Ein Leben in Flüssen (I)

orientierungshilfe

Die Flüsse in meinem Leben sind an zwei Händen nicht aufzuzählen. An den Anfang gehört wohl der Sumpfkanal zwischen Schlachtensee und der Krummen Lanke. Von dort nimmt der Fischerhüttenweg seinen Anfang. Geht man diese Straße aufwärts, gelangt man zum Krankenhaus Waldfriede. Dort bin ich 1940 zur Welt gekommen. Dann, wie erwähnt, noch vor Kriegsende in Oberglogau die Hotzenplotz; ich sehe nicht einmal mehr das Wasser vor mir, nur eine Brücke auf dem Weg zur Zuckerfabrik mit einem Kriegsgefangenenlager. Wirklich erinnern kann ich mich an den schlesischen Strom allerdings erst von einem späteren Besuch, in den 70er Jahren – bei der Durchfahrt durch Krappitz: dort mündet er in die Oder. Ja, die Hotzenplotz war eher in meinem bewußten Leben als die Spree. Wollte ich als Berliner in Anspruch nehmen, „mit Spreewasser getauft“ zu sein, dann nach Verdünnung durch die Havel und deren Randseen. Die Krumme Lanke, von allen Seen der Kette dem Elternhaus am nächsten gelegen, war unheilumwittert. Dort lebte ein Riesenwels, der See war ein drohendes Wasserloch. Dort durften Herta und ich nicht baden, dort war Nachbar Henn ertrunken, vor den Augen seiner Söhne (die waren inzwischen schon selbst Respektspersonen für uns Kinder). Der See hatte angeblich einen doppelten Boden, mit Löchern in einer Torfschicht, durch die man einfach verschwand. Natürlich sagte unser aufgeklärter Vater nicht „Nixe“ oder gar „Wasserhexe“. Er sagte: gefährliche kalte Strömungen. Und Mutter ergänzte: Wadenkrampf. Schwimmen gelernt habe ich folglich nicht in der Krummen Lanke, sondern im Grunewaldsee.

Zwischen der Hotzenplotz und der Aue bei Zilly liegen drei Monate Treck auf der Flucht. Flüsse sind mir aus dieser Zeit nicht erinnerlich, auch keine anderen Gewässer. Auf der zugefrorenen Aue habe ich mir im ersten Schuljahr den Arm gebrochen. Im Winter drauf hat sie Zilly Hochwasser gebracht – das einzige, das ich je miterlebt habe. Danach fror alles zu, das Dorf war eine einzige Schlitterbahn. Das letzte Mal, als ich in Zilly war – schon mit Louise -, war die Aue ein versumpftes Etwas, die Brücke an der Mühle aber vom Huy her noch immer die Einfahrt ins Dorf. Ein zur Durchfahrt der Ackerwagen gepflasterter Abschnitt des Flüßchens  – abseits der Hauptstraße – lag ganz trocken und stank, dito der Teil am Gasthof Krelle. Und die Angerwiese am Alten Zoll (dort waren nach Kriegsende einmal alle Kühe, Ochsen und Pferde des Dorfes zu einer Viehzählung versammelt) kam mir unverhofft klein und eng vor.

Von der Aue ging es im Frühjahr 47 – Vater war aus der Gefangenschaft gekommen – zurück an die Krumme Lanke, den Grunewaldsee und die Havel. Schließlich aber doch eine erste Erinnerung an die Spree, mit kreischenden Lachmöwen über der Weidendammer Brücke, bei einem der langen Streifzüge an Vaters Hand durch die zerstörte Innenstadt; er war auf der Suche nach Arbeit.

Sechs Jahre nach dem ersten Familienurlaub an der Steinernen Renne im Harz kaufte Vater – er war inzwischen Professor in Törnstedt – ein Auto: einen IFA F 9 – Zweitakter. Wir fuhren damit an den Rhein und weiter nach Frankreich: Seine Loire Rhone (bei Genf und Lyon; in die Provence bin ich erst später gekommen, mit Louise. An Italienischem 58: Po Arno Tiber Busento; und die Rinnsale in den breiten Schotterbetten auf Sizilien. Bei der Hinfahrt nach Italien der Rheinfall von Schaffhausen.

Zum Studienbeginn ging es an die Warnow, dorthin, wo sie sich breitfließt. Im folgenden Jahr der Bergbach beim bulgarischen Dorf Bunowo, wo ich Irina kennlernte. Auf dem Weg nach Bulgarien die Moldau und Donau. Im Laufe der Zeit kam an Balkanischem hinzu: die Maritza in Plovdiv; die Iskar mit dem grandiosen Durchbruch durchs Balkangebirge und Höhlen hoch in der Felswand; die Arda mit wilder Gebirgslandschaft, Karl May hätte seine Freude daran gehabt; und der Gebirgsbach in Simeonowo am Hang des Witoschagebirges bei Sofia, wo Irina und ich in unserer Diplomzeit ein Zimmer hatten. Als ich später wieder dorthin kam, war das enge Tal längst die Abfallgrube des Dorfes geworden mit Autowracks und weggekanteten Bettgestellen. Zu meiner Studentenzeit konnte manfrau dort noch die Wäsche waschen; ich auch.

In Jugoslawien die Vardar bei Skopie mit der uralten Steinbrücke; bei Sarajevo die Quelle der Bosna; und eine tagelange Autofahrt die Neretwa abwärts, bis an die Adria. Bei Belgrad Donau und Save; aber wo habe ich die Drina gesehen? Oder kenne ich diesen Fluß überhaupt nur durch das Buch von Ivo Andric? Ich erinnere mich an eine Tagesfahrt von Belgrad aus mit dem Tragflächenboot auf der Donau durchs Eiserne Tor bis nach Kladowo. Das war mit Doki, einer Studienfreundin von Irina, und ihrem Boban. Sie war Mazedonierin, er Serbe; beide fühlten sich als Jugoslawen. Später hatten sie Kinder. Was mag aus ihnen geworden sein?

wird fortgesetzt

Zurück zu SELFIE MIT BLOCKHAUS

Advertisements

Über Otto Emersleben

- 1940 in Berlin geboren. Physikstudium, Diplom 1964 in Sofia, Bulgarien - 12 Jahre Kundendiensttechniker der Filmfabrik Wolfen. Reisen in Europa und Asien - In Dessau Mitarbeit im Literaturzirkel von Werner Steinberg - Ab 1975 Veröffentlichung historischer Erzählungen (Reihe DAS NEUE ABENTEUER) - 1976 freischaffender Autor in Greifswald (Vorpommern) - 1977/78 Szenaristenkurs (Filmhochschule Babelsberg) - Studienreisen: Buchara (1977), Venezuela/Peru/Cuba (1983). USA (1987) - Seit 1992 ständig in Brunswick ME
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Ein Leben in Flüssen (I)

  1. Pingback: Start your computer | Otto Emersleben

  2. Pingback: Westreisekader | Otto Emersleben

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s