Balkanpfade

                                                                            Wer nichts vergißt, erinnert auch nichts.                                                        Walter Vogt

Start your computer. Schalte während des Hochfahrens den Bildschirm ein, den Lautsprecher aus. Sieh dir kurz den örtlichen Wetterbericht an, ignoriere die Aufforderungen zum Runterladen neuer Software. Das Schreibprogramm anklicken. Zeilenabstand und andere Elemente der Formatierung (soll ich Aspekte der Seitengestaltung sagen?) unverändert lassen. Unverändert bleibt auch das Schriftbild. Einen ersten Satz schreiben: Die frühesten Erinnerungen sind punktuell. – R. hat mehrere Anfänge einer Familiengeschichte in dem Koffer mitgeliefert. Einen davon auf einer CD; er scheint mir der signifikanteste seiner Familienromanprojektanfänge. Einige der auf der CD mitgeteilten Umstände hat er mir gegenüber gesprächsweise erwähnt. Das gesamte Textstück mit all seinen Verästlungen zum Hypertext würde meine Erzählung vom Westostwestreisenden  R. jedoch nur belasten. Also überlasse ich es Ihnen, ob Sie es lesen wollen oder nicht – falls Sie sich für JA entscheiden, können sie es hier.

Ein halbes Jahr vor dem Mauerbau heirateten Irina und ich in Sofia. Sie versuchte mit viel Rennereien die Erlaubnis zur Fortsetzung ihres Chemiestudiums in Deutschland zu erhalten, hatte aber keinen Erfolg. Ich studierte inzwischen nicht mehr in Rostock, sondern in Törnstedt, wo Vater ein Haus hatte bauen lassen. Mutter war dorthin umgezogen, Herta nicht. Sie kam manchmal zu Besuch, Vater besorgte die Passierscheine. Und er selbst pendelte weiter zwischen Ostsee und Grunewald.

Meine zwei Semester in Törnstedt blieben ziemlich ereignislos; das einzige, was zählte, war das Warten auf Irinas viel zu seltene Briefe. In dem Sommer, als die Mauer gebaut wurde, kam sie zu Besuch. Ich holte sie am Berliner Ostbahnhof ab, wir fuhren mit der U-Bahn nach Zehlendorf und ein paar Tage drauf nach Törnstedt.

Am nächsten Sonntag wollten wir Herta in Stralsund vom Dampfer abholen, sie war für zwei Wochen in einer Ferienhütte der Törnstedter Uni auf Hiddensee gewesen. In einer Milchbar am Markt warteten wir die Ankunftszeit des Schiffes ab. Wir tuschelten, denn obwohl Irina und ich uns damals nur auf französisch verständigen konnten, gab es die Angst, jemand könne unsere Intimitäten belauschen. Plötzlich sah Irina auf, blickte sich um und sagte ebenso leise, wie wir vorher gesprochen hatten: Les gens ne parlent pas.

Tatsächlich – niemand sprach, alle Gäste lauschten. Manche mit offenem Mund und zur Decke gerichtetem Blick, andere starrten auf einen Lautsprecher neben dem Tresen. Von dort kamen abgehackte Sätze: … Maßnahmen der Regierung zur zuverlässigen Sicherung der Staatsgrenze West … volle Zustimmung der Werktätigen. Die Ereignisse hatten heute nacht begonnen, als in Berlin … Herbeiführung eines Grenzregimes, wie es in der ganzen Welt üblich ist.

Wir zahlten und brachen sofort auf. Im Fährhafen warteten wir auf Hertas Schiff. Sie wußte schon von den Ereignissen, ihre einzige Sorge war: Ob sie mich noch rauslassen? In Törnstedt konnte Vater ihre Bedenken zerstreuen, nach zwei Tagen brachten wir die beiden zum Zug nach Berlin. Mutter weinte, als wir ihnen nachwinkten. Vater kam ein paar Tage später zurück. Sein Dauerpassierschein galt noch bis Jahresende, später wurde er immer wieder verlängert.

Im Oktober 1961 ging R. zum Weiterstudieren nach Bulgarien. Wann er den Weggang aus Törnstedt zu betreiben begann, kann ich nicht mehr sagen, aber eins weiß ich mit Bestimmtheit: ohne seines Vaters Beziehungen zu Kollegen in Sofia wäre der Wechsel nicht möglich gewesen. Professor Christow, der zwei Jahre zuvor R. in seine Familie nach Sofia eingeladen hatte, war inzwischen an der dortigen Uni Stellvertreter des Rektors. R. und Irina konnten endlich zusammen leben.

Sie waren achtundzwanzig lange Jahre verheiratet, die ersten zehn davon, wie er oft betont hat, sehr glücklich. Ein halbes Jahr vor dem Fall der Mauer wurden sie geschieden. Aus dieser Ehe gibt es die Söhne, Otto und Bogdan.

Ich kenne Bulgariens Hauptstadt nicht aus eigener Anschauung, nur vom googeln. Die breiten Zentralboulevards, zwischen den bebauten Flächen viel Grün. Ringsum Gebirge, man kommt mit der Straßenbahn hin. Im Traum sehe ich R. im schattigen Park vor dem Nationaltheater auf und ab gehen. Er schaut sich um, spricht dann eine Passantin an, fragt sie auf deutsch: Sind Sie eine Bulgarin? Sie scheint ihn zu verstehen, antwortet nur knapp, seltsamerweise auf englisch: Sure thing!

Er fragt den nächsten Vorbeikommenden, der bleibt kaum stehen, antwortet:  Sort of. Schon ist er weitergehastet. Ein nächster sagt: Why not? Diese Stimme klingt mir vertraut. R. blickt dem Angesprochenen ins Gesicht (ich lasse ihn, da ich die Stimme erkannt hatte, dem Angesprochenen ins Gesicht blicken). Und was sieht er? Sich selbst.

Das Studium in einem Land, dessen Sprache er erst zu lernen begonnen hatte, war klippenreich. Zu seinem Glück waren die Professoren fremdsprachenkundig und kamen ihm entgegen; die ersten Klausuren durfte er auf deutsch schreiben. Die Formeln an der Tafel verstand er, zumal er sich seine wichtigsten Bücher aus Törnstedt mitgebracht hatte. Im übrigen: Sprachen lernt man am besten im Bett, eine Weisheit, die er zu passender wie zu unpassender Gelegenheit immer wieder anführte.

Mit Bulgarien hatte R.s Utopie von der menschenbrüderlichen Gesellschaft vorerst einen neuen Ort zum Wuchern gefunden. Er war jung und verliebt, da sieht die Welt meist rosig aus. Hinzu kamen freundliche, hilfsbereite Menschen, deren Sprache, Eigenheiten, Bräuche, Geschichte er – neben der Physik – zu lernen im Begriff stand. Ohne Maueralltag. Ohne vormilitärische Ausbildung, jedenfalls für ihn. Seine bulgarischen Mitstudenten waren zumeist längst Reserveoffiziere. Die paar Versammlungen mit anderen DDR-Studenten (es waren ausschließlich Mediziner), zu denen er gehen mußte, saß er geduldig ab – bei allem sich meldenden Widerspruch, denn dort in Sofia begann offensichtlich bald eine Art Umdenken.

Lieber Werner, lautet der Anfang eines am 16. Oktober 1963 datierten Briefes. Abends war ich bei einer Versammlung der deutschen Studenten zur Vorbereitung der Wahl in der DDR am Sonntag. Der neue Botschafter hier in Sofia, Johannes Keusch, hat zu uns gesprochen. So bin ich heute um eine Enttäuschung reicher. Wie ist das bloß möglich, daß an solch entscheidenden Stellen Nullen sitzen? Schlecht, wenn man sich schon nicht anders als im Zeitungsdeutsch ausdrücken kann, aber wenn man außerdem noch nicht mal was zu sagen hat – (eigene Gedanken könnte man auch im Zeitungsjargon ausdrücken, das würde mich weniger stören) — wenn man dauernd Walter Ulbricht zitieren muß, sich außerdem an Zahlen berauscht, dann ist man eben nicht der Mann zum Botschafter. Auf solchen Posten gehört doch jemand mit eigenem Profil, ansonsten ist es nur noch ein Schritt bis zum Bekenntnis Meine Ehre heißt Treue. Ulbricht selber – ausgerechnet! Er kann keinen Satzt stammeln, ohne vom Blatt zu lesen– verlangt eigenes Denken, in jeder Rede, aber dieser Gedanke wird gedankenlos nachgeplappert, sodaß er in sein Gegenteil umschlägt. Ich glaube immer noch, daß wir uns all diese gehaltlosen heiligen Handlungen – Versammlungen, bei denen nichts rauskommt als leeres Geschwafel, Konferenzen, Kongresse, Wahlen, bei denen es nichts zu wählen gibt usw. – daß wir uns all dieses eines Tages gar nicht mehr werden leisten können, weil es unproduktiv ist. Vielleicht wird man sogar schon eher einsehen, als wir uns heute träumen lassen, daß es nicht nur die Entwicklung der Produktivkräfte nicht fördert, sondern sie sogar direkt hemmt, weil es die Leute verärgert oder zumindest abstumpft. Grüße alle Freunde, die Eltern und Deine Schwester. Viele Grüße unbekannterweise auch von Irina. Nun muß ich aber diesen Brief an Dich langsam mal abschicken.

Aktenvermerk. Am 31. 10. 1963 übergaben die bulgarischen Freunde (Genosse Major Kiradjiew) einen konfiszierten Brief, den ein DDR-Student nach Westberlin senden wollte. In dem Brief an (geschwärzt) diskriminiert der R. Staatsfunktionäre. Die Überprüfung ergab, daß R. in Sofia, uliza Venelin 28 wohnhaft ist. Er ist verheiratet mit einer bulgarischen Bürgerin (Vorname Irina). R. wohnt in Sofia bei den Schwiegereltern. Nach Angaben des GI Fritz studiert er Physik, seine Frau ist Chemiestudentin. Er ist bei den Studenten beliebt. Charakterlich ist er umgänglich und bescheiden. Seine Studienergebnisse sind zufriedenstellend. Sein Vater soll Mathematikprofessor in der DDR sein. Eine Schwester des Genannten studiert in Westdeutschland. Mit ihr hat er sich in Bulgarien getroffen. R. unterhält Verbindung zu Akademiemitglied Christo Jankow Christow, einem Freund seines Vaters, der das Studium des R. in Sofia vermittelt hat.

Am 1. November schickt der in Sofia mit R. beschäftigte Stasi-Mann ein Telex nach Berlin mit der Bitte um detaillierte Personenüberprüfung. Adressiert ist es an die HA II/5; ihr oblag die Fahndung nach postalischen Verbindungssystemen westlicher Geheimdienste. Der Mann muß ohne Namen bleiben, die Unterschrift unter dem Telexentwurf ist unleserlich. Schon der – unterschriftslose – Aktenvermerk vom Vortag des Fernschreibens vermeidet die Ortsangabe, stattdessen steht OU. vor dem Datum: Ortsunterkunft, sowas wie Kein Ort Nirgends.

In Berlin läßt man sich Zeit. Erst am 28.2.64 gehen unter Bezugnahme auf eine telefonische Rücksprachrache des Gen. Tietz mit dem Genossen Pett am 21. 12. 63 vier Blatt Anlage an die BV Rostock zur Weiterleitung an die Kreisdienststelle Törnstedt. Der Leiter von II/5, Hauptmann Schierhorn, bittet im Begleitschreiben um Kenntnisnahme und weitere Veranlassung.

Da die von Hauptmann Schierhorn angeregte weitere Veranlassung seitens der Törnstedter Stasi ausblieb, konnte R. in aller Ruhe seine Diplomarbeit schreiben und das Studium beenden. Daneben sah und hörte er sich weiter in Gegenwart und Geschichte des Gastlandes um und stieß auf immer neue staunenswerte Umstände. Über das Straflager Belene, auf einem Archipel in der Donau gelegen, hörte er von ehemaligen Häftlingen Unbegreifliches, zu einer Zeit, als er noch nichts über Fünfeichen bei Neubrandenburg wußte. Das Gehörte unterschied sich in nichts von den Berichten über die in Hitlers Konzentrationslagern gefolterten und zu Tode geschundenen Kommunisten – nur waren Kommunisten diesmal die Schinder und Henker. Vor den Baracken soll ein Obelisk mit der Inschrift Frieden – Arbeit – Sozialismus gestanden haben.

An die Versammlung mit dem Botschafter erinnere ich mich genau. Nicht nur, weil der eine absolute Niete war, was ich Werner in Zehlendorf gleich mitteilen mußte; auch wegen der Offenheit der Studenten in Fragen, die sie für unpolitisch hielten. Eine davon war das Verbot privater Kontakte nicht nur zu anderen ausländischen Studenten in Sofia, sondern auch zu den bulgarischen. Offenbar waren sie angehalten, sich bei ruchbar werdenden Verstößen gegen das Kontaktverbot gegenseitig anzuschwärzen.

Die Stimmung im Hörsaal schlug immer höhere Wellen. Alle jauchzten vor Zustimmung, als ein Student in der Diskussion sagte: Mir fault ja bald mein Ding ab, wenn ich hier mit keiner anbändeln darf und man mich nur einmal im Jahr nach Deutschland läßt! Der Botschafter hatte mit unbewegter Miene sofort eine Entgegnung parat. Eine Antwort auf die Nöte der Studenten war, was er mit vorwurfsvoller Stimme sagte, allerdings nicht: Ich höre immer Deutschland! Ihre Heimat ist die Deutsche Demokratische Republik. Daran sollten sie sich gewöhnen und sich auch langsam dazu bequemen, sie so zu nennen.

Mich betraf das alles irgendwie nicht, ich war mit einer Bulgarin verheiratet und wohnte nicht bei den anderen Studenten im Heim, sondern in einem in der Stadt gemieteten Zimmerchen. Ich war fein raus, mußte mich nur, wenn ich mit Irina zu ihren Eltern nach Plovdiv fuhr oder für mehrere Tage in den Bergen wanderte, bei der Studentenabteilung der Botschaft abmelden. Unter Angabe der voraussichtlichen Wanderroute: Botewgrad Etropole Tetewen. Oder: Karlowo Hütte am Jumruk Tschal Schipkapaß. Dazwischen lagen jeweils endlose Balkanpfade, auf denen uns nie jemand gefunden hätte.

Meine Versuche, das BStU-Aktenmaterial zu scannen und in laufenden Text umzuwandeln, scheitern. Den Halbwahrheiten der Tschekisten stellt das Texterkennungsprogramm noch mehr Ungereimtes zur Seite: GrUi3e alle schSn, die Freunde, Demne/ Eltern, emne Schweseter und meiné. Viele 0rüBe auch von Itina.

Mit Werner bin ich auf Demonstrationen gewesen, bei Geländespielen, in Ferienlagern; an einem Gedenktag für die Opfer des Faschismus (welchem? welches Jahr?) waren wir zusammen auf dem Waldfriedhof Dahlem. Dort lag nicht nur – anonym, in der Grabstelle der Schwiegereltern – Blutrichter und Bombenopfer Freisler (er war der einzige Obernazi, den die Bomben erwischten). Dort lagen auch die Schauspielerin La Jana und der Rennfahrer Bernd Rosemeyer. In späteren Jahren kamen Gottfried Benn, Bully Buhlan, Schmitt-Rottluff und O.E. Hasse dazu, 1958 meine Großmutter Hedwig Klose. Sie wurde wenige Jahre zuvor aus dem inzwischen polnisch gewordenen Oberglogau ausgesiedelt, der Großvater war kurz nach Kriegsende dort gestorben.

Wir – Werner, Herta, Susi und ich – waren mit einem Kranz für den Dichter Erich Mühsam gekommen. Die Polizei erwartete uns schon an seinem Grab. Der Offizier riß die rote Kranzschleife ab und erklärte sie für beschlagnahmt. – Heute ist Erich Mühsams Grab ein Ehrengrab des Senats. Im Internet finden sich ab und an Nachrichten von rotweinseligen Leseabenden, die seine Anhänger dort veranstalten.

Werner blieb nach dem Abitur im Westen, er studierte Schiffbau. Eine Zeitlang wohnte er zur Miete in R.s Elternhaus am Grunewald. Später wurde er ein wichtiger Mann auf einer Hamburger Werft; so wichtig, daß er einer Kontaktsperre nach dem Osten unterlag. Dadurch haben die beiden sich, auch als andere schon längst mit Passierscheinen zu Besuch in die DDR kamen, lange nicht sehen können. In Maine hat Werner R. mehrfach besucht, bei einer dieser Besuche habe ich ihn kurz kennengelernt.

Werner will bei einer Weltumseglung mit seinem Katamaran wieder nach Maine kommen. Schon schwindet das Land / der heimische Strand / noch immer winkt fern manche Hand. Ich schleppe die alten Lieder mit mir herum – die aus den Ferienlagern und die vom Barnstorfer Wald. Ein Heller und ein Batzen – ein Lied, das ich in Frankreich nicht singen durfte, weil der Refrain Heidiheidoheida dortigen Ohren klang wie ein Synonym für boche; in zu vielen französischen Kriegsfilmen hatten es deutsche Landser gegrölt. Das Lied von Budjonnys roten Reitern auf dem Rücken müder Pferde und die Partisanen vom Amur und die Internationale, die das Menschenrecht erkämpft, ohne sich an der Auslöschung von Millionen Klassenfeinden und -freunden zu stoßen. Und das Deutschlandlied, das ich – selbst zur dritten Strophe verkürzt – nicht singen kann. Als Fünfzehnjähriger, bei meinem ersten Besuch in Buchenwald, hörte ich von einem ehemaligen Häftling, der die Führung machte, daß das Lagerorchester bei den Hinrichtungen auf dem Appellplatz immer dieses Lied spielen mußte. Vom sowjetischen Speziallager Nr. 2 während der Nachkriegsjahre dort auf dem Ettersberg sagte er nichts.

Eine Liste der ab und an in meiner Erinnerung aufmuckenden Melodien wäre unvollständig ohne das Lied der Moorsoldaten, Wann wir schreiten Seit an Seit und Spaniens Himmel breitet seine Sterne. Hinzu kommt Brüder, seht die rote Fahne. Und: Brüder zur Sonne zur Freiheit, Verronnen die Nacht und der Morgen erwacht, rote Flotte mit Volldampf voraus. Dazu Am Holderstrauch, am Holderstrauch wir saßen Hand in Hand. Insgesamt eine trübe Mischung aus allerlei Sentimentschichten.

Ein Lied, dessen Kenntnis auf Mutter zurückgeht, beginnt mit: Hohe Nacht der klaren Sterne. Sie sang es zu Weihnachten mit Herta und mir. Da es ohne christliche Rhetorik und Symbole auskommt, dachte sie, Vater damit einen Gefallen zu tun; er war der schärfere Atheist von beiden. Nur war das Lied natürlich auf Nazimist gewachsen. Von den Kinderliedern fällt mir ein: Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Da oben da leuchten die Sterne, und unten da leuchten wir.

Auf unseren Segelfahrten in Maine hat R. auch oft gesungen: Kleine Möwe flieg nach Helgoland,  Wohin auch das Auge blicket und Wo die Ostseewellen trecken an den Strand sind Liedanfänge, die mir in Erinnerung geblieben sind. Meist begann er, wenn ich unter Deck war und er allein an der Pinne saß; streckte ich meinen Kopf ins Freie, hörte er zwar nicht sofort auf, sang aber leiser und kam bald zum Schluß. Ich fragte ihn manchmal nach einzelnen Worten – Wer waren die Moorsoldaten?  Was ist gäler Ginster?  Und warum er Stormgebrus sang und nicht Sturmgebraus, ob das das berühmte Plattdütsch sei. Einmal bat ich ihn, mir die Melodie des Liedes zu pfeifen, das er eben gesungen hatte; da sah er mich entsetzt an und sagte: An Bord pfeift nur der Wind, Jeff. Alles andere bringt Unglück.

Diensthundeführer, stellen Sie die Personalien dieser Dame fest! Diese Dame war Susi. Sie war älter als wir. Wer aus der Gruppe war sonst noch dort auf dem Waldfriedhof dabei? Ich erinnere mich nur an Werner und Herta. Ob sich im Berliner Landesarchiv Unterlagen zu diesem Polizeieinsatz befinden? Hatte der Schleifenabreißer auch Werners oder Hertas Personalien durch den Diensthundeführer feststellen lassen? Meine auch? Hatten wir damals überhaupt schon Personalausweise, diese großformatigen grauen Leinwanddoppelseiten mit dem Aufdruck Behelfsmäßiger Personalausweis und einem Feld: Abdruck rechter Zeigefinger? Oder war es der linke? Mit welchem Alter bekam man in den fünfziger Jahren in Berlins Westsektoren einen Ausweis?

Susi war Jüdin und Kommunistin; sie war den Nazis nach Schottland entkommen. Eine Verfolgtenrente oder eine Entschädigung bekam sie im Westen Berlins trotzdem nicht. Sie sei ja, teilte ihr das entsprechende Amt mit, selbst Anhängerin einer totalitären Weltanschauung. Der Witwe von Robert Freisler hatte das damals niemand gesagt. Auch später nicht.

Ein Zeitungsausschnitt (Die Zeit vom 22. Februar 1985). Aus der Versorgungsakte der Witwe des „Volksgerichtshof”-Präsidenten Roland Freisler geht hervor, daß Marion Freisler nicht nur Witwenpension aus dem Dienstverhältnis ihres kurz vor Kriegsende bei einem Bombenangriff umgekommenen Ehemannes bezieht, sondern darüber hinaus – seit 1974 – eine Schadensausgleichsrente. Gewährt vom Versorgungsamt in München mit der Begründung, es müsse unterstellt werden, daß Freisler – hätte er überlebt – nach dem Krieg als Rechtsanwalt oder Beamter des höheren Dienstes tätig geworden wäre. . . Im Prozeß gegen die Geschwister Scholl und andere Mitglieder der Weißen Rose hatte er das ihm von einem Beisitzer zugereichte Strafgesetzbuch in den Zuhörerraum geschleudert und dabei geschrien: Wir brauchen kein Gesetz, wer gegen uns ist, wird vernichtet. Nur wenn Freisler nach Kriegsende den Alliierten in die Hände gefallen und unter die Hauptverbrecher in Nürnberg geraten wäre, hätte die Chance für ein gerechtes Urteil über ihn bestanden. Von der Justiz der Bundesrepublik war sühnende Gerechtigkeit gegenüber früheren Richterkollegen nicht zu erhoffen. – R. hat an den Rand geschrieben: 85 waren sie endlich schlauer geworden.

Aber auch er wußte bei dem Versuch, an Erich Mühsams Grab einen Kranz niederzulegen, nicht alles: nicht, daß Mühsams Witwe Creszentia zu diesem Zeitpunkt noch in der Sowjetunion war; nicht, daß sie erst 1955 zurückkam, nach Ost-Berlin. Sie war bald nach Erichs Ermordung über Prag nach Moskau geflohen und hat einen großen Teil ihrer Emigration in sowjetischen Straflagern verbracht. Sie kannte die falschen Leute, Trotzkistenlinksabweichlerkonterrevolutionäresgeschmeiß. Man war weder zimperlich noch wählerisch beim Brandmarken von Schädlingen Gerümpel Gezücht Bucharinscheusalen. Zenzl Mühsam starb mit 78 Jahren und wurde auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde beigesetzt. Im Herbst 1992 wurde ihre Urne, ohne daß die Öffentlichkeit davon Notiz nahm, in das Grab ihres Mannes auf dem Dahlemer Waldfriedhof überführt.

Ich kannte Mühsam lediglich als Dichter des Liedes vom übervorsichtigen Revoluzzer, im Zivilstand Lampenputzer und wußte, daß er ein Opfer des Nazis geworden war. Susi hatte, nach ihm befragt, geantwortet: Er war Anarchist, aber er hat sich zu uns bekannt. Auch bei anderen Gelegenheiten hat sie sich, ohne selbst nachzudenken, als fest in der vorgegebenen Parteilinie verwurzelt erwiesen. Unser Geschichtslehrer hatte einen Brief Lenins an den Parteitag erwähnt, in dem vor einer allzu starken Konzentration von Macht in Stalins Händen gewarnt wurde; er, Lenin, sei nicht davon überzeugt, der intolerante Stalin werde es immer verstehen, von dieser Macht vorsichtig genug Gebrauch zu machen. Ich fragte Susi nach diesem Zeitdokument. Darauf sagte sie kopfschüttelnd: Von dir hätte ich nicht erwartet, daß du auf solch plumpe Verleumdung des Feindes hereinfällst. – Später habe ich den Brief – oder doch eine Kopie – in Gorki bei Moskau in Lenins letzter Wohnung als Wandschmuck gesehen, und heute pfeifen ihn alle Internetspatzen von den Dächern.

Mit Mühsams theoretischen Schriften muß R. sich erst viel später beschäftigt haben, zum Entspannen verkrampfter Nackenmuskeln. Unter seinen Papieren finden sich ausführliche Exzerpte: Der Gegensatz zwischen anarchistischer und marxistischer Weltanschauung beruht zum geringsten Teil auf der verschiedenen Beurteilung gesellschaftlicher Grundfragen. Soweit diese Fragen ökonomischer Natur sind, besteht sogar weitgehende Übereinstimmung… Die Unvereinbarkeit des Anarchismus und des Marxismus wurzelt in ihrer entgegengesetzten Stellung zum Menschen als Einzelwesen, mithin in ihrer seelisch-geistigen Haltung allgemein, aus der sich wiederum die Beziehung der beiden sozialistischen Lehren zur Kernfrage aller menschlichen Gemeinschaft ableitet: Welche Bedeutung wird der selbstverantwortlichen Persönlichkeit zur Beeinflussung des gesellschaftlichen Geschehens eingeräumt? Dies ist zugleich die Frage nach der individuellen Freiheit im organischen Getriebe…

Mutter habe ich mir immer als Krankenschwester vorstellen können: Schwester Erna. Vater als Offizier nie. Als Muschkoten ja (Kanonier hieß das wohl bei der Artillerie); da war er siebzehn oder eben achtzehn geworden und sieht mich von den Fotos so zutraulich an, mit Augen, die sagen: Ich bin Kriegsfreiwilliger, da staunste, was! In meinem Alter ist Marco Polo nach Fernost aufgebrochen. Und ich nach Königsberg und von dort über die Memel nach Jurburg und später nach Dünaburg.

Durch den Dienst bei der Artillerie wurde er zum Mathematiker. Die beiden Kriege haben ihn zehn Lebensjahre gekostet. Aus dem Zweiten Weltkrieg kam er geheilt zurück, äußerlich ganz Pazifist. Von einem hölzernes Kriegsschiff für die Badewanne, das ich von Onkel Hotte bekommen hatte, mußte ich die Geschütztürme abreißen. Aber seine Vergangenheit wurde Vater nicht los. Er erzählte – immer Nun, also… beginnend und sich dabei räuspernd – endlos vom Kasinogeist, der Dummheit und Arroganz der Berufsoffiziere, denen er die Schuld an beiden Niederlagen zuschrieb. Denn eigentlich, das kam unterm Strich dabei raus, wurde aber nie ausgesprochen, wäre die Chose bei praktischerem Herangehen beide Male zu gewinnen gewesen.

Seine Gefangennahme durch griechische Partisanen hat er sehr anschaulich zu schildern gewußt: der Hinterhalt ortsausgangs Mesolongi, in den er mit zwei Begleitern geriet, nachdem ein davoneilender Junge den Partisanen die Wehrmachtspatrouille gemeldet hatte. Der kurze Schußwechsel, sein Trick mit der seitlich auf die Deckung gelegten Feldmütze, die zwei Treffer bekam. Der Tod der beiden anderen, seine Verwundung und Gefangennahme. Wenn er erzählte, daß er feuerte, bis das Magazin seiner Pistole leer war und daß er dabei zwei Griechen erschoß, klang irgendwie Stolz auf die sichere Hand mit. Im Partisanenhauptquartier dann die Vernehmung durch Oberst Despotopulos, der Vater nicht an die Wand stellen ließ, weil er seine Doktorarbeit kannte.

Der Kern dieser Familienlegende stimmt sicher – der griechische Partisanenoberst hat den deutschen Hauptmann tatsächlich vor der Erschießung bewahrt. Aber daß er dessen Dissertation kannte, scheint mir heute unglaublich. Oberst Despotopulos war der Rechtsbeistand der kommunistischen ELAS-Partisanen, er hatte Jura in Paris studiert und sich dort ganz bestimmt wenig um eine Göttinger Doktorarbeit bei Max Born gekümmert: Gitterpotentiale und Zetafunktionen. Er wird in dem verwundeten Artillerieoffizier nicht nur den verhaßten Besatzer, sondern auch einen Mitakademiker gesehen haben, dessen Leben zu schonen er sich entschloß. Nachdem er – und das ist offenbar der wirkliche Zufall in dieser Geschichte – dessen Vernehmer geworden war, weil beide französisch sprachen. [An den Rand dieses Typoskripts hat R. mit Bleistift geschrieben: Vergiß endlich, was nie gewesen ist, jedenfalls nicht so.]

Nach glücklich überstandenen Diplomprüfungen fuhr er mit Irina zu den Schwiegereltern nach Plovdiv. Während in Sofia erst zaghafter Vorfrühling war, standen in der thrakischen Ebene die Pfirsichbäume schon in voller Blüte. Aus Berlin war von der Lenkungszentrale für Auslandsabsolventen ein Brief gekommen: Ihr Einsatz erfolgt im VEB Filmfabrik Wolfen, Kreis Bitterfeld. Ein Physiker, eine Chemikerin. Sie bereiteten sich auf den Umzug vor. Irina lernte schon etwas Deutsch. Vor der Abreise wollten sie noch in den Bergen wandern.

Aus diesem Wunsch wäre nichts geworden, hätte der Berliner Stasist Tietz auf Drängen des Abteilungsleiters bei seinen Rostocker Genossen (heute sagt man: bei den dortigen Ansprechpartnern) auf die verlangte weitere Veranlassung der nachgeordneten Dienststelle in Törnstedt gedrängt. Dann wäre womöglich ein Brief ganz anderen Inhalts aus Berlin an die Adresse des glücklichen Absolventen R. gekommen: Ungeeignet für den Einsatz in der sozialistischen Produktion, zunächst Bewährung im Braunkohlentagebau. Der Ehefrau wird Zureise verweigert, über ihren Einsatz entscheiden die bulgarischen Bruderorgane.

Doch ein solcher Brief kam nicht, und so fuhren die beiden Mitte April gen Norden ins Gebirge, bis Hissar ging die Eisenbahn. (Der Ort ist seit römischen Zeiten ein bekanntes Thermalbad, wahrscheinlich war er es schon vorher. Erste spätneolithische Siedlungsfunde aus dem 4. Jahrtausend v.Chr., aber will ich das alles hier aufnehmen?)

Zu Fuß wollten wir in das als höchst malerisch gerühmte Koprivschtiza, wo, wie ich immer wieder gehört hatte, das alte Bulgarien am typischsten erhalten war. Ich kannte die Stadt aus dem Buch von Ljuben Karawelow über die Bulgaren der alten Zeit, das in Koprivschtiza spielt, Karawelows Heimatort. Und aus dem Roman Unterm Joch von Iwan Wasow, einer Chronik des Aprilaufstandes von 1876 gegen die osmanische Herrschaft, der in der Stadt ausbrach. Die Literatur des Landes trug wesentlich dazu bei, daß ich Bulgarien kennenlernte.

Unser erstes Tagesziel war die Hütte Fenera, 1300 Meter über dem Meeresspiegel. Der Weg dorthin war weit, beschildert war er nicht. Zum Glück trafen wir, noch in Hissar, den Hüttenwirt Bai Iwan; er war mit seinem Esel Gotscho auf dem Rückweg vom Einkaufen. Hocherfreut schlossen wir uns ihm an. Bai Iwan erwies sich als gesprächiger Philosoph. Sein Verhalten zu Gotscho zeichnete sich durch Respekt und Wohlwollen aus. Er erklärte uns: Wer seinen Esel schlägt, weil das Tier stehenbleibt, ist selbst störrisch – nicht der Esel. Der weiß am besten, wann er müde ist und wie lange er ausruhen muß. Wenn es nach einer Rast weitergehen sollte, genügte ein Zuruf, und Gotscho lief wieder. Er muß mit Bai Iwans Bemessen der Ruhepause einverstanden gewesen sein. Über die sonnigen Hänge der Sredna Gora ging es immer höher, mal an bestellten, mal an vernachlässigten Feldern entlang, vorbei an blühenden Obstbäumen. Seinen schwer bepackten Esel trieb Bai Iwan ab und zu mit leisen Rufen an, ohne zu drängen.

In aller Ruhe erzählte er uns vom Alltag des Hüttenlebens, vom strengen Winter und davon, daß in allernächster Zeit neue Federgestelle für die Betten von Hubschraubern der bulgarischen Armee nach oben gebracht würden. Kommt erst die Abrüstung, sagte er, gibts einen Hubschrauber nur für meine Hütte. Gotscho, der Gute, machts doch leider nicht ewig, wenn er auch noch ein paar Jahre vor sich hat, sagte er. Und erzählte uns die Geschichte, wie der liebe Gott die Lebensalter zuteilte.

Beim Lesen von R.s Reisetexten aus dieser Zeit kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, daß er schon damals erkannt hatte: Im Grunde war die DDR am besten zu ertragen, sah man sie wenigstens zeitweise von draußen. Diesen Umstand mag sie durchaus mit anderen Deutschländern gemeinsam gehabt haben. Von 28 Mauerjahren war er sieben Jahre ganz im Ausland, während zwölf weiterer – mit wechselnder Intensität – privilegierter Auslandsdienstreisender: zuerst als Kundendiensttechniker, später als Schriftsteller. Auch blieben als Ziele für private Reisen immer noch Prag und Stettin, Ungarn, Bulgarien und Warschau. Das Luftholen draußen gehorchte von Fall zu Fall unterschiedlichem Atemtakt, aber notwendig war es ihm.

Ein möglicher Weg in dieses wenigstens zeitweise draußen bot sich durch die Vermittlung der Berliner Absolventenzentrale für Auslandsstudenten. Die Filmfabrik Wolfen im Kreis Bitterfeld hatte nach dem Krieg mit der Filmfabrik in Leverkusen am Rhein einen Vertrag zur gemeinsamen Benutzung des Warenzeichens AGFA abgeschlossen. Dieser Vertrag wurde – zeitgleich mit dem Diplom der beiden Bulgarienabsolventen – von Wolfen 1964 einseitig gekündigt. Nach dem Bau der Mauer hatte man im Osten nicht nur die Wehrpflicht eingeführt, man machte sich auch an das Auseinanderdividieren wirtschaftlicher Restgemeinsamkeiten mit Westdeutschland. Die Wolfener Filmfabrik vertrieb ihre Erzeugnisse nun unter dem eigenen Label ORWO. ORiginal WOlfen, das sollte nach authentischer Solidität und traditionsreicher Produktion klingen.

Zwei Monate nach der Einführung des neuen Warenzeichens traten Irina und R. den Job in Wolfen an. Es stank dort zwar wie in Leuna und Buna, aber hinter den Gasschwaden über dem Werk und seiner Umgebung lockte die weite Welt. Die Situation bot ihnen eine Chance – ein eigenes Warenzeichen setzte eigene Vertriebsorganisationen voraus, möglichst überall auf der Erde.

Sie ließen sich für den Technischen Kundendienst anheuern. Dort, fühlten sie, war ihr Platz. Ein Physiker, eine Chemikerin mit Fremdsprachenkenntnissen. Ein Zufall hatte geholfen. Während sie sich in der Kaderabteilung zur Arbeitsaufnahme meldeten, war dort gerade der rührige Kaufmännische Direktor zum Kaffeeplausch bei der Leiterin. Er hörte von zwei Auslandsabsolventen und versprach sofort Hilfe bei der Suche nach einer Wohnung. Eine Tätigkeit im Außendienst, schwärmte er den beiden vor, verhieße Reisen, schon in naher Zukunft. Und vielleicht – vielleicht sogar die Stationierung in einer Außenstelle; geplant sei die Eröffnung einer solchen Niederlassung zur Kundenberatung in Belgrad, besetzt mit zwei Technikern. Dort wären ihre Sprachkenntnisse sehr von Nutzen. Zunächst aber sollten sie die Produkte kennenlernen, ihre Herstellung und Verarbeitung, ihren Platz im Gesamtsortiment.

Das Leben in Wolfen begann im ehemaligen Kulturraum eines Wohnheims, möbliert mit zwei Betten, einem Tisch, Schrank und Waschbecken. Ein Konzertflügel wurde auf den Korridor expediert. Die Ausbildung im Betrieb bedeutete Schichtdienst in den Produktionsabteilungen und Laborarbeit, im Hellen wie in den Dunkelräumen. Es gab jede Menge Fotochemie und optische Sensitometrie zu erlernen. Für den Feierabend hatte Wolfen nicht viel zu bieten. Aber etwas gab es in der Filmfabrik: einen Zirkel schreibender Arbeiter, der Bitterfelder Weg machte keinen Umweg um dieses Werk. Ich hatte in Bulgarien – vermutlich als Reaktion auf mein sprachliches Inseldasein – Gedichte und kurze Geschichten geschrieben. Es drängte mich, die Texte mit anderen Schreibern zu diskutieren, also ging ich hin.

Schon nach wenigen Zusammenkünften zeigte sich, daß Zirkelleiter Gerhard Fabian vor allem eins sollte und dafür auch Prämien bekam: die Zirkelmitglieder zu Porträts von Bestarbeitern und anderen Vorbildfiguren für die Betriebszeitung anregen. Daneben schrieb er an einer Kantate für die Betriebsfestspiele, aus der mir zwei Verszeilen in Erinnerung geblieben sind: Wir sind die Gießer / wir gießen die Filmbahn… Im übrigen war Fabian, wie manch anderer vom Erfolg gemiedene Autor, ein Trinker.

R. brachte eine seiner Geschichten – geschrieben nach eigenem Erleben in einer Psychopathologievorlesung, die er in Sofia mit DDR-Kommilitonen von der Medizin besucht hatte, nur mit geändertem Schauplatz – zum Vorlesen im Zirkel mit. Der Erzähler ist zwar Student, aber nicht in Bulgarien, sondern irgendwo im deutschen Sprachraum. Er besucht eine Psychopathologievorlesung. Die Story läuft darauf hinaus, daß Peterchen, einer der Patienten, 59 Jahre alt, Bauer, verheiratet und Vater von drei gesunden Kindern, in den Hörsaal marschiert und Kommißlieder singt. Er war im Krieg zunächst als unabkömmlich zurückgestellt, später aber als Kraftfahrer eingezogen und durch Artillerieeinwirkung schwer verwundet worden. Dabei ist seine innere Uhr stehengeblieben. Am Ende der Story marschiert er hinaus und singt: Es ist so schön, Soldat zu sein, Rohosemarie…Soldaten sind Soldahaten und keine Herzpirahaten. Sie lieben nur ein Mägdelein und brauchen keinen Urlaubsschein… Darauf die Schlußsentenz der Geschichte: Nur das letzte Wort war schon verschwommen. Es kann auch Freifahrtschein geheißen haben. Oder Totenschein. Aber was hat das schon zu sagen.

Es gab viel Lob. R. fühlte Stolz und fragte Gerhard nach Möglichkeiten einer Veröffentlichung. Der versprach, sich umzutun; er denke an die Zeitschrift Ich schreibe. Nachdem sich lange nichts getan hatte, fragte R. bei ihm nach. Ach ja, sagte Fabian, er sei in der Redaktion der Zeitschrift gewesen, und dort habe man ihm gesagt: Die Geschichte ist gut, wir drucken sie sofort. Der Autor muß nur einen ersten Satz hinzufügen: Es war einmal an der Universität Marburg. Oder München. Oder irgendwo anders; der Autor kann da ganz frei entscheiden. Jedenfalls im Westen. Denn der Schluß mit seiner makabren Ironie sei nicht geeignet, die Wehrbegeisterung unserer Jugend zu fördern: Es ist so schön, Soldat zu sein… und dann noch – Totenschein. Nein, das sei unmöglich, das müsse R. doch einsehen.

Es war R.s erste Erfahrung mit der Zensur, auf der untersten Ebene. Er sah nichts ein und änderte nichts. Folglich erschien die Geschichte nicht. R. schrieb wieder Gedichte oder gedichtartige Prosatexte wie schon in Sofia: Schwimm im Morgengrauen nach Vineta/tätig hoffend daß/die wärmste der Septembersonnen/eines Tags dich glühend überweintoder so ähnlich.

Nicht alle Gedichte las R. im Zirkel vor. Die Story von Peterchen blieb ein paar Jahre liegen, dann hatte R. in Dessau – wohin er inzwischen mit der Familie gezogen war – einen anderen Zirkel gefunden, ohne Anbindung an einen Betrieb und ohne Nötigung zu Aktivistenporträts. Der Zirkelleiter Werner Steinberg war ein erfolgreicher Romancier; er wurde ein wirklicher Mentor. Jahre später brachte er R. als Kandidaten in den Schriftstellerverband des Bezirks Halle. Steinberg lud zu den Zirkelabenden Lektoren ein, die mit den Anforderungen der Verlage bekanntmachten. Bei einer dieser Zusammenkünfte lernte R. den Lektor Klaus-Dieter Sommer vom Verlag Neues Leben kennen. Sommer bat, ihm im Zirkel diskutierte Geschichten zu schicken, er bereite eine Anthologie mit Beiträgen neuer Autoren vor. In diesem Band erschien 1970 R.s Erzählung von Peterchen, ohne aufgesetzten Handlungsort im Westen.

Beim Wolfener Betriebspraktikum stieß ich in der Aufarbeitung, jener Abteilung, in der die Filmbahnen geschnitten, perforiert und verpackt wurden, auf frisch gebänderte Kinofilmbüchsen mit dem Aufkleber Made in West-Germany. Unter dem Markenzeichen CINEX. Die Büchsen seien, erklärte mir der Schichtmeister freimütig, für den Export in die USA bestimmt; wegen des dortigen Embargos gegen bestimmte Ostprodukte sei man zu der Täuschung gezwungen. Im Hamburger Hafen werden die Büchsen in neue Kisten verladen, und ab gehts übern Großen Teich… Schon Italo Svevo stehen derlei Kleinigkeiten fürs Ganze: Die Erinnerung an einen Traum sei niemals der Traum selber, schreibt er. Dieser löse sich gleichsam in Staub auf.

In die frühe Wolfener Zeit von R. fiel seine Musterung. Genauer gesagt: er wurde zum Wehrdienst nachgemustert. Sein Jahrgang war schon dran gewesen, während er in Sofia studierte. Der Vorgang fand in Zörbig statt. Seine Mutter riet ihm, von Wolfen aus nicht den Bus zu nehmen, sondern mit dem Fahrrad nach Zörbig zu fahren, weil vielleicht der Puls oder der Blutdruck, naja, man wisse ja nie. Aber das half alles nichts, R. war tauglich. Schwierigkeiten bereitete der Kommission allein die Frage nach seinem erlernten Beruf. Den Hinweis, er sei Diplomphysiker, ignorierte der gesprächsführende Hauptmann zunächst; als R. ihn wiederholte, zeigte der Offizier sich ungeduldig. Das sei ein akademischer Grad und längst als solcher zur Kenntnis genommen worden; ihn interessiere und habe zu interessieren, ob R. Schuster, Maurer oder Maschinenschlosser sei. Als R. nichts entgegnete, sagte er zum Protokollführer: Beruf ohne.

Gemustert wurde R. zur Luftabwehr. Allerdings hat er nie eine Kaserne von innen gesehen – außer später, schon als Schriftsteller, zu Lesungen. Daß sich hier der Umstand des Westzuzugs positiv ausgewirkt hat, ist zu vermuten. So kommt es, daß seine Erkennungsmarke verglichen mit der seines Vaters recht blank aussieht. Vor jeder Dienstreise ins Nichtsozialistische Ausland mußte er das Blechding zusammen mit seinem Wehrpaß im zuständigen Wehrkreiskommando hinterlegen, das wars dann auch schon.

Unter allen, die wie ich aus dem Westen gekommen waren, habe ich nur ein einziges Mal jemanden getroffen, der zum Wehrdienst eingezogen wurde: einen Sohn meines Wolfener Kollegen Artur. Artur war Fotograf und ein Westflüchtling; ihn hatte der Verfassungsschutz auf dem Kieker, als nach dem Verbot der KPD Mitte der 50er Jahre seine Bilder in einer illegalen Betriebszeitung der BASF erschienen. Er kam daraufhin mit Familie in die DDR und landete in Wolfen. Sein Sohn wollte zur See gehen, Handelsflotte, und verpflichtete sich auf drei Jahre bei der Volksmarine. Ohne die doppelte Zeit beim Barras hätte er den Traum von den Weltmeeren gleich ganz vergessen können. Allerdings hat ihn die christliche Seefahrt der DDR nach den drei Jahren dann doch nicht genommen: wegen der West-Omas. Da stellte er einen Ausreisantrag.

Gut ein Jahr nach unserem Eintritt in die Filmfabrik war eine erste Auslandsdienstreise anhängig. Die jugoslawischen Abnehmer drängten auf eine Verbesserung der Kundendiensttätigkeit. In der Filmfabrik wie beim Außenhandelsunternehmen in Berlin hielt man eine baldige Eröffnung der Außenstelle Belgrad für ein Zaubermittel, um den Druck der westlichen Konkurrenz zu parieren. Irina und ich schienen dafür die beste Besetzung, und wir freuten uns drauf. Sprachlich würden wir gut zurechtkommen, das Bulgarische war ein geeignetes Sprungbrett zum Serbokroatischen (so hieß die Sprache damals; sie wurde in Serbien mit kyrillischen und in Kroatien mit lateinischen Buchstaben geschrieben). Und überhaupt saß die jugoslawische Firma, die ORWO vertrat, in Skopje, und dort in Mazedonien verstand jeder bulgarisch.

Eines war nicht von der Hand zu weisen: in Belgrad wären wir draußen. Belgrad war fast wie Westen, wenn auch nicht ganz. Ganz im Westen hätte ich damals nicht leben wollen, ich war ja nicht ohne Grund nach dem Osten gegangen. Es lockte die interessante Vielfalt Jugoslawiens und der andere Sozialismus. Auf einer dreiwöchigen Reise sollte mich mein Abteilungsleiter bei den Kunden in Ljubljana Zagreb Belgrad Sarajewo Skopje einführen. Er war ein erfahrener Reisekader, von Hause aus Chemiker, und sammelte schon auf dem Hinflug und dann unterwegs in den Hotels allerlei Kleinkram von Zuckerwürfeln bis hin zu Tütchen mit Salz und Pfeffer. So werde er sich, hoffte er, einmal an die Orte erinnern, an denen er gewesen war. Er handhabe das auf all seinen Reisen so. Zu Hause habe er schon ganze Schubfächer voll solcher Sächelchen, bald werde er sie auslagern müssen, so viel sei das inzwischen. All diese Sammlungsreichtümer verdarben später bei einem Hochwasser der Mulde in seiner Garage in Flußnähe, und in der Verzweiflung über diesen Verlust hat sich besagter Abteilungsleiter – er war inzwischen Hauptabteilungsleiter – zu Tode gesoffen.

Wir besuchten Filmstudios Entwicklungslabors Handelsfirmen Fernsehstudios. Und jede Menge touristischer Sehenswürdigkeiten zwischen dem Ochridsee an der albanischen Grenze und Bled in Sloweniens Alpen. Darunter waren auch Mostar – wo damals der steil aufschwingende steinerne Brückenbogen noch stand – und das unzerstörte Sarajewo.

Der Reisebericht beginnt mit den Worten: ORWO ist in Jugoslawien bereits ein Begriff geworden. Es gilt, die bisher geleistete Arbeit zur Marktaufbereitung maximal für die Sicherung unserer Marktanteile zu nutzen. Die jugoslawischen Kunden begrüßen die beabsichtigte Technikerstationierung in Belgrad.

Angeheftet ist, blau hektografiert wie der Bericht selbst, die Anleitung zur Erarbeitung von Reiseberichten, versehen mit einem Gummistempel Nur für den Dienstgebrauch: Der Reisebericht dokumentiert Ablauf und Ergebnisse einer Auslandsdienstreise. Darüber hinaus ist er ein wichtiges Instrument zur Planung und Leitung der Volkswirtschaft bei der Durchsetzung aller im Ergebnis der Dienstreise notwendig gewordenen Maßnahmen in Absatz, Produktion, Forschung und Kundenbetreuung. Er hat in der Einleitung einen Abriß der politischen Situation im Zielland zu enthalten, unter Hervorhebung handelspolitisch relevanter Umstände. Dadurch wird der Reisebericht zu einer Wortmeldung in der weltweiten Klassenauseinandersetzung. Diese Bedeutung bestimmt die festzulegende Geheimhaltungsstufe. Nach dieser richtet sich der Verteiler. Gegebenenfalls sind Funktionsbereiche, die zwecks Realisierung von Einzelfestlegungen des Maßnahmeplans über diese unterrichtet werden müssen, durch die betreffenden Ausschnitte des Reiseberichtes über ihre Aufgaben in Kenntnis zu setzen. Unabhängig vom Fachbericht wird durch den Reisenden bis spätestens drei Tage nach seiner Rückkehr von der Dienstreise ein Sofortbericht für die Sicherheitsinspektion des GD angefertigt. Die dafür zu verwendenden Formblätter sind in einem versiegelten Panzerschrank aufzubewahren. Gegebenenfalls (insbesondere bei erfolgter Diskriminierung des Reisenden als DDR-Bürger) sind den Formblättern numerierte formlose Ergänzungsblätter beizuheften. Der Sofortbericht hat keinen Verteiler, es verbleibt keine Kopie beim Verfasser und kein Blinddurchschlag in der erstellenden Abteilung. Der Sofortbericht hat neben den Angaben zu Besonderheiten des Reiseverlaufs, der Grenzkontrollen und Zollabfertigung im Zielland, evtl. in Transitstaaten, zu Unterbringung, Kontaktpersonen im Gastland u.dgl. auch Angaben über vom Reisenden entgegengenommene Geschenke zu enthalten. Diese sind gleichzeitig mit dem vom Reisenden unterzeichneten Sofortbericht in der Sicherheitsinspektion des GD abzuliefern. Die Anleitung zur Erarbeitung von Reiseberichten ist vom Generaldirektor der Filmfabrik bestätigt. Datum. Unterschrift.

Die Schrift ist inzwischen verblaßt, das Papier vergilbt. In dem Bericht über diese erste Dienstreise kann man die durch kleine Haken als erledigt gekennzeichneten Terminpositionen im Maßnahmeplan nur noch in Einzelfällen von den nichterledigten unterscheiden.

Die interessantesten Dinge, hat R. handschriftlich in einem Nachsatz bekannt, stehen ohnehin nicht im Reisebericht. Daß der Direktor der Importfirma Cinefoto Titos Leibfotograf ist. Daß sein Laborleiter uns in die Vorführung mitnahm, weil gerade die von Schmalfilmkunden zur Entwicklung abgegebenen Heimpornos liefen. Daß die Vertreterfirma uns zwischen den Kundenbesuchen großzügig im Lande umherfuhr und wir auf diese Weise sahen, was kein Reisebürokatalog anbietet. Daß bei einem Gastmahl im Belgrader Restaurant Zu den drei Hüten – an Slibowitz war nicht gespart worden – einer der Exportimportmenschen, ein Serbe, mich plötzlich anschrie: Du bist zwar ein bulgarischer Spion, aber wir mögen dich trotzdem! Daß mein Abteilungsleiter, ansonsten eher zugeknöpft, mir angesichts der Bergkulisse von Bled, mit See und Inselkirche im Vordergrund (wir hatte ein paar Minuten Zeit, ehe die rührigen Betreuer uns zum Abendessen abholen würden), plötzlich sagte: Ich habe einen Anschlag auf Sie vor, worauf mir das Herz in die Hose rutschte. Ich dachte: Jetzt sagt er dir, du sollst in die Partei eintreten und bietet dir an, einer der beiden dafür benötigten Bürgen zu sein. Und  weil du Nein sagen wirst, ist diese erste auch deine letzte Dienstreise. Dabei wollte er mir nur das Du anbieten, ein Ereignis, das von unseren Jugoslawen (mit denen ich mich sowieso längst duzte) beim Abendessen reichlich begossen wurde. Mit und ohne Bruderschaftsarmverschränken. Ja, als Reisekader war man plötzlich wer, auch ohne das Abzeichen mit den abgekackten Freimaurerhänden am Revers. Wollten die Parteimitglieder mal etwas ganz unter sich aushandeln, hieß es am Ende einer Besprechung eben: So, die Genossen bleiben mal noch zehn Minuten hier, worauf die Kollegen Parteilosen aufzustehen und zu verschwinden hatten. Das war unterwegs nicht anders als daheim.

Schrankabschluß geht vor Vertragsabschluß! war sowohl beim Außenhandel als auch in der Produktion die gängige Lesart der allgemeinen Geheimhaltungsparanoia. Der Grund für den alltäglichen Panzerschrankwahn, das Dosieren bei der Informationszuteilung – nicht nur beim innerbetrieblichen Versenden von Reiseberichtsauszügen -, das umständliche Ritual des Bürotürenversiegelns zu Feierabend, von dem mir außer R. auch andere erzählt haben und die Geheimhaltungsverpflichtung beim Wissen um völlig harmlose Dinge liegt auf der Hand: niemand durfte wissen, wie primitiv vieles lief. Kein ORWO-Kunde draußen durfte erfahren, wie in Wolfen die Soße auf den Film geschmiert wurde. Und was die Emulsion selbst alles für Macken hatte und wie leicht Dreck drauf kommen konnte, ehe sie trocken war – die Luft in Wolfen war hoffnungslos versaut, nicht nur durch die Faserproduktion im eigenen Werk, auch durch die Dreckschleudern der Farbenfabrik Wolfen und des Chemiekombinats Bitterfeld, die Umweltkiller next door. Oder welche gravierenden Qualitätsschwankungen von der unstabilen Bevorratung mit Rohstoffen herrührten. Niemand durfte das wissen.

In anderen Betrieben war das nicht anders. Die ostdeutsche Wirtschaft lebte von der Hand in den Mund. Und da tat man generell so, als habe man dem Klassenfeind wer weiß welche Produktions- und Forschungsideen voraus, die natürlich keiner erfahren dürfe; die vielgerühmten Betriebsgeheimnisse eben. So war der Geheimnisträger der zum Schnauzehalten vergatterte Mitwisser.

Mit der Außenstelle in Belgrad ist es für Irina und mich dann nichts geworden. Die Kunden in Jugoslawien verlangten zwar immer dringender nach kontinuierlicher Anwenderberatung, doch auch nach mehreren Reisen, die ich ohne Irina (aber immer in Begleitung eines Außenhändlers) zu den Abnehmern unternommen hatte, ließ unsere Bestätigung auf sich warten. Ich wollte Klarheit und fragte bei der Wolfener Kaderleitung nach. Dort sagte man mir, ich sei an der falschen Adresse, man sei bei diesen Dingen nur so eine Art Briefträger.

Und das hast du auf sich beruhen lassen?

Nein. Ich ließ mir beim Kaderleiter des Außenhandels in Berlin einen Termin geben. Nominell war für alle Auslandsgeschäfte der staatliche Außenhandelbetrieb federführend, auch in Kaderfragen. Das staatliche Außenhandelsmonopol war damals noch eine heilige Kuh, das hat sich erst später etwas gelockert – als ich nicht mehr dabei war. So dachte ich: Fährst am besten gleich in die Höhle des Löwen.

Dachtest du.

Tja. Aber natürlich war auch der Außenhandel die falsche Adresse. Ich hätte nach Bitterfeld fahren müssen, zehn Minuten im Auto statt drei Stunden auf der Bahn – mit Verspätung auch mehr. Dort, bei der Kreisdienststelle der Stasi, fiel die Entscheidung, von dort hätte dieser eine Satz kommen müssen: Einem Einsatz in der SFR Jugoslawien wird zugestimmt.

Und der Satz kam nicht.

Nein, offensichtlich nicht. Und die Wolfener Kaderabteilung wußte das. Trotzdem fuhr eine der Kaderdamen mit mir zum Außenhandel. Zuerst tat der Herr Kaderleiter überrascht, fragte die Wolfenerin, ob es denn inzwischen in der Filmfabrik üblich geworden sei, die Garantie für Einsätze auf einer Außenstelle im Funktionsplan zu verankern oder gar im Arbeitsvertrag zu vereinbaren. Auf ihr Kopfschütteln hin sagte er zu mir: Na also! Und woher leiten Sie Ihren Anspruch ab?

Ich sagte, daß bald nach unserer Einstellung eine direkte Vorbereitung auf diesen Einsatz erfolgt sei, verwies auf die Einführungsreisen, auf einen Sprachkurs für Serbokroatisch, zu dem mich das Werk ermuntert hatte. Das alles hörte er sich an, blätterte dabei in einem schmalen Hefter und sagte schließlich: Nun, da Sie sich schon den weiten Weg hierher gemacht haben, will ich Ihnen sagen, was es ist: Es sind Fragen, die mit ihrer persönlichen Sicherheit zusammenhängen. Wir wollen nicht, daß Ihnen dort in Jugoslawien etwas passiert.

Auf der Heimfahrt, wir waren allein im Zugabteil, sagte meine Mitreisende plötzlich: Ich darf es Ihnen ja eigentlich nicht sagen, Kollege R. Es ist ihre Westverwandtschaft.

Hielt sie dich für so dumm, daß du dir das nicht selbst hättest übersetzen können? Darauf blieb R. mir die Antwort schuldig. Berichtete vielmehr, wie bald darauf ein neuer Kandidat zur Besetzung der Belgrader Stelle ins Rennen geschickt wurde, diesmal erfolgreich. Offenbar ein netter Kollege. An Sprachen habe er allerdings kein Interesse gehabt. Wer von mir was will, muß deutsch sprechen, sonst hat er halt Pech gehabt, war seine Devise. Das klang zwar, sagte R., saukomisch in seinem Sächsisch, aber er war Genosse und hatte keine Westverwandtschaft.

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Über Otto Emersleben

- 1940 in Berlin geboren. Physikstudium, Diplom 1964 in Sofia, Bulgarien - 12 Jahre Kundendiensttechniker der Filmfabrik Wolfen. Reisen in Europa und Asien - In Dessau Mitarbeit im Literaturzirkel von Werner Steinberg - Ab 1975 Veröffentlichung historischer Erzählungen (Reihe DAS NEUE ABENTEUER) - 1976 freischaffender Autor in Greifswald (Vorpommern) - 1977/78 Szenaristenkurs (Filmhochschule Babelsberg) - Studienreisen: Buchara (1977), Venezuela/Peru/Cuba (1983). USA (1987) - Seit 1992 ständig in Brunswick ME
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