From Rome to Nome

 Es ist unangenehm, der Zeuge, es ist lästig, der Täter, es ist dumm, der                                                                                    Leichnam zu sein, nach so vielen Jahren.                                                                                   Wolfgang Koeppen

Polarforscher Robert Peary will 1906 am arktischen Horizont die Insel Crockerland gesichtet haben. Von ihr ist im Laufe der Zeit nicht mehr geblieben als von Vineta; manche Karten allerdings zeigen auch heute noch sowohl Vineta als auch Crockerland. Während es Vineta tatsächlich einmal gegeben hat, ehe es in den Fluten der Ostsee unterging, weiß man von Crockerland inzwischen: es war entweder eine Nebelbank oder eine driftende Tafeleismasse. Der Reisende gab sie mit aller Bestimmtheit als Insel aus, um sie nach einem seiner Sponsoren benennen zu können, dem Erben der Dollarmillionen eines Eisenbahnmagnaten in Kalifornien. Das Geld hatte der alte Crocker beim Streckenbau aus Schweiß, Blut und Knochen chinesischer Kulis destilliert. Aufmüpfige ließ er auspeitschen, Rädelsführer wurden gehenkt. Er soll einmal gesagt haben: Diese Kerle haben immerhin die Große Mauer gebaut, da sollen sie doch mal zeigen, was in ihnen steckt. Peary war damals vom Wetter gezwungen worden, bei 87 Grad 6 Minuten nördlicher Breite umzukehren, mit anderen Worten: 174 Seemeilen vom Nordpol entfernt. Ganz mit leeren Händen zurückkommen wollte er nicht, und so hat die „Entdeckung“ von Crockerland als Kompensation für seinen Mißerfolg am Pol herhalten müssen. Er hat mit dieser Entdeckung gewuchert wie mit Aktien einer Scheinfirma und sah das Gestade mit seinen schneegewandeten Gipfeln knapp über dem eisigen Horizont schon als Vorgebirge einer größeren Landmasse, um nicht zu sagen: eines bislang unbekannten arktischen Kontinents. Es gab bald nach Pearys letztem Polsturm von 1909 Folgeexpeditionen, die Crockerland suchten.

Erst während meiner Schulzeit wurde die Insel offiziell von den Seekarten des Nördlichen Eismeers getilgt. Peary hatte sie mit exakten Positionsangaben dorthin gezaubert: 83 Grad 20 Minuten Nord, 105 Grad West. Es ist peinlich zu lesen, wie er sich auf seine Eskimos beruft, auf deren Meinung er sonst keinen Pfifferling gibt. Sie könnten bezeugen, er habe die blassen weißen Gipfel dieses Eilands ganz in der Ferne gesehen.

Im damaligen Umfeld ist die Frage nach Crockerland nicht eigentlich ein Problemfall. Mehr scheinen als sein – es muß an der Zeit gelegen haben. Kaiser Wilhelm Zwo liebte es, in glänzender Verkleidung aufzutreten. Zu seinen Hofbällen erschien er häufig im Kostüm historisch arrivierter Persönlichkeiten: mal als Alter Fritz, mal als Großer Kurfürst. Karl May gab vor, die Alte wie die Neue Welt weitläufig bereist zu haben, um seine Romane – die auch ohne eine solche Schutzbehauptung bestimmt ihre Leser gefunden hätten – zu authentisieren. Der Hauptmann von Köpenick, allgemein lediglich mit der Person des verzweifelten Schusters Wilhelm Voigt assoziiert, war in Wirklichkeit eine weltweit herumgeisternde Erscheinung.

New York Times vom 6.9. 1904: Ausbrecher als Hauptmann verkleidet. Gefangener auf Governors Island von allen Soldaten gegrüßt. Unter Ausnutzung des Umstandes, daß die Wache auf Governors Island neu ist und noch nicht jeden einzelnen Gefangenen von Castle Williams kennt, zog Frank Reese, einer der Insassen mit Vergünstigungen wegen guter Führung, gestern morgen die Uniform von Hptm. Horton aus dem Stab von Gen. Major Corbin an und entkam. Sowohl die Polizei als auch ein Militäraufgebot von der Insel suchten gestern erfolglos nach ihm. Reese hatte nur noch einen kleinen Rest seiner Strafe als Deserteur abzuleisten. Ihm oblag die Sauberhaltung von Hptm. Hortons Quartier, der sich zur Zeit bei den Manövern der Army aufhält. Während Reese am gestrigen Morgen in der Wohnung des Hauptmanns arbeitete, eignete er sich eine nagelneue Uniform an, die der Hauptmann bei Rückkehr aus dem Manöver nach den Philippinen mitzunehmen beabsichtigte. Reese zog die Uniform an, rasierte sich den Schnurrbart ab und wurde im guten Glauben für einen Hauptmann gehalten. Er verließ das Haus und ging schnurstracks zum Fährhafen, wo er auf das Boot nach New York wartete. Gemeine wie Unteroffiziere grüßten ihn vorschriftsmäßig, ja, er ging sogar an alten Gefängniskameraden vorbei, ohne erkannt zu werden. Auf dem Fährschiff nahm er in der für Offiziere reservierten Kabine Platz und plauderte angelegentlich mit Gattin und Tochter eines in Fort Hamilton stationierten Offiziers. – An den Rand des Zeitungsausschnitts hatte R. geschrieben: für Crockerland-Projekt.

Die oft gehörte Vermutung, Crockerland sei möglicherweise keine Wolkenbank, sondern die fern leuchtende Silhouette einer im Packeis dahindriftenden Eisinsel gewesen, ist gegenstandslos geworden angesichts der anhaltenden Erwärmung der Arktis. Doch bleibt das Phänomen Crockerland. Eine Topographie dieser Insel kann nun, da sie verschwunden ist, nur ich liefern. Ihr Entdecker/Erfinder Peary hat sie niemals betreten, und ich habe einen Großteil meines Erwachsenenlebens dort verbracht: zwischen Ober- und Unterland, in den Schründen der arg zerklüfteten Küste, in der ganzen vielgestaltigen Wirklichkeit dieses einzigartigen Eilands. Ich kenne seine Städte und Dörfer, kenne die Siedlungen über den Wolken und die nebligen Tage an den Ufern der tief ins Land geschnittenen Fjorde: Siedlung der Bestarbeiter aller Klassen und Schichten Bucht des Sozialismus Arbeiterundbauernstrand Heide der Werktätigenintelligenz Höhenweg  für Angehörige der Arbeiterklasse mit Hochschulbildung Wohlstandfürallehafen. Die  Ortsangaben haspeln sich mühelos aus der Erinnerung ab, schneller, immer schneller kommt Neues hinzu: Staudamm Sozialistischemenschengemeinschaft Almweide Unserer Werktätigen Treidelpfad Duhastjaeinzielvordenaugen Aussichtspunkt Lockende Zukunft. Ich sollte meine Wanderungen auf Crockerland beschreiben – ich weiß, wann dort wieviel Schnee liegt und wie sich der Frühling ankündigt, weiß, wie man das Nahen einer neuen Eiszeit erkennt und daß man mitten in der Eiszeit an das nächste Tauwetter denken muß. Ich würde die Insel nicht wiederfinden, aber ich vermisse sie auch nicht.

R. hat von Crockerland auf unserer Reise nach Wyoming gesprochen, die dann unerwartet ein abruptes Ende gefunden hat. Seine Peary-Biografie mußte eben erschienen sein, aber sie verkaufte sich schlecht. Der Verlag schwächelte damals schon und ist wie die anderen Verlage jenes Landes, das es inzwischen nicht mehr gab, bald gänzlich in die Bedeutungslosigkeit abgerutscht. Wenn ein Westverlag einen Ostverlag übernahm, dann meist zu dem einen Zweck: an die Immobilie im Berliner Stadtzentrum heranzukommen; oder, wie beim Urania-Verlag, an die Gründerzeitvilla in der Leipziger Salomonstraße. Konkurrenz auf dem Buchmarkt brauchten sie ebenso wenig wie neue Autoren. Und überhaupt – wer will schon noch Ostbücher! Hinter diesem Rauchvorhang lief die kalte Abwicklung der Ostverlage völlig reibungslos, assistiert von den Medien und der Treuhandgesellschaft.

Wir flogen für ein Wochenende nach Cheyenne. Eigentlich hatte uns Vater vom Flugplatz abholen wollen. Die Eltern mußten dann aber plötzlich zur Beerdigung einer Tante von Mutter nach Arizona und kamen bis zu unserem überstürzten Rückflug nach Maine nicht wieder. Ich mietete einen Jeep Cherokee und wir brausten ab, den Bergen entgegen. R. erzählte, sobald wir die ersten Schneegipfel in der Ferne sahen, von der Absicht, ein Buch über sein Leben zu schreiben: ein junger Mann auf der Suche nach etwas, das es nicht gab. Er wollte es Wanderungen auf Crockerland nennen. Wir kamen nicht dazu, näher auf sein Projekt einzugehen, denn bald verlangte der zunehmende Verkehr auf der engen, sich in die Berge windenden Straße unsere ganze Aufmerksamkeit. Tanklastwagen mit dem Giftcocktail fürs Fracking kamen uns entgegengerast, und R., der mich erst vor kurzem am Steuer abgelöst hatte, bat mich bald, ich solle wieder fahren. Er war sichtlich irritiert. Als wir dann auch noch mehrere große Kohlentagebaue passierten, umtost von Staubwolken und Krach, sah ich ihn wiederholt den Kopf schütteln. Offenbar hatte er sich Wyoming anders vorgestellt, und wer sollte es ihm verdenken.

Unser Wochenendtrip muß vor dem Tod seiner Mutter gewesen sein, denn noch sprach er von seinem nächsten Flug nach Europa als Heimreise. Später, noch vor meinem Scheitern am College und dem Umzug nach Columbus, hat er stets Maine sein Zuhause genannt. Für sein Buch plante er Archivstudien in Berlin,Törnstedt und Wolfen. Und einen Besuch bei seinem Onkel Horst, den er liebevoll Hotte nannte. Der lebe in Kassel hochbetagt in einem Pflegeheim für Kriegsversehrte und habe vielleicht noch dies und jenes in Erinnerung, von dem ihm, R., die Eltern nie etwas gesagt hätten. Während der Mauerjahre sei der Kontakt zu Onkel Horst bis auf gelegentliche Weihnachts- und Osterkarten fast ganz abgebrochen. Nur einmal habe er eine kurze Visite in Kassel ermöglichen können, bei einer seiner eigenmächtigen Reiseeskapaden.

Als ich von ORWO schon in den Westen geschickt wurde, zu befristeten Reisen wie nach Frankreich, besuchte ich Onkel Hotte in Kassel. Ich hatte Standdienst auf der Ausstellung Photokina in Köln und fuhr an einem freien Tag mit dem Schnellzug zu ihm. Niemand durfte mich sehen und niemand hat mich gesehen. Onkel Hotte war abgemagert, aber sein schmales Gesicht strahlte. Offenbar freute er sich über meinen unerwarteten Besuch. Er bot mir Kaffee und Käsetorte an, selbst aß er nichts. Im Speisesaal des Heims hing ein Schild: Je bewußter Du die Reduzierung Deiner eigenen Aktivitäten bejahst, desto besser wirst Du mit Deiner neuen Lage fertig. – Onkel Hotte wies mit dem Kopf danach und grinste. So neu ist meine Lage ja gar nicht mehr, schrieb er, noch immer grinsend, auf eine Papierserviette.

Er hat nichts erzählt – ich meine: aufgeschrieben -, was mir in Erinnerung geblieben wäre, weder von seiner Zeit als Soldat noch von der langen Kriegsgefangenschaft in Sibirien. Auch keine Familieninterna. In seinem schmucklosen Zimmer lag auf dem Nachttisch eine geöffnete Packung Katzenzungen, daneben ein großformatiges dickes Buch von der Art alter Kontobücher, mit graublau marmoriertem Einband. Er nahm es auf und hielt es mir entgegen, sodaß ich das Etikett lesen konnte: Meine Memoiren stand dort, und darunter: Erinnerungen und Erkenntnisse. Als ich danach greifen wollte, schüttelte er den Kopf und legte es auf den Nachttisch zurück. Das Grinsen war jetzt aus seinem Gesicht verschwunden. Zum Abschied brachte er mich an die Haustür, gab mir die Hand und nickte. Auch ich sagte nichts.

Von den Stunden auf der Ranch der Eltern gibt es ein unscharfes Bild von R. unter seinen Papieren. Er muß es selbst aufgenommen haben, ich erinnere mich nicht daran. Das Foto zeigt ihn von hinten, mit nur leicht gedrehtem Kopf. Als einziger Teil seiner Frontpartie ist die graue Bartspitze erkennbar. Im Hintergrund, direkt vor R., ein anspruchsloser Schuppen aus dunklen Stämmen mit Rinde, eine Art log cabin, gebaut als Unterstellmöglichkeit für allerhand Ackergerät. Dort ließ Vater einen alten Heuwender, den Traktor und ein paar Pflüge vor sich hinrosten, seit er das Rancherleben aufgegeben und das letzte Vieh verkauft hatte. Inzwischen lebten die Eltern längst von den monatlichen Zahlungen der Erdgasgesellschaft, die das Land ringsum aussog. Dieselbe Company lieferte auch das Trinkwasser mit Kesselwagen frei Haus, weil die Brunnen durch ihre Bohrungen angezapft und trockengefallen oder aber vergiftet waren.

Wir flogen für ein Wochenende nach Cheyenne. Jeff hatte mich eingeladen, seine Eltern zu besuchen. Die mußten jedoch plötzlich verreisen, ich glaube, zu einer Beerdigung. So habe ich sie nie kennengelernt. Wir nahmen ein Mietauto und fuhren in Richtung Westen, auf die Rocky Mountains zu. Auf der enger und enger werdenden Straße donnerten uns in atemberaubendem Tempo, meist zu zweit oder dritt, Kesselwagen entgegen, unterwegs zu den Frackingstationen. Statt des stillen Tannenwaldes, den ich erwartet hatte, tat sich rechts und links des Highway eine Mondlandschaft auf. Gaspumpenanlagen, Rohrleitungsysteme und Kohlentagebaue unglaublichen Ausmaßes wechselten miteinander ab. Auf allem lastete eine übelriechende Staubwolke, die bis zum Horizont reichte. Ich mußte an Wolfen und Bitterfeld denken. Wie lange würde dort die Entgiftung der stinkigen Kloaken dauern? Eine der schlimmsten, ein aufgelassener Braunkohlentagebau, in den die Filmfabrik ihre Abwässer geleitet hatte, war vom Volksmund Silbersee  getauft worden, Karl May läßt grüßen. Es hieß, jedes in die Brühe getauchte Stück Rohfilm käme entwickelt und fixiert wieder heraus.

Wo sind die Wildhühner und all die Dickhornschafe und die lauschigen Bäche mit ihren Forellen? fragte ich Jeff, der am Steuer saß. Und wo ist das Adlernest in der Felswand, zu dem du als Junge geklettert bist?

Den Adler hat das Fracking schon vor Jahren vertrieben, sagte er, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. Aber balzende Sagegrousehähne und Dickhornschafe gibt es noch, jedenfalls in ein paar Reservaten. Und auch Forellenbäche findest du hier und da. Die braucht man schon, um den Tourismus am Leben zu halten. Nur sind die meisten Gewässer inzwischen vergiftet. Dies hier ist jetzt das wirkliche Wyoming. Vierzig Prozent der amerikanischen Kohleproduktion und ein Zehntel des amerikanischen Erdgasaufkommens stammen aus unserem Staat. Außerdem liegt hier ein Viertel der Weltvorräte an Schieferöl. Da spielt Big Business verrückt, siehst ja.

Als wir bei ihm zu Hause anlangten, wurde es langsam dunkel. Die Sonne war hinter dem Kamm der Berge verschwunden, das flachere Land hinter uns längst in einer grauen Soße versunken. Das Anwesen seiner Eltern bestand aus dem Wohnhaus und ein paar leeren Stallgebäuden. Am Rande ein Blockhaus, das wohl als Schuppen diente. Alles lag still – kein Vieh, kein Vogelgezwitscher, kein Garnichts. Nur der Wind zog darüber hin.

Jeff sah meine Enttäuschung und fragte: Willst du morgen zu den Gros-Ventre-Bergen? Oder in den Yellowstonepark und dann weiter zu den Beartooth Mountains? Dort ist die Welt noch in Ordnung. Die Fahrt wird eine Klotzerei, aber wir können es schaffen, wenn wir uns am Steuer abwechseln.

Warum nicht gleich zum Silbersee, sagte ich und schüttelte den Kopf. Nee, laß mal, das heben wir uns besser für ein andermal auf. Ich muß erst einmal verdauen, was ich heute alles gesehen habe. Von mir aus können wir morgen wieder nach Cheyenne fahren. Vielleicht bucht man uns den Rückflug um einen Tag vor. In Maine ist die Welt auch noch in Ordnung, jedenfalls einigermaßen.

Im Haus zeigte er mir sein Zimmer mit allerlei Sporttrophäen, nie fertiggewordenen Flugzeugmodellen und Plakaten von den Baseballgrößen seiner Kindheit. Aus dem Regal im Study seines Vaters nahm er einen erzgebirgischen Weihnachtsengel und sagte, den habe er als Student im Pergamonmuseum in Ost-Berlin gekauft. Wir packten unsere Taschen gar nicht erst richtig aus und gingen bald schlafen – er in seinem Zimmer und ich auf einer Ledercouch im Study. Von den Wänden blickten verstaubte Gehörne von Wildschafen und Wapitigeweihe herab. Nachts hörte ich sie in einer mir unverständlichen Sprache miteinander reden – bis plötzlich alle verstummten, als warteten sie auf etwas. Da erhob sich der Weihnachtsengel  von seinem Platz im Regal, auf den Jeff ihn zurückgestellt hatte. Er kreiste ein paar mal surrend im Zimmer umher und flog dann durch das geschlossene Fenster davon, ohne daß eine Scheibe geklirrt hätte.

Zeitlich parallel zum Schreiben des Romans über den Pariser Mai hatte R. die Vorbereitung auf eine USA-Reise begonnen. Einlader Christoph Schmauch vom World Fellowship Center in den Bergen bei Conway, New Hampshire hatte ihn mit einem Germanisten der Brown University in Providence, Rhode Island in Verbindung gebracht. R. war die dortige Bibliothek als einmalige, höchst exquisite Sammlung von Literatur über Amerika bekannt, vor allem Entdeckerliteratur; so bot sich ein ausgezeichnetes Bewerbchen, dem Reiseprojekt Unterfutter zu geben. Daß man ihn, den No-name, einfach zu einer Lesung in Christophs Center reisen lassen würde, war so gut wie ausgeschlossen. In einem Brief an seinen Urania-Lektor stellte er die Möglichkeit, aus der einzigartigen entdeckungsgeschichtlichen Quelle in Providence schöpfen zu können, in den schillerndsten Farben dar. Gleichzeitig umriß er das Programm des Symposiums in Conway: Vorträge Begegnungen Lesungen.

Das Gerangel um die Reise dauerte bis drei Wochen vor Beginn der Veranstaltung; der Schriftverkehr mit dem Verlag gibt eine ungefähre Vorstellung von seinem Auf und Ab bis zum schließlichen Aus am 21. Mai 80. R. ist auf die Absage hin noch einmal nach Berlin gefahren, um bei der Reisestelle im Kulturministerium etwas über die Gründe der Ablehnung zu hören. Statt einer Klarstellung gab es Häme und Hohn. Der bereits zuvor, im Verlauf des Wartens auf den Entscheid, von ihm kontaktierte Dr. Zirnstein ließ schließlich die Katze aus dem Sack: Diese – World Fellowship ist nicht die Freundschaftsgesellschaft, die wir unterstützen, sagte er. Und als wolle er R. trösten, setzte er hinzu: Wir hier im Hause sind aber durchweg der Meinung, daß Sie auch ohne diese Reise Ihr nächstes Buch in höchster Qualität schreiben werden.

Hohn gab es nicht nur im Kulturministerium, sondern auch vom Rostocker Schriftstellerverband. R., damals noch Kandidat des Verbandes, wurde routinemäßig zu einer Vorstandssitzung eingeladen, weil man sich ja ach so sehr um den Nachwuchs sorgte. Nach der Aufforderung, nur frei von der Leber weg alles zu benennen, was ihn bei der Arbeit behindere, brachte er die Ablehnung seiner Amerikareise vor. Das Ergebnis war zunächst betretenes Schweigen, dann der Hinweis, mit sowas müsse schon jeder selbst fertig werden. Zur Jahreslese, einer alljährlich stattfindenden Öffentlichkeitsveranstaltung des Verbandes, bei der jeder Schriftsteller einen eigenen Text zu einem vorgegebenen Thema vortrug, sollte diesmal eine lustige Begebenheit beim Schreiben geschildert werden. Über einen ersten Rohentwurf ist der Beitrag von R. nicht hinausgelangt. Er hat ihn zwar nicht weggeworfen, aber im Zorn zerknüllt und erst später wieder glattgestrichen. Quer über die Seite hat er mit Filzstift geschrieben: Selten so jelacht. Zitieren will ich daraus nicht, R.s Bitterkeit schmerzt.

Vielleicht war ich 1980 doch in Amerika und die Reise wurde gar nicht abgelehnt? Wie ich auf so etwas komme? Im GDR Bulletin des Department of Germanic Languages and Literature der Washington University in St. Louis, Missouri findet sich (Vol. VI, # 1) folgender Hinweis: The 1980 New Hampshire Symposium on the GDR scheduled for the week of June 13-20 at the World Fellowship Center, Conway, N.H. is soliciting papers on the following topics … Proposals and summaries of papers should be submitted to the prospective workshop organizers by February 15, and completed papers by April 15. Dr. Fritz Henneberg and Roswitha Texler, musicians from Leipzig, and R., a writer from Törnstedt, will be attending the Symposium. For addresses of workshop organizers and more information contact Christoph Schmauch at the World Fellowship Center.

Ich hatte Christoph Schmauch in Törnstedt kennengelernt. Er besuchte dort seine Mutter, die mit meiner Mutter befreundet war. Wir trafen uns bei jedem seiner Besuche, und so blieb es nicht aus, daß er mich eines Tages fragte: Worüber schreibst du? Entdecker? Und warst noch nicht in Amerika? Das müssen wir ändern. In dem Center in New Hampshires Wäldern veranstalte er jedes Jahr eine Woche zur DDR-Situation: Politik Wirtschaft Literatur Gesellschaft. Er werde mir eine Einladung schicken, vor den dort versammelten amerikanischen Germanisten aus meinem Paris-Roman zu lesen. Was er darüber von mir gehört habe, sei doch sehr interessant.

Hartmut versuchte, R. nach Ablehnung der Amerikareise zu trösten. Aus einem Brief von ihm, datiert 30.5.80: Da nicht anzunehmen ist, daß Du was Spezielles ausgefressen hast, werden wohl irgendwelche Meisterstrategen sich im letzten Moment der allgemeinen politischen Lage erinnert und in bewährt geschickter Weise ihre Konsequenzen gezogen haben. Aber wie das langgeht, weiß der Verfasser der Reise zu den Aptenodyten natürlich genauer … Noch ist Polen nicht verloren, und wenn doch, so hat es letztendlich alle Teilungen überstanden, und jetzt lenken sie die amerikanische Außenpolitik und die Weltkirche. Was nun wieder heißen soll: Vielleicht gibt es doch ein nächstes Mal.

Als es im Herbst darauf so weit war, daß nicht nur Hartmut, sondern auch Christoph mir zuredete, es für 81 noch einmal zu versuchen, habe ich nicht mitmachen können. Die Depression saß zu tief; ich war zwölf lange Jahre lang für die Filmfabrik Wolfen gereist, weil sie dort meine Sprachkenntnisse brauchten. Jetzt brauchte ich für die eigene Arbeit einen Blick in die Welt, und der wurde verweigert. Aus jeder Richtung wurden andere Gründe für das Scheitern des Reiseplans angeführt. Fortan nahm ich in Diskussionen, auch im Verband und auch bei öffentlichen Lesungen, kein Blatt mehr vor den Mund. Das Ergebnis war die Einleitung einer Operativen Personenkontrolle [OPK] im Juli 81 – das nächste Kapitel im Roman zum Roman nach dem Teetrinken bei Cheflektor Lewerenz. Die OPK trug den vielsagenden Decknamen Reise. Die Stasi war bei der Titelwahl offenbar zupackender und weniger wählerisch als der Verlag. Doch zeigte sich dieser andererseits nicht zimperlich bei seiner Rache am Außengutachter: Hartmut bekam lange Zeit keine Aufträge mehr für weitere Gutachten.

Durch eine Denunziation war die Törnstedter Stasi auf das Manuskript meines Romans aufmerksam gemacht worden. Ich hatte IM Peter Lindner, einem Maler und Grafiker, der sich im Segelverein an mich herangemacht hatte, das Manuskript zum Entwerfen eines Schutzumschlags gegeben. Am 25.4.81 sagt er seinem Führungsoffiizer folgende Information an (vermutlich per Telefon; Blatt 107 der OPK-Akte): Das Manuskript kann ich morgen kurzzeitig zur Verfügung stellen. Ohne das Manuskript bisher selbst gelesen zu haben, kann ich nur andeuten, was mir R. selbst zum Inhalt gesagt hat. Das Buch soll den Titel Papiersterne tragen. Die Handlung ist beim VEB Carl Zeiss Jena angesiedelt. Es wird die Entwicklung von zwei Reisekadern des Betriebes skizziert. Beide hielten sich in Paris/Frankreich im Auftrag des Betriebes auf, einer blieb dort, machte Republikflucht, der andere kehrte in die DDR zurück. Der in Frankreich blieb, nahm eine horrende Entwicklung, der in die DDR zurückkam war bestraft bis an sein Lebensende, weil ihm keiner glaubte, daß er von der Republikflucht des anderen keine Kenntnis hatte. Hier in der DDR hatte er keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr. Beide treffen sich 12 Jahre später zu Verhandlungen von Carl Zeiss und einer großen französischen Firma. Der erste ist ein anerkannter Fachmann, der zweite, also der in der DDR, ist ein untergeordneter Gehilfe des Generaldirektors von Carl Zeiss. Weiter soll die Handlung die Unterwürfigkeit von DDR-Vertretern gegenüber Westfirmen zeigen. R. stellt ein autobiographisch gefärbtes Stück vor. Er stellt einen aktuellen Bezug zum X. Parteitag, richtiger zur Parteilinie insgesamt her. Er erklärte mir dies so, daß er aktuelle Losungen verstümmeln will und gern als Illustration hätte, beispielsweise: Heute arbeiten – morgen leben. Seine Philosophie ist nicht auf dem Boden der DDR angesiedelt. Er liebäugelt mit Trotzkisten und Maoisten.

1987 hat ein Besuch in Conway dann doch geklappt. Damals reisten schon mehr Leute zu Beerdigungen nach dem Westen als es dort frische Grabstellen gab. In einem Witz, der die Runde machte, wurde gefragt: Warum gibt es keine Schippen und Spaten zu kaufen? Die Antwort hieß: Weil jeder einen toten Westonkel ausgräbt, den er vorher nicht kannte.

Auf dem Symposium in New Hampshire las R. aus dem inzwischen erschienenen Roman Papiersterne. Und er lernte dort Louise kennen, auf stasideutsch: die C. aus Brumseich, USA – LV / NSA des R. [LV steht für Liebesverbindung (oder Liebesverhältnis?), NSA für Nichtsozialistisches Ausland].

Es kam die Zeit, da sich plötzlich die DEFA für eine Verfilmung der Papiersterne interessierte. Das hatte Hartmut eingefädelt. Wir schrieben gemeinsam für das Spielfilmstudio ein Exposé, das die Pariser Handlung von 68 bis zu den Demos von 89 fortsetzte. In Leipzig sieht Horn zu Menschenschiebern umgebaute LKWs. Und er erlebt noch eine Geheimwaffe der Sicherheitskräfte: den Anbläser. Vielleicht trägt er sogar selbst ein Poster, auf dem steht zum Beispiel: „Gibt denn keiner, keiner Antwort. Wolfgang Borchert“. Oder aber: „Ich liebe Euch doch alle. Erich Mielke“. Oder vielleicht ein eigener Ausspruch, mit seinem Namen zitiert: „What’s next?“. Sobald die gewaltigen Ventilatoren der Gewalttätigen ihr Werk verrichtet haben, hängt seine neben vielen anderen Losungen in den Straßenbäumen, Papiersterne der nächsten Generation. Ja, der Sommer und Herbst 89 waren voller Wunder. Was für ein Wahnsinn!!! Mit einer Dramaturgin machten wir uns auf die Suche nach einem möglichen Regisseur, sie zeigte uns die jüngsten Diplomstreifen der Filmhochschule. Der Traum von der Papiersterne-Verfilmung währte anderthalb Jahre. Nach der Einheit kam auch für dieses Projekt das Aus.

Bei der Vereinigung Deutschlands war ich mit 50 außer der Stasi nicht nur die Zensoren los, sondern auch meine Verlage. Macht nichts, dachte ich. Jetzt kannst du schreiben, was du willst. Und: endlich ist die Zeit gekommen, die Welt mit deinem Werk über den Mai 68 bekanntzumachen, und zwar in der authentischen – unzensierten – Fassung, unter dem ursprünglichen Titel Reise zu den Aptenodyten. Ein geeigneter Zeitpunkt schien mir der Mai 98 zu sein, dreißig Jahre nach den événements. Ich schrieb einen kurzen Text als Angebot und Projektbeschreibung und verschickte ihn mit wohlerwogenem Zeitvorlauf. Per Fax diesmal, denn bei anderen Projekten hatte ich es stets als deprimierend und zu sehr meinen Alkoholkonsum fördernd erleben müssen, wenn die Post haufenweise Absagen brachte. Dieser Aspekt wurde durch Ausweichen auf das Medium Fax zwar gemindert, nicht gemindert hingegen wurden das Desinteresse der Westverlage. Hätte Louise mir keinen Halt gegeben, wäre ich damals versackt. Von den insgesamt etwa 60 angefaxten Verlagen signalisierten 4 (in Worten: vier) ihr Interesse und forderten Text an. Erschienen ist das Buch in der unzensierten Fassung am Ende nirgends.

In einer Mappe mit der Aufschrift Meine Nichtreisen findet sich neben den Unterlagen zu R.s abgelehnter USA-Reise von 1980 und zahlreichen anderen Briefen und Dokumenten ein Brief des Rostocker Schriftstellerverbandes aus dem Jahr danach. Lieber R., in seiner letzten Sitzung hat der Bezirksvorstand Deinen Auslandsreiseantrag (Murmansk/Nördlicher Seeweg) beraten und ist zu folgendem Entschluß gekommen: Da es sich hierbei um eine individuelle Reise handelt, die im normalen Austauschprogramm nicht realisiert werden kann, bitten wir Dich, sie bei dem das literarische Projekt tragenden Urania-Verlag zu beantragen. Dort hat man sicher die Mittel und Möglichkeiten, diese Reise Wirklichkeit werden zu lassen. Sollten sich dabei Schwierigkeiten ergeben, wären wir bereit und in der Lage, über unseren Vertrag mit dem Kombinat Seeverkehr und Hafenwirtschaft Möglichkeiten zu prüfen, Dich mit einem Apatit-Frachter nach Murmansk zu schicken. Die Reise über Kulturfondsmittel zu realisieren halten wir für problematisch, da das Reisebüro normalerweise keine Fahrten auf dem nördlichen Seeweg abwickelt. Mit freundlichen Grüßen. – Das Nichtreisendürfen hat R. offenbar auf die absonderlichsten Ideen gebracht. Was wollte er in Murmansk? Was auf dem Nördlichen Seeweg? Suchte er einen alternativen Weg nach Chabarowsk? Oder gar – nach Crockerland?

Meine Reise nach Maine hat lange gedauert, zwei Drittel der Lebenszeit. Ich habe von hier aus Amerika für mich entdeckt und dabei ein gutes Stück von mir selbst. Auch im Yellowstonepark bin ich inzwischen gewesen, gemeinsam mit Louise.

Auf einer Autofahrt im Norden von Maine, an der Straße zwischen der kanadischen Grenze und einem Landstädtchen in Maines Kartoffelbezirk, unterhielt ich mich eines Morgens mit einem Mann. Es war vor irgendeinem Motel, in dem Louise und ich auf dem Rückweg aus Quebec für die Nacht untergekommen waren. Er erzählte mir sofort seine Lebensgeschichte, nachdem er mich nach meinem Akzent gefragt und erwähnt hatte, er sei während der Zeit auf der High School für zwei Jahre mit dem Fach Deutsch in Berührung gekommen.

An dem Morgen hatte es gefroren, Ende September dort oben keine Seltenheit. Der Geruch der Knollenernte hing noch in der Luft, unverwechselbar – der Geruch nach frischer Erde und Krautfeuern. An den Tagen, die wir schon unterwegs waren, hatte es hin und wieder einen erlegten Elch auf den Pickups der Jäger zu sehen gegeben. Der Fremde kam aus Florida, er hatte die weite Reise wohl wegen der herrlichen Laubfärbung unternommen, für die Maine zu Recht berühmt ist. Vielleicht war er aber auch ein Jäger und träumte vom Kopf eines Schauflers neben der Klimaanlage, daheim unter Palmen. Jedenfalls war ihm offenbar nie der Gedanke an so frühen Nachtfrost gekommen.

Ich borgte ihm, sobald ich mit meiner Frontscheibe fertig war, den Kratzer. Wir machten Smalltalk. Über die Frage nach dem Wetter, die nahe genug lag, und – wie gesagt – meinen Akzent kamen wir auf die Welt an sich, auf das altväterliche Französisch, das in Quebec gesprochen wird, von da auf Sprachen ganz allgemein.

Er habe Latein nach den ersten zwei Jahren satt gehabt und sich entschlossen, nach dem Sommer umzusatteln – auf Französisch. Aber ehe es so weit war, hatten die Deutschen Paris überrannt, sagte er. Ich ging zu meinem Schuldirektor und sagte: Ich will doch nicht mit zwei toten Sprachen dasitzen, wenn ich mit der High School fertig bin. Da ließ mich der Direktor zu Deutsch wechseln.

Der Mann lachte über sein breites Gesicht. Ich halte nichts vom Verlieren, weißt du, setzte er hinzu. In dem Jahr, von dem er sprach, bin ich geboren. Aber das behielt ich dann doch für mich.

Er war ringsum mit den Scheiben seines Buick fertig und gab mir den Kratzer zurück. Ich deutete auf meine eigene Windschutzscheibe, die neu zu überfrieren begann und sagte: Time to hit the road. Nice talking to you. See you later. Abrupt und – wie man hier sagt – ganz unzeremoniell. Deine amerikanischen Abschiede sind besser geworden, dachte ich zufrieden. Ich ging in unser Zimmer, Louise beim Packen helfen. – Ich habe diesen Mann immer wieder getroffen, überall in der Neuen Welt. Mit anderem Gesicht, mit einer anderen Geschichte, mit anderen Begleitumständen unserer Begegnung. Einen Buick hat er nie wieder gehabt. Irgendwann merkte ich: es war immer derselbe Mann. Da habe ich ihn Kolumbus genannt – wo schon der Kontinent, den der Genuese entdeckt hat, nicht nach ihm heißt sondern nach dem Vielschreiber Vespucci; und von dem weiß heute niemand mehr, ob er alle vier Reisen in die Neue Welt, von denen er berichtet, wirklich selbst unternommen hat.

Die Stasi einmal mehr des Dichters Eckermann: hätte ich nicht aus R.s Koffer eine Kopie von jenem Sachstandsbericht zur OPK Reise, ich tappte noch immer im Dunkeln darüber, wann seine Papiersterne im Jahre 1982 denn nun endlich das Licht der Öffentlichkeit erblickten. Selbst eine Sonderinformation über eine Veröffentlichung im DDR-Buchangebot, mit der sich die Abteilung Volkswirtschaft des Stasi-Ministeriums in Berlin (HA XVIII/9) in die Debatte um Papiersterne einschaltet, spricht nur von Mitte 1982. Dank des o.g. Sachstandsberichts weiß ich aber: es war im Juli. Und das zu wissen ist ja immerhin etwas. Die einzelnen Schriftsätze des OPK-Vorgangs sind teilweise Plagiate von anderen Schriftsätzen; das geht die ganze Hierarchieleiter aufwärts: Kreisdienststelle Bezirk Berlin.

Erheiternd wirkt heute die Doppelberichterstattung von einer Lesung in der Evangelischen Studentengemeinde im Turmzimmer der Törnstedter Jacobikirche am 4. Juli 83. Während IM Claudia fand, der Abend habe bei den Anwesenden keine große Resonanz hervorgerufen, berichtet IM Rainer Tulpe: Herr von R. wirkte recht frisch, recht überzeugend und sicherlich auch ansprechend für die meisten der anwesenden Jugendlichen. – Ja, so kommt man zu Adel.

Nicht ausmachen konnte ich den Autor einer undatierten zweiseitigen Stellungnahme zu dem Roman. Das Dokument ist insofern beachtenswert, als hier erstmalig nach strafrechtlicher oder zumindest disziplinarischer Verantwortlichkeit des Verfassers gefragt wird. Sachverhalt: Geheimnisverrat. Gemeint ist die Erwähnung einer Struktureinheit im Betrieb, die offiziell Sicherheitsinspektion des Generaldirektors hieß, in Wahrheit aber die Stasi-Dienststelle im Werk war: Operativgruppe Film-Wolfen. Die Frage nach meiner strafrechtlichen Verantwortlichkeit wird in einem zweiten Sachstandsbericht zur OPK Reise vom 10. Januar 1984 noch einmal gestellt, anschließend nach Durchsicht der Personalunterlagen in Wolfen jedoch verneinend beantwortet. Eine von dem R. unterschriebene Erklärung, Betriebsinterna für sich zu behalten, sei nicht gefunden worden, heißt es. – Ja, solch ein Rechtsstaat war die DDR! Die Augen könnten einem feucht werden vor Rührung.

Der Cheflektor hatte offenbar ebensowenig gespurt wie seine vorgesetzte Zensurbehörde. Beide hatten sie den Hinweis auf die sogenannte Sicherheitsinspektion des Generaldirektors unbeanstandet durchgehen lassen, er war so im Druck erschienen: Januar neunundsechzig – nur dunkel konnte ich mich erinnern. Ja, hier stand, wer an der Kaderaussprache teilgenommen hatte: mein Abteilungsleiter Gerhard, der Kaderleiter, ein Abgesandter des Außenhandels, dazu ein Mensch von der Sicherheitsinspektion des GD. Ich hatte mich zu meinem Staat bekannt und Ernst dagegen… Nun konnte die Welt endlich zur Kenntnis nehmen, daß die Stasi in der Filmfabrik Wolfen eine als Sicherheitsinspektion getarnte Operativgruppe laufen hatte; wie – so bleibt zu vermuten – in anderen Großbetrieben auch.

Das Kunstwerk als toter Briefkasten – eine Idee, die ich als Romanstoff aufgreifen sollte. Arbeitstitel: Der Abstich. Bildhauer Z. bekommt von einem Stahlwerk den Auftrag zu einem Arbeiterdenkmal: Hochöfner im Schutzanzug  bei der Probenentnahme. Zur Aufstellung der Monumentalskulptur wird eine große Feier veranstaltet. Beim zweiten Glas Krimsekt vertraut der Künstler hinter vorgehaltener Hand seiner Geliebten an: Die Höhe der Ofenöffnung verhält sich zur Länge der Rinne, in die das flüssige Metall schießt, wie die augenblickliche Roheisenproduktion des Werkes zur Produktion am Ende des nächsten Fünfjahrplans; höchst geheime Kennziffern, auf die er zufällig bei seinen Vorstudien für die Hochöfnerplastik gestoßen sei. Und wenn die Feierei erstmal vorbei ist, setzt er mit unterdrücktem Lachen  hinzu, kann jeder, der sich dafür interessiert, Maß nehmen und das Geheimnis ablesen – einschließlich BND und CIA. Die junge Frau sieht ihn entgeistert an. Zwei Tage später erfährt sie, daß er nach der Feier mit ihrer besten Freundin geschlafen hat und schwärzt ihn daraufhin bei der Stasi an. Das Organ – im konkreten Fall die OG Stahl-Dingsbums – geht dem Hinweis unverzüglich nach. Assistiert von einem Oberleutnant mißt der Leiter der Diensteinheit, Hauptmann X., im Schutz der Dunkelheit die Höhe der Ofenöffnung und die Rinnenlänge; sobald sich nach Vergleich mit den Eckdaten der Perspektivplanung des Betriebes der Verdacht bestätigt hat, veranlaßt er ohne weiteren Aufschub die erforderlichen Schritte: schließlich liegt – zumindest versuchter – Geheimnisverrat im schweren Fall vor. Nach der Verhaftung des Z. wird die Abflußrinne um einen halben Meter verkürzt. Dem Klassenfeind keine Chance!

Der Absatz von Papiersterne kam nur schleppend in Gang. Niemand rührte die Werbetrommel. Im Gegenteil: die vom Verlag herausgegebene Zeitschrift Temperamente brachte einen nur dürftig als objektive Rezension getarnten Verriß. Aber irgendwann muß die ganze Auflage verkauft gewesen sein, denn als R. 1988 eine Nachauflage verlangte, bekam er sie anstandslos – bis auf ein paar auskorrigierte Druckfehler unverändert, mit allem Wortersatz und allen Zensurstrichen. Nach dem Mauerfall ließ der Verlag die Restexemplare dieser 2. Auflage einstampfen. So wurde erreicht, was die Törnstedter Stasi schon Jahre zuvor gewußt hatte: Durch geeignete Quellen wird Einfluß auf die Entwicklung des R. genommen mit dem Ziel, daß er sich stärker der Abenteuerliteratur zuwendet und sich damit in der Perspektive nicht gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse wendet.

Insgeheim verhandelte Don Quijote mit einem Bauern, seinem Nachbarn, einem wackeren Manne, der aber keinen sonderlichen Witz im Kopf hatte. Er drang in ihn, redete ihm zu und versprach ihm so viel, bis sich der Brave entschloß, mit ihm auszuziehen und als sein Schildknappe zu dienen. Unter anderem sagte ihm Don Quijote, es werde für ihn dabei der größte Gewinn herausspringen, denn leicht könnten sie auf ein Abenteuer stoßen, in dem statt der Spreu, die er jetzt verließe, eine Insel gewonnen würde, über die er ihn zum Statthalter einsetzen wolle. Auf diese und ähnliche Versprechungen hin verließ Sancho Pansa, denn so hieß der Bauer, seine Frau und Kinder und wurde der Schildknappe des Don Quijote.

Ich, R., habe die Inseln abgeklappert von Lampedusa und Stromboli bis nach Helgoland und Hiddensee, bis zu den Inseln vor Maines Küste und schließlich sogar bis Hawaii. Und Crockerland, obwohl es nie existiert hat. Ich kenne diese Insel bei Eisgang und Sturm wie auch an sonnigen Tagen. Auf anderen Inseln bin ich nie gewesen, obwohl es sie gibt: Capri Tahiti Bermuda Ruden die Törnstedter Oie…

Die Oie war zu meiner Törnstedter Zeit Sperrgebiet und damit auch für uns Segler unerreichbar. Als die Mauer weg und der Tag der Vereinigung festgesetzt war, wollte Ingolf, ein Törnstedter Segelfreund, mit Louise und mir Anfang Oktober 90 zu der Insel und dort die Vereinigung Deutschlands abwettern . Uns stand nicht der Sinn nach den Menschenmassen am Brandenburger Tor oder auf dem Törnstedter Markt. Wer weiß, sagte Ingolf, vielleicht singen sie national überschwänglich alle drei Strophen vom Deutschlandlied. Und wer weiß, vielleicht wird die Insel bald wieder Sperrgebiet – also jetzt oder nie. Im September segelte er mit seinem schmucken geklinkerten Holzboot Alter Pilger schon einmal zur Probe hin, allein. Als er wieder zurückwollte, packte ihn in der Hafenausfahrt eine Bö und warf das Schiff auf die Mole. Der Alte Pilger wurde gründlich zertrümmert, Ingolf suchte klitschnaß Unterschlupf in der verlassenen Wohnbaracke der Grenzer. Erst nach ein paar Tagen konnte er eine vor der Insel kreuzende Yacht auf sich aufmerksam machen, die ihn nach Törnstedt brachte.

So landeten Louise und ich in jener Nacht doch noch am Brandenburger Tor, genauer gesagt Unter den Linden vor der Ungarischen Botschaft, eingekeilt in – nun ja, in ner Menge Leute. Die ersten beiden Strophen des Deutschlandliedes hat allerdings niemand gesungen. Und ich auch die dritte nicht.

Ein gesonderter Stoß von BStU-Papieren sind Erfassungsbelege für die Computereingabe zur Zentralen Personendatenbank. Grundauffassungen des R. tendieren zu Maoismus Trotzkismus Kirchenkontakte Zahlreiche Verbindungen NSA. Schwerpunkt Kaderfragen insbes. das Reisekaderbestätigungsverfahren. Bei der Beantwortung der gestellten Fragen geht er von kleinbürgerl. Positionen aus. Eine Gefahr stellt er nicht dar. Bearbeit-Erg: Einstellung OPK. Sachverhalt § 245 Teilweise Offenlegung offiziell nicht nachweisbar Ende Formblatt 464 Ende der Eintragung. Nichtzutr. str.

Waren beim Ausfüllen solcher Formulare feste Richtlinien zu beachten? Waren dem Indexierer Sprachregelungen vorgegeben? Nach Dienstschluß im versiegelten Panzerschrank aufzubewahren? Die Benutzung namentlich zu quittieren, jeweils mit Dienstgrad Datum Uhrzeit? War bei eventueller Nichtauffindbarkeit Großfahndung auszulösen? Einschließlich Benachrichtigung des Bruderorgans in Moskau Prag Warschau Sofia? So viele Fragen…

Ich bin versucht, die Dinger mit Kommentaren vollzuschmieren. So, wie ich als Junge Schnurrbärte in Fotos gekritzelt habe: Zentrale Pers. Datenbank Erfassungsbeleg Indexierer: Bu. SV (heißt wohl Sachverhalt): Schriftlich-negative Äußerung Datum-Feststellung: 80 Wir wollen Strukturen im Dienst der Menschen und nicht den Menschen im Dienst von Strukturen Alle Macht der Phantasie Ereignisstelle: Wohnung [folgt Adresse Törnstedt] Erf-Art: OPK „Reise“ Erf-DienstEinheit: Ro/KD Törnstedt Vorbereitung Auswertung von Dienstreisen Erf-Datum:81-86 Reg-Nr:1/853/81 Entwicklungsstadium: Vollendung Verdacht Wo das Vertrauen fehlt, wächst der Verdacht. Laotse. Geheimnisverrat Erste Mahnung: Terminüberz. bei Reiseauswertung Begehungsform: Literatur. Mittel: Manuskript Buch Papier Propagieren Versenden Veröffentlichen Kopie an Wenauchimmer Roman Arbeitstitel Reise zu den Aptenodyten Warst du nicht damals in Paris mit diesem – wie war doch gleich der Name. Liegt beim Verlag Neues Leben vor. Fabel beinhaltet Reiseberichtswesen einschließlich Erwähnung Sicherheitsinspektion des GD im Verteiler von Reiseberichten. Zentralproblem Dienstreisen nichtsoz. Ausland. Sich abzeichnende persönl. Probleme des Autors bei eigener Reisekaderbestätigung durch BV Halle einer Lösung zuzuführen versucht. Ereignisstelle wie gesagt Wohnung Anschr. s. oben Wir haben die Druckgenehmigung von unserer vorgesetzten Behörde mit Auflagen erhalten. Also streiche hier und da oder das Buch kommt nicht. Am besten du schreibst wieder Abenteuerhefte. Versenden innerhalb DDR Geheimnisverrat Acht Jahre im schweren Fall. Motiv: Ablehnung staatliche Maßnahme Du bist aus Ostdeutschland Allemagnedelest wie exotisch.Teilnahmeform: Täter Verdacht Bearb-Maßnahme: Einsatz IM Operative Personenkontr. Vorgang „Reise“ KD Törnstedt Sachverhalt Bedingung Schrägstrich Umstand: eigene Dienstreisen für volkseigenes Kombinat vor Aufnahme schriftstell. Tätigkeit 76. Massive schriftlich-negative Äußerung.

Begehungsform: Literatur. Mittel: Manuskript Buch Papier Propagieren Versenden Veröffentlichen. Eine solche Beschreibung vom Entstehen eines Romans könnte man sich überhaupt nur schwer als Fiktion ausdenken; sie ist möglich geworden dank der Anforderungen der Formatierung von Formblatt 464 an Indexier Bu; der/die mußte sich was einfallen lassen. Die Idee, einen Roman zum Ausposaunen solch staatstragender Geheimnisse wie etwa der Verteilerschlüssel von Reiseberichten und der Existenz einer sogenannten Sicherheitsinspektion des Generaldirektors zu nutzen, war offenbar Herausforderung genug.

Ja, reisen bildet. Mit dem Aufkleber Geheimnisverrat war dessen Träger vom sozialismussuchenden Übersiedler zu einem Fall für die sozialistische Strafrechtspflege mutiert. Zwar blieb es bei der bloßen Drohung, doch hätte man R. im Fall grober Aufmüpfigkeit nun wegen eines strafrechtlichen Delikts belangen können.

Das Organ hatte weiterhin ein waches Auge auf ihn. Streng vertraulich! Datum 260288 Indexierer Mu. Kontaktart Postkontakt NSA,USA. Persönl. Kont. Sachverhalt LV NSA Empfangen Post aus/Absenden Post nach USA. Organisieren Zusammenkunft. Bedingung/Umstand Intimbeziehung. Quelle MfS Abt. 26A und M.-Kopien Op-Masznahme Personenkontrolle. Text-Kontakt Der R. unterhält Liebesverhältnis zur USA-Bürg. Louise C. aus Brumseich, Maine, die er während Studienreise 190687 bis 150887 in USA kennenlernte. C. reiste 271187 in Berlin ein und traf sich mit R. Bis 100188 weilte sie bei R. in Törnstedt. R. hat Absicht, mit der C. in USA zusammenzuleben und ist um Scheidung von seiner Ehefrau bemüht.

Es ist spät geworden, die Sonne eben untergegangen. Der Computer ist abgestellt. Am Himmel flammt es dunkel, fast lila. Die Farben von Bäumen und Wolken und Häusern driften, werden warm und dann knallig bunt, ehe sie verblassen. Ich schließe das Fenster und mache Feuer im Kamin. Seit ich hier bin, und das sind jetzt immerhin schon einige Jahre, hat sich am Ablauf der halben Stunde nach Sonnenuntergang zu genau dieser Jahreszeit wenig geändert: der Fluß, die Brückenbögen über den Stromschnellen, der Autostau bei Schichtwechsel auf der Werft in der Nachbarstadt. Ich sehe die Abbieger von der Schnellstraße in die schmale Fahrbahn zur Brücke tröpfeln, eine Umgehungsstraße ist erst im Bau. Flußab leuchten die Sperrtonnen neben den Caissons für die Pfeiler des neuen Viadukts gelb auf, sooft die langen Schatten der Bäume sie freigeben. Es ist Flut.

Bei Ebbe lauern die Kormorane an den Felsen im eisfreien Fluß auf Fische; in der grimmigen Kälte der Mainer Winter gefriert das tosende Wasser während des Sturzes über den Katarakt. So erstarren auch meine Erinnerungen, mitten in der Bewegung. Wird beim Frühjahrshochwasser das Wehr gezogen, donnern die Eisschollen zu Tal, manche mit Steinen Baumwurzeln ganzen Stämmen als Einschlüssen, zuweilen mit toten Eichhörnchen oder Krähen. Wie Insekten in Bernsteinsplittern.

Gegen sechs kommt Louise aus dem College. Das lag für dich im Briefkasten, sagt sie, aus Deutschland, und reicht mir einen breiten Umschlag. Er wiegt schwer in meiner Hand. Ein grüner Aufkleber gibt als Versandweg Land an. Ich weise Louise darauf hin, sage: Möchte bloß wissen, wie sie das machen. Sie zuckt mit den Schultern. Mir fällt als Möglichkeit nur die Polroute ein, per Hundeschlitten über Crockerland.

Die Sendung ist von Onkel Hotte. Ich reiße den Umschlag auf. Zum Vorschein kommt das graublau marmorierte Kontobuch mit seinen Memoiren, das er auf dem Nachttisch liegen hatte. Dazu, undatiert, ein Begleitzettel: Mein lieber Neffe! Ich schicke Dir, was ich im Lauf der Jahre über mein Leben aufgeschrieben habe. Für Dich dürfte manches neu und vielleicht nicht uninteressant sein. Mit Gruß aus der alten Heimat – Dein Onkel Horst.

Im letzten Aufschrei des Tageslichts leuchten vom Bauplatz der Brücke zur neuen Umgehungsstraße fahlgelb die Absperrbojen herüber, verführerisch wie Markierungen eines Fahrwassers. Ungeduldig öffne ich das sperrige Heft. Auf dem Vorsatzblatt steht noch einmal: Meine Memoiren: Erinnerungen und Erkenntnisse. Ich schlage die erste Seite auf. Dort steht, offenbar als Motto fürs Ganze gemeint, ein Zitat aus einer Geschichte vom Hodscha Nasreddin: Wer reist, soll sich nicht wundern, wenn er plötzlich wieder an seinem Ausgangspunkt ankommt. Ich lege das Blatt um, schlage die nächste Seite auf, blättere ungläubig weiter. Das gibt es doch nicht: Alle  Seiten sind leer.

Zwei Tage später kommt ein Anruf aus Onkel Hottes Pflegeheim in Kassel. Wenn ich ihn noch einmal sehen wolle, müsse ich mich beeilen. Er habe einer Pflegerin in einem der inzwischen seltenen wachen Augenblicke meinen Namen und meine Telefonnummer aufgeschrieben. Ich überlege nicht lange. Am nächsten Morgen sitze ich im Bus nach Boston und erreiche eine Nachmittagsmaschine nach Frankfurt. Die Reise erregt mich mehr als jeder andere Flug nach Europa zuvor. Ich bin vielleicht wirklich, mit fast siebzig Jahren, den letzten Geheimnissen des eigenen Lebens auf der Spur. Den Antworten auf Fragen, die mich seit dem Weggang aus der Alten Welt beschäftigt haben.

Bei der Landung bin ich unausgeschlafen, Kopfschmerz plagt mich. Ich muß auf den Mietwagen warten. Verfahre mich dann mehrfach, ehe ich die Autobahn erreiche und mit deutscher Rasermentalität konfrontiert werde. Ich hänge fast zwanzig Minuten hinter einem Sattelschlepper, ohne an ihm vorbeizukommen. Sobald ich zum Überholen ansetze, erscheint in meinem Rückspiegel aus dem Nichts ein aggressiv lichthupender Landsmann und nötigt mich zurück in die Kriechspur. Vor meinen Augen verschwimmen die Rücklichter des riesigen Trucks, den ich nicht passieren kann. Aus unerfindlichen Gründen muß ich auf einmal daran denken, daß Onkel Hotte mir eigentlich, obwohl er umständehalber nicht sehr gesprächig sein konnte, mit manchen seiner kurzen Notizen sehr viel gesagt hat. Unsere letzte Begegnung bei Mutters Beerdigung in Törnstedt fällt mir ein. Damals habe ich auch meine Schwester zum letzten Mal gesehen. Onkel Hotte hatte, als ich ihn nach dem Fellversaufen zu einem Spaziergang einlud, auf die Speisekarte geschrieben: Ich gehe nie wieder spazieren. Ich bin einmal losgelaufen, immer nach Osten, auf einmal war ich in Norilsk. Und dort mußte ich ein paar Jährchen bleiben. Der Spaziergang hat mir zu lange gedauert.

Plötzlich habe ich Angst,  zu spät zu kommen und den Onkel nicht mehr lebend anzutreffen. Kurz vor Kassel bin ich so müde, daß mir die Augen zufallen. An der Ausfahrt zur Raststätte gebe ich Blinkzeichen und setze eben zum Abbiegen an, als im gleißenden Gegenlicht ein Reklameschild meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ein neu eröffnetes Restaurant bietet Wellfleisch von unserem ersten Schlachtefest an, eine lange entbehrte Delikatesse. Trotzdem fahre ich weiter.

In dem Heim erkenne ich kaum etwas wieder. Finde aber schließlich jemanden, der Onkel Hotte gekannt hat. Der Anruf in Maine müsse ein Irrtum sein, wann der denn erfolgt sei. Der Onkel sei schon mehrere Jahre tot. Man sagt mir, wo ich sein Grab finden kann. Zur Beerdigung sei damals nur eine Nichte erschienen. Aus Ulm oder so. Ich sage: München. Gut möglich, wird mir erwidert. Diese Nichte habe auch alle Sachen des Toten mitgenommen. Auf dem Friedhof finde ich ohne langes Suchen die Grabstelle. Sie ist ungepflegt, als Umrandung wuchert eine Buchsbaumhecke drauflos. Den Stein – ein Kreuz aus roh behauenem Granit – überzieht ein Anflug von Moos. Als Todesjahr steht auf dem Kreuz

Die Notiz bricht mitten im Satz ab. Sie ist der letzte Reisebericht unter R.s Papieren. Zwar bietet der Koffer insgesamt eine Fülle von Informationen, doch bin ich bei der Beschäftigung mit ihnen in manchen Fragen überhaupt nicht weitergekommen. Ob er wohl, hätte man ihm eine Außenstelle in Paris statt in Moskau angeboten, in die Partei eingetreten wäre? Hätte er in Dessau auch dann mit der Stasi gesprochen, wäre kein Weggang nach Törnstedt absehbar gewesen? Und wie das Verhältnis zu seinem Vater gewesen sei und zu seiner Schwester Herta, als sie beide noch jung waren, und ob er jetzt noch Ziele für Traumreisen habe und wer seine neuesten Lieblingsautoren seien und ob er noch immer den Bart habe und warum er nach so vielversprechenden Anfängen nie einen Familienroman geschrieben habe oder den Roman über Crockerland und und und.

Da kam aus heiterem Himmel eines Dienstags Mitte Mai ein Anruf von ihm aus Chicago. Wie er zu meiner Nummer gekommen ist, weiß ich nicht, aber seit es das Internet gibt, habe ich mir allzuhäufiges Staunen abgewöhnt. Während des Gesprächs wirkte er fahrig und sprunghaft, Züge, die ich nie an ihm bemerkt hatte. Den Koffer erwähnte er nicht. Wir sprachen von den gemeinsamen Zeiten in Maine, über Collegekram und unsere Segeleien. Er fragte nach meinen Eltern und kam dann mit seinem eigentlichen Anliegen: er habe vor, mit einem seetüchtigen Boot von Alaska aus um Kamtschatka herum ins Ochotskische Meer und von dort den Amur aufwärts zu segeln, bis nach Chabarowsk. Dringlich fragte er, ob ich nicht mitkommen wolle. Die Beringstraße sei eben eisfrei geworden.

Was willst du denn da oben? fragte ich erstaunt zurück. Suchst du etwa noch immer nach Crockerland? Er hatte gelacht und geantwortet: Wo denkst du hin! Die Sache ist ganz einfach: Ich bin schon einmal in Chabarowsk gewesen, von Westen her. Jetzt komme ich aus Amerika, also von Osten. So billig kriege ich nie wieder eine Erdumseglung.

Wie lange braucht man denn für eine solche Weltspazierfahrt in zwei Etappen?

Ich war vor vierzig Jahren in Chabarowsk, wenn du das meinst.

Und in einem Ritt – wie schnell ist es da zu schaffen?

Mit einem Segelboot?

Ja.

Der letzte Sieger der Vendeé Globe hat 78 Tagen gebraucht.

Immerhin schneller als es Jules Verne sich hat träumen lassen. Aber was, bitte schön, ist die Vendeé Globe?

Du kennst die Vendeé Globe nicht? Die einzige Einhandregatte rund um die Erde, nonstop. Start und Ziel an der französischen Atlantikküste. Die nächste Wettfahrt beginnt im kommenden Jahr, am 6. November.

Ich mußte sein Angebot ablehnen, es überforderte mich. Ich hatte in Columbus bei der Spedition und auf dem Flugplatz Termindinge zu erledigen, die keinen Aufschub duldeten. An Urlaub war nicht zu denken.

Am Freitag der Woche drauf kam ein Anruf aus Nome in Alaska. Zu diesem Zeitpunkt war der Erwerb des Bootes bereits erfolgt. R. beschrieb mir die gaffelgetakelte Ketsch bis ins Detail – stehendes und laufendes Gut, Segelfläche, Zustand der Beplankung. Auch habe er jemanden gefunden, der mit ihm reisen wolle, einen jungen Mann namens Harris Burdick. Das Schiff, sagte er am Telefon, habe er Vineta getauft.

Bei diesem Gespräch war er aufgeräumt und guter Dinge. Als ich sagte, ich hätte so viele Fragen an ihn im Zusammenhang mit dem, was er mir da vor Jahren in dem Koffer geschickt habe, war seine Antwort: Ach, der Koffer! Dann komm doch her, ich warte auf dich. Wir können auch zu dritt segeln, und auf See haben wir so viel Zeit.

Aber ich konnte beim besten Willen nicht. Ich erinnere mich noch, daß er von einem Triumphbogen sprach, den die Bewohner des Städtchens Nome seinerzeit, nach dem Polflug des Luftschiffs Norge, für Amundsen und Nobile errichtet hatten. Lachend, sodaß ich ihn zunächst nicht verstehen konnte und nachfragen mußte, prustete er ins Telefon, zwischen den Papiergirlanden habe gestanden: From Rome to Nome.

Ich fragte nach Louise, wie es ihr gehe und was sie zu seinen Segelabsichten sage. Danke der Nachfrage, sagte er. Es geht ihr gut. Und der geplante Törn? Dazu hat sie gesagt: Wenn du nach Chabarowsk mußt, dann mußt du nach Chabarowsk.

Wochen nach jenem Anruf erfuhr ich zufällig beim Surfen im Internet, an der Küste Alaskas sei das Wrack eines zweimastigen Segelbootes angeschwemmt worden. Am Heck, hieß es, habe Vienna als Schiffsname und ein College-Städtchen in Maine als Heimathafen gestanden. Die Nachricht berief sich auf einen Captain William Martin von der Air Station Kodiak. Das Boot habe die US Coast Guard nach Nunam Iqua geschleppt, einer Yupik-Siedlung im Yukon-Delta. Den Namen des Skippers gab die Meldung mit Randolph R. Reinhard an. Von ihm fehle jede Spur.

ZUM  ROMANANFANG                                                            ZUM  EPILOG

Advertisements

Über Otto Emersleben

- 1940 in Berlin geboren. Physikstudium, Diplom 1964 in Sofia, Bulgarien - 12 Jahre Kundendiensttechniker der Filmfabrik Wolfen. Reisen in Europa und Asien - In Dessau Mitarbeit im Literaturzirkel von Werner Steinberg - Ab 1975 Veröffentlichung historischer Erzählungen (Reihe DAS NEUE ABENTEUER) - 1976 freischaffender Autor in Greifswald (Vorpommern) - 1977/78 Szenaristenkurs (Filmhochschule Babelsberg) - Studienreisen: Buchara (1977), Venezuela/Peru/Cuba (1983). USA (1987) - Seit 1992 ständig in Brunswick ME
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu From Rome to Nome

  1. Pingback: Die Venus von Mi | Otto Emersleben

  2. Pingback: INHALTSVERZEICHNIS | Otto Emersleben

  3. Pingback: INHALTSVERZEICHNIS | Otto Emersleben

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s