mir klar, daß ich das Buch über jenen Mai in Paris niemals schreiben werde. – Dann würde natürlich schon genügend geschehen sein, genug wäre erzählt worden, das Buch wäre da und wäre doch nicht das Buch – noch nicht, möglicherweise auch nie. So sein Kalkül.

Die Geschichte sollte von einem Physiker handeln, der im Mai 68 die Pariser Messe als Dienstreisender miterlebt und sich, nur anderthalb Flugstunden von zu Hause entfernt, seine Gedanken macht über die viele Lichtjahre entfernt liegende gewohnte Welt. Denn irgendwie ist auch ein Flieger so eine Zeitmaschine, man setzt sich rein, wird kräftig geschüttelt und landet auf einem anderen Stern; hinzu kam das ständige Spiel von Sichducken und Aufmucken in einem Betrieb wie der Filmfabrik, alle Betriebe waren offenbar mehr oder weniger so. Dazu der Zirkus ums Reisen mit Bestätigt- und Abgelehntwerden und die Exotik und Anziehungskraft der Fremde allgemein. Auch die Exotik anderer Sozialismen, Ideen, von denen R. im Jugoslawien der sogenannten Arbeiterselbstverwaltung und in der von Studenten besetzten Sorbonne einen Hauch zu spüren bekommen hatte. Es würde sich also um etwas handeln, das er genau kannte.

Statt der Filme aus Wolfen sollte sein Held auf dem Messestand eine Ware vertreten, die sich – eine Art Glasperlenspiel – als Spielzeug der Götter variantenreich nutzen ließ: ein Planetarium. Ein Kollege vom Absatz, der mit dem Physiker nach Paris gereist war, kommt nach Messeschluß nicht zurück, und der Physiker hat das auszubaden. Die übergestülpte private Geschichte war dem persönlichen Leben von R. entlehnt: eine zerbrochene Ehe.

Zwölf Jahre nach dem Ende jener Dienstreise – die seine letzte wurde, weil man ihm vorwarf, von der Absicht jenes Kollegen Ernst Lenner zur Republikflucht gewußt zu haben – wird der Romanheld Edmund Horn mit der Erinnerung an diesen Mai und die Zeit danach konfrontiert, gar zu seiner Meinung darüber befragt, ob man den Weggebliebenen weiterhin ächten oder ob man mit ihm verhandeln soll: er hat sich als Direktor eines französischen Unternehmens zur Messe in Leipzig angesagt. Sobald er merkt, daß die Entscheidung auch ohne sein Zutun längst gefallen ist, und zwar zugunsten der vielversprechenden neuen Geschäftsverbindung, resigniert Horn und zieht sich noch mehr als bisher ins Private zurück. Er entschließt sich, mit seiner Frau Irmelin ins reine zu kommen.

Die Situation scheint für das Vorhaben günstig. Ein erster Entdeckerband beim Urania-Verlag ist erschienen, dazu steht der Vertrag für den zweiten in Aussicht. So bleibt die Butter aufs Brot gesichert; ich brauche nicht mit ein paar Seiten des Romans beim Verlag um ein Förderungsstipendium zu betteln, auf die Gefahr hin, mir von Anfang an beim Schreiben in den Text reinreden zu lassen. Ich kann Dinge ausprobieren, die ich schon immer habe ausprobieren wollen, Dinge, die zwar in einem Roman gehen, aber in Abenteuererzählungen und Sachbüchern keinen Platz haben. Andererseits sind die Aussichten, ein solches Manuskript veröffentlichen zu können, äußerst mager. Der Einmarsch sowjetischer Truppen in Afghanistan, die Unterdrückung der beginnenden Unruhe in Polen, alles deutet auf eine neue Eiszeit. Steinberg hat mir geschrieben, mit seinem Roman Die Mördergrube sei es aus, der Mitteldeutsche Verlag verhandle nicht mehr darüber.

R. fing trotzdem an. In der ersten Person zu erzählen schien der Schlüssel dafür zu sein, Dinge sagen zu können, die zu sagen man einem Autor nach Lage der Dinge nicht zugestehen würde. In einer Liste seiner literarischen Projekte findet sich bald der Titel: Reise zu den Aptenodyten. Das sollte diese Lichtjahrdistanz andeuten. R. hatte eben Kunerts Amerikabuch Der andere Planet gelesen. Und es sollte noch etwas: eine Verbindung zu Frankreich herstellen, dem Frankreich der Insel der Pinguine von Anatole France: Was, schrie ich auf, ihr habt die Städte abgeschafft? Was ist aus Paris geworden? Niemand lebt dort jetzt mehr, antwortete er mir, die Mehrzahl der fünfstöckigen Häuser, scheußlich und ungesund, wie sie waren, in denen die Städter des verflossenen Zeitalters hausen mußten, sind zu Ruinen zerfallen und nicht wieder aufgebaut worden. Man baute schlecht damals, in jenem zwanzigsten Jahrhundert, dieser überaus unglücklichen Ära.

Mit Klaus Sommer hat vor zehn Jahren meine Zusammenarbeit mit dem Verlag begonnen. Später habe ich mit ihm Abenteuerhefte gemacht und jetzt meinen ersten Roman, ein Spannend-Erzählt-Buch, die Entdeckung des Amazonas durch Orellana betreffend; dessen Text zu besprechen war Klaus Ende September nach Törnstedt gekommen. Er erzählte mir bei dieser Gelegenheit von den Schikanen seitens der Verlagsleitung gegen ihn und daß er mit dem Gedanken spiele, den Verlag zu verlassen. Bei der berüchtigten Sitzung des Berliner Schriftstellerverbandes am 7. Juni 79 im Roten Rathaus hatte er gegen die Ausschlüsse von Stefan Heym und anderer Kollegen aus dem Verband gestimmt. Er wolle, sagte er, den augenblicklichen Roman noch mit mir fertig machen, verwies mich aber hinsichtlich des Paris-Stoffes bereits an seinen möglichen Nachfolger Otto Matthies.

Die Zusammenarbeit mit Otto Matthies konzentrierte sich zunächst auf die Vorbereitung des Vertrages für eine James-Cook-Biographie. R. schrieb inzwischen an den Aptenodyten weiter. Im Februar 80 brachte er das Manuskript in einem Exemplar zum Verlag. Und er hatte Glück. Otto Matthies las es und zeigte sich interessiert.

Oft haben Autorenkollegen den stofführenden Verlagslektor als die erste Frontlinie der Zensur erlebt. Ich nie. Wir waren immer Verbündete im Ringelspiel Zensur-im-Leseland-gibts-nicht-Aber. Für die Überwindung der nächsten Hürde hatte Otto Matthies gut vorgesorgt: bei der Wahl des Außengutachters. Eigentlich war es die Aufgabe des Gutachters, den Verlag, noch ehe das Manuskript zwecks Druckgenehmigung ins Kulturministerium zur Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel ging, auf Ecken und Kanten hinzuweisen, damit diese im Gespräch mit dem Autor vor dem Einreichen bei Buchminister Höpckes Kohorten zwecks Druckgenehmigung abgeschliffen bzw. ganz beseitigt werden konnten.

Otto Matthies hatte die grandiose Idee, das Manuskript zur Begutachtung an Hartmut Mechtel zu schicken, von dem er wußte, daß er mit mir befreundet war. Die Sache war dadurch legitimiert, daß Hartmut häufig Gutachten für diesen Verlag schrieb. Auch bei meinem Amazonas-Roman war er der Außengutachter gewesen. Er wurde später als Autor von Sci-Fi-Texten und Kriminalromanen sehr bekannt. Das Gutachten fiel positiv bis euphorisch aus, und so kam es im Juli 1980 zum Vertragsabschluß.

Aus einem Brief von Hartmut Mechtel, Leipzig 3. 11. 80. Wie wäre es als Titelbild mit einer Delacroix-Variation: Ein Kaiserpinguin mit bleu-blanc-rougem Banner (wegen der Nationalität und weil ein rotes Banner den Leser schrecken könnte, selbst wenns ein Pinguin trägt) führt seine Artgenossen auf die Barrikade. Aber das wird dem Verlag wohl zu fett sein, davon abgesehen, daß sowieso der Graphiker und nicht der Autor verantwortlich ist.

Auch in Törnstedt war R. vor den Stasi-Werbern nicht so sicher, wie er geglaubt haben mochte. Sie hatten schließlich herausgefunden, daß er dorthin umgezogen war. Nun wollten die Rostocker Schnüffler ihn zum Ausspähen „ihres“ Schriftstellerverbandes gewinnen. Aktenmäßig stellt sich das dar als eine Kontaktaufnahme zum IM Stein zwecks Überprüfung auf Eignung. Unterschrift: Oberleutnant Peters. Fazit der Überprüfung: Obwohl geeignet, sei R. nicht bereit, das MfS als inoffizieller Mitarbeiter zu unterstützen. Er habe dies schon Hauptmann Beuer zu verstehen gegeben. Gleichzeitig bescheinigt Peters ihm einen politisch ungefestigten Standpunkt. Die IM-Akte ging nach Halle zurück, wo sie archiviert wurde.

Hartmut ist schuld, daß es nicht beim ursprünglichen Titel Reise zu den Aptenodyten blieb. Er hatte in seinem Gutachten – über irgend etwas meckern mußte der Gutachter schließlich doch, um glaubhaft zu bleiben – auf die mögliche Irreführung von Lesern durch den Titel hingewiesen: sie könnten, argumentierte er, einen Science-Fiction-Thriller dahinter vermuten. Mir war es um die Befindlichkeit – so sagte man damals – des skeptisch staunend die ferne Westwelt betretenden DDR-Reisenden gegangen.

Der Verlag folgte den Bedenken des Gutachters, kam aber zunächst mit völlig unakzeptablen eigenen Titelvorschlägen. Einer davon ist mir noch genau in Erinnerung. Der Cheflektor sah mich auf einem Autorentreffen, schon ziemlich betrunken, mit blitzender Brille an und sagte in seinem unverfälschten Norddeutsch: Wie wärs denn mit Im Schatten der Sorbonne? Worauf ich, auch nicht mehr nüchtern, entgegnete: Das wäre bloß einer mehr von euren blöden Genitiv-Titeln!

R. erklärte sich schließlich bereit, eine der Kapitelüberschriften und den von ihm vorgeschlagenen Titel auszutauschen. So kam es zu Papiersterne – nach den Flugzetteln, die wie Sterntaler in einen Sorbonnehörsaal rieseln. Vielleicht war der Kampf um den Titel ein nützlicher Nebenkriegsschauplatz, der zunächst vom Inhaltlichen ablenkte. Allerdings nicht für lange. Das Manuskript hatte, ehe das Buch dann erschien, noch einiges durchzustehen. Anfang Januar 1982 wurde R. telegrafisch zur Endrunde in den Verlag bestellt, um letzte Unstimmigkeiten zu beseitigen. R. hat darüber ein Gedächtnisprotokoll verfaßt, er nannte es VORSPIEL AUF DEM VERLAGE.

Die Szene – ein kleines reinliches Cheflektorenzimmer mit schräg einfallender Mittagssonne. Die Sekretärin bringt Tee, läßt uns dann allein. Als mir klar wird, daß ich massiven Streichungen an meinem Text zuzustimmen soll – und zwar sofort – und immer noch neue Stellen genannt werden, sperre ich mich: So kommen wir doch nicht weiter.

Darauf der Cheflektor: Wem sagst du das? Warum willst du nicht einsehen, daß wir gemeinsam Verantwortung tragen für das, was unter deinem Namen als Autor und unserem guten Namen als Verlag gedruckt werden soll? Sollten wir an dem Manuskript aber nichts mehr ändern, wird es Kritik setzen – berechtigte Kritik.

Da warst du aber vor einem halben Jahr noch ganz anderer Meinung; hast mir bestätigt, daß der Verlag den Roman abnimmt: vom Lektor redigiert, vom Gutachter befürwortet, vom Autor in einigen Passagen ergänzt und verdeutlicht, von flinken Händen noch einmal abgeschrieben für die Setzerei. Und nun soll an den Korrekturfahnen abermals geändert werden! Warum denn? Es ist doch der gleiche Text.

Inzwischen haben sich eben neue Gesichtspunkte ergeben. Es wird Kritik geben, wie gesagt. Es ist doch sonst gar nicht üblich, daß wir die Satzfahnen anfordern. Aber wir können uns diesmal nicht taub stellen.

Ein Literat sollte von seinem Produkt so überzeugt sein, daß er Kritik nicht zu fürchten braucht. Zumal, wenn das Buch noch gar nicht gedruckt ist.

Aber es wird doch bereits gelesen. Schließlich haben wir eine vorgesetzte Institution, die uns die Druckgenehmigung erteilt. Oder auch nicht.

Und von dort hat man euch auf die neuen Gesichtspunkte – hingewiesen?

Von dort. Und wir haben sie einsehen müssen. Schau mal, es ist doch gar nicht in erster Linie literarische Kritik, die wir zu befürchten haben…

Sondern vielmehr hierarchische Schelte? Aber dann sag doch bitte nicht: wir. Ich habe keine vorgesetzte Institution.

Nur – du hast auch kein Papier und keine Druckereien.

Also willst du von einer Position der Stärke herab mit mir verhandeln?

Was du Stärke nennst, schließt das Wissen um deine letztendliche Bereitschaft zur Einsicht in gesellschaftliche Notwendigkeiten mit ein.

Und die Verfügungsgewalt über Druckereien und ein Papierkontingent.

… das wir im Auftrag der Arbeiterklasse verwalten und nur für solche kulturpolitischen Vorhaben einsetzen, die ihr nützlich sind. Worauf du dich verlassen kannst.

Dann laß uns doch eine Lesung machen bei den Arbeitern im Druckhaus Pößneck. Oder in einer anderen Druckerei deiner Wahl. Mal sehen, was die Kumpels zu meinem Roman sagen. Ich werde das dumme Gefühl nicht los, sie würden ihn nicht als schädlich für die Arbeiterklasse ansehen.

Du simplifizierst doch sonst nicht so. Zwischen schädlich und nützlich liegt ein weites Feld. Dein Manuskript hat in der jetzigen Fassung einen gewissen hämischen Drall: Hier, seht mal, da hab ich’s ihnen aber gegeben. Damit können wir doch den Leser nicht sich selbst überlassen, dann richtet so ein Text womöglich noch wirklichen Schaden an. Also nimm diesen Drall heraus – mehr wollen wir doch gar nicht.

Wer ist das – wir? Du oder deine vorgesetzte Behörde?

Warum in drei Teufels Namen willst du nicht einsehen, daß du selbst mit dazugehörst. Auch du mußt diesen Drall herausnehmen wollen, sonst wird das kein Buch. Ohne den Autor läuft sowieso nichts. Das stellt ihr Möchtegernmärtyrer euch nur so vor – daß ein Zensor euch auch noch die Arbeit abnimmt. Bei uns gibt es aber keine Zensur, das ist euer Pech.

Das Jonglierspiel mit Druckgenehmigung, Papiermangel, vorausberechneter gesellschaftlicher Wirksamkeit und stillschweigend angenommener Bereitschaft des Autors zur Selbstverstümmelung scheint mir aber kein schlechter Ersatz für Zensur zu sein – was die Wirksamkeit angeht.

Nun hast du deinen masochistischen Pseudoorgasmus gehabt. Da können wir also anfangen. Ich würde vorschlagen, du machst dir den Satz zu eigen: Was gestrichen ist, kann nicht mehr abgelehnt werden. Hier ist ein Stift.

Deine Offenheit ist entwaffnend. Da wäre der ideale Autor also einer, der dir leere Seiten liefert? Schließlich braucht, was gar nicht geschrieben wurde, nicht erst noch gestrichen zu werden.

Wir würden uns vermutlich schwertun, so viel verschiedenfarbiges Papier aufzutreiben. Auch bei einem Verfahren, wie du es vorschlägst, dürfte ja die Individualität der Autoren nicht untergehen.

Die unterschiedlichen Handschriften der einzelnen Verschweiger, meinst du?

Nun gut. Also zur Sache. Da ist diese Szene beim Zoll. Das ist doch der reine Hohn. Du schreibst, dein Held sei draußen gewesen im Auftrag seines Staates, habe sich zu ihm bekannt und nun fragt ihn bei der Rückkehr ein Organ dieses Staates wie einen Feind aus: fragt ihn nach Druckerzeugnissen und Tonträgern, er muß sich in der schmutzigen Wäsche rumstöbern lassen und wird womöglich, wie der Leser annehmen muß, ganz klar wird das nicht, einer Leibesvisitation unterzogen. Ich frage dich: wird das der verantwortungsvollen Rolle unserer Zollorgane gerecht? Hast du das alles auch einmal unter diesem Gesichtspunkt betrachtet? Und überhaupt – was hat dein Dienstreisender denn groß geleistet an Bekenntnis zu seinem Staat? Meinst du, daß er überhaupt wiederkommt? Das ist doch wohl etwas dürftig. Also nimm die Szene raus – die Ordnung an unserer Grenze ist ein Punkt, an dem wir nicht rütteln lassen. Ein neuralgischer Punkt, wenn dir das Befriedigung schafft.

Neuralgischer Punkt – ist das ein neues Wort für Tabu?

Mir ist es gleich, wie du’s nennst. Also – was ist? Soll ich streichen?

Aber ich brauche die Szene doch, weil nur so die Verkrampfung des Helden nach seiner Rückkehr verständlich wird. Mir ist keine bessere Motivation dafür eingefallen.

Nun schmink dir doch endlich diese ästhetisierenden Argumente ab. Wenn’s dir noch nicht selbst einleuchtet, muß ich’s dir halt so hart sagen: Es geht uns überhaupt nicht um Motivation oder Nichtmotivation deiner Figuren, sondern einzig und allein um die politische Aussage deines Textes. Nicht um irgendwelchen literarischen Firlefanz. Den schenken wir dir. Uns ist es gleich, ob du die wörtliche Rede mit Gänsefüßchen kennzeichnest oder durch Kursivsatz oder überhaupt nicht. Du hast dich für überhauptnicht entschieden. Bitte schön. Das ist dein Recht als Autor. Aber nicht gleich ist uns – und es darf uns nicht gleich sein -, was deine Figuren sagen. Und was sie denken. Zum Beispiel über unseren Zoll. Der sieht unsere Bürger doch nicht als Feinde…

Hast du schon mal an der Grenze, bei der Rückkehr von einer Dienstreise…

Mehr als einmal. Aber nie habe ich mich deshalb als Feind betrachtet gefühlt. Bei dir scheint mit der Grundeinstellung was nicht zu stimmen. Hier, genau dasselbe: der Generaldirektor in seiner Funktion… Du willst doch bloß wieder den bösen Funktionären eins auswischen, von hintenrum, und du meinst, wir merken es nicht. Daß ihr doch alle dieses leidige Versteckspielen nicht lassen könnt.

Dann schreib von mir aus Position statt Funktion. Wenn das deinen Funktionärskomplex entlasten hilft.

Na also, warum denn nicht gleich. Und was machen wir mit dem Zoll?

Der Zoll muß drinbleiben. Aber ich biete Gegner anstelle von Feind an. Verdammtes Gefeilsche, wie auf dem Basar.

Was heißt Gefeilsche wie auf dem Basar? Die Wahrheit setzt sich nur im Streit der Meinungen durch. Also Gegner statt Feind. Mal sehen, ob ich’s durchkriege.

Bei wem durchkriege?

Ich sagte dir doch, daß ich den Text noch an anderer Stelle vertreten muß, wegen der Druckgenehmigung.

Dann bist du also ein mutiger Verleger, wenn überhaupt noch was stehen bleibt?

Schmorkohl! Sag lieber, warum hier steht: Seine Karriere war ganz normal verlaufen.

Weil das bei dieser Figur den Tatsachen entspricht. Studium, Betrieb …

Du hast ihn doch aber nicht als Karrieristen angelegt.

Ich verwende Karriere als wertneutralen Begriff.

Also Werdegang.

Nein, Karriere.

Werdegang.

Karriere.

Werdegang. Oder Laufbahn. Es gibt keine wertneutralen Begriffe, merk dir das.

Aber es ist doch nicht jeder, der bei uns Karriere macht, deshalb gleich ein Karrierist.

So kann es der Leser aber auffassen. Und da mach ich nicht mit. Daß Karriere und Rüstung und Landesverteidigung und Wehrdienstverweigerung und Klasse und Informationsbedarf und Ideologie alles hübsch wertneutrale Begriffe sind, sozusagen allgemeingültig, ohne Bezug auf die konkrete Situation ringsum – das will man uns von jenseits der Elbe einreden. Aber wir sprechen nicht das Deutsch dieser Herrschaften.

Du bist also nicht nur ein mutiger Verleger, du bist auch noch Sprachpurist.

Ja, und ich bin stolz darauf. Endlich scheinst du zu verstehen, worauf es ankommt. Also – Werdegang statt Karriere? Und hier – Fernweh. Wir wollen nicht, daß unsere Menschen Fernweh bekommen beim Lesen deines Buches über Paris. Sie sollen Thüringen und die Ostsee lieben. Und hier – mein Gott, was is’n das? Fehlerdiskussion, Ansteckungsgefahr möglicher Insubordination, rote Preußen. Oder hier: Vertuschung – welche Vertuschung meinst du? Kombinatsteich, Arbeiterärsche in Ministersessel, sozialistischer Manager… Alles Begriffe, die präzisiert werden müssen. Präzisiert, ersetzt oder am besten gleich ganz gestrichen. Und zwar jetzt und hier. Genau wie ein paar Szenen, die rausmüssen: die beim Zoll, na, das haben wir hingebogen, hoffentlich klappts. Und dann diese Reise des jungen Kollegen – muß der unbedingt nach Polen geschickt werden? Wischst du einfach vom Tisch, was dort im Augenblick los ist? Also wie ist es – streichen? Und das hier gleich mit: Absterben des Staates… Lenin ein Linksabweichler… Wir lassen uns von dir unsern Lenin nicht kaputtmachen, merk dir das. Der ganze Absatz muß raus.

Nein. Nein nein nein nein. Ich laß mir doch nicht meine Perlen einzeln abschachern. Nachher ist die Kette weg und ich hab nur noch die Schnur in der Hand. Sag mir erst alles, was dir – oder deiner vorgesetzten Behörde – anstößig scheint. Ich muß doch erst einen Überblick haben.

Gut, von mir aus. Also, schreib auf: Werdegang statt Karriere. Leiter statt Manager. Verdeutlichung statt Vertuschung.

Ist das das schlechte Gewissen bei euch?

Was heißt hier bei euch?

Bei dir und der vorgesetzten…

Zählst du dich nicht mehr zu uns? Dann können wir gleich aufhören. Aber los – weiter.

Bloß nicht noch antreiben. Auch wenn wir jetzt weitermachen, kommt nichts dabei raus. Allenfalls die Venus von Mi. Eine Figur, der man schon in der Werkstatt die Arme abschlägt.

Und trotzdem wird sie noch nach Jahrhunderten als Kunstwerk bewundert. Aber sag mal – Perlen, Venus von Milo: gehst du mit den Vergleichen nicht etwas zu weit, was dein Opus betrifft?

Schreiben kommt nicht aus ohne Größenwahn.

Und Größenwahn nicht ohne Kompromisse. Er realisiert sich nachgerade durch sie. Warum glaubst du, eine Ausnahme zu sein? Was denkst du wohl, wer schon alles auf diesem Stuhl gesessen hat! Namen, die wir erst zu dem gemacht haben, was sie heute sind.

Nachdem ihr ihren Figuren die Arme abgehackt habt.

Für den Bildhauer kann der Torso durchaus das sein, worauf es ihm ankommt. Manch einer läßt Arme und Beine von vornherein weg. Und den Kopf gleich auch noch.

Oder er geht andersherum an die Sache ran. Bietet euch eine Statue mit vier, sechs oder acht Armen an, damit am Finalprodukt noch zwei übrig bleiben.

Also – was wird mit Karriere? Und mit Fernweh? Und Lenin?

Hab ich alles aufgeschrieben. Vielleicht stehen diese Worte in meinem Text, damit du darüber stolperst und nicht über anderes. Ist dir dieser Gedanke noch nie gekommen?

Und wann gedenkst du dich zu deinen – Stolperworten zu äußern? Morgen? Oder erst am Sanktnimmerleinstag?

Wenn ich sie alle noch einmal einzeln abgeklopft habe. In Ruhe. Und ohne dich dabei ansehen zu müssen.

Dann brauchen wir uns ja jetzt gar nicht weiter zu unterhalten.

Nein, brauchen wir nicht.

Manch einer hat’s eben gerne schriftlich. Ich weise dich aber darauf hin, daß alles, was wir hier an diesem Tisch besprechen, alles, was wir an Ärger mit unseren Autoren haben, nur die Betroffenen etwas angeht. Sonst niemanden. Ist das klar?

Ja.

Dann nimm am besten die Fahnen noch mal mit. Ich hab alles angestrichen. Laß dir von meiner Sekretärin ein Hotelzimmer anweisen und geh alle Vorschläge in Ruhe durch. Aber denk nicht, du kannst etwas ausradieren – ich hab die Stellen hier alle notiert. (Er raschelt mit einem Bogen).

Na, dann kann ja nichts schief gehen.

Und denke dran: trotz der vorliegenden großen Mängel will ich das Buch machen. Obwohl die Ehen kaputt sind, man sich nicht die Wahrheit sagt, die einzige einigermaßen zur Identifikation geeignete Figur von den eigenen Genossen aus der Partei rausgeschmissen werden soll und darüber stirbt, die anderen Genossen nicht gerade die leuchtendsten Vorbilder sind und überhaupt das Leben in diesem real existierenden Sozialismus alles andere als rosig ist. Denk dran. Und noch was: Warum schreibst du hier: Die Handlung ist frei erfunden?

Weil es ein Roman ist und kein Sachbericht.

Reicht da nicht erfunden? Im Grunde eine Lappalie. Also wirst du nichts dagegen haben, dir kommt es ja auf die beiden Arme an, die noch dranbleiben. Und die lassen wir dir.

Der Cheflektor nimmt einen Rotstift und streicht das Wort frei, setzt an den Rand daneben das Zeichen für deleatur, es möge getilgt werden. Dann reicht er mir den Stoß Korrekturfahnen und sagt: Bis morgen also. Sagen wir gegen neun.

Es blieb nicht bei dem einmaligen Wiedersehen, am Schluß wurden vier Tage verschärften Teetrinkens beim Cheflektor daraus. R. fuhr erschöpft nach Törnstedt zurück und war zwei Wochen krank. Im Fieber träumte er, für ein paar Tage mit Werner getauscht zu haben. Werner kam zu Besuch nach Törnstedt und R. fuhr mit den West-Papieren des Freundes nach Zehlendorf. Alles verlief reibungslos, R. sah seine Schulen in Dahlem und am Bahnhof Wannsee wieder, ging auf dem Dahlemer Waldfriedhof zum Grab seiner Großmutter und zum Grab Erich Mühsams und an einem Abend ins Jazzlokal Eierschale am Breitenbachplatz. Beim Weg über eine Brücke dreht sich ein Unbekannter nach ihm um und sagt plötzlich: Na Zoni, auch mal wieder im Lande! Als R. stehenbleibt und etwas entgegnen will, schreitet der Mann davon. Am nächsten Morgen geht er ins Jagdschloß Grunewald und in den Hof in der Bendlerstraße, in dem Stauffenberg erschossen wurde. Am Nachmittag dann ins Tegeler Schloß und auf den Friedhof im angrenzenden Park, wo Alexander von Humboldt begraben liegt.

R. kam zur vereinbarten Zeit nach Törnstedt zurück. Aus dem Traum aufgewacht, fragte er seine Mutter, die ihm Lindenblütentee ans Bett brachte: Wo ist denn Werner?

Sie sah ihn entgeistert an. Werner? Wo soll der schon sein? In Hamburg vermutlich. Da erst merkte R., wie schweißnaß und schlapp er war.

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Über Otto Emersleben

- 1940 in Berlin geboren. Physikstudium, Diplom 1964 in Sofia, Bulgarien - 12 Jahre Kundendiensttechniker der Filmfabrik Wolfen. Reisen in Europa und Asien - In Dessau Mitarbeit im Literaturzirkel von Werner Steinberg - Ab 1975 Veröffentlichung historischer Erzählungen (Reihe DAS NEUE ABENTEUER) - 1976 freischaffender Autor in Greifswald (Vorpommern) - 1977/78 Szenaristenkurs (Filmhochschule Babelsberg) - Studienreisen: Buchara (1977), Venezuela/Peru/Cuba (1983). USA (1987) - Seit 1992 ständig in Brunswick ME
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