A text in the making

[Aus einer Mail von Hartmut Mechtel, 13.7.17]: Die Polos also. Ein typischer Emersleben verspricht das zu werden – aus dem Zweifel und dem spekulativen Nachdenken geschöpfte Faktologie. Kolumbus hat China entdeckt, Karl May den Nordpol, und Marco Polo mag nie in Buchara gewesen sein, trug aber möglicherweise Bluejeans. Und Hodscha Nasreddin hat den Polos gesagt, wo es langgeht: Immer am Serafschan entlang, bis ihr den Großkhan trefft. Vom Serafschan hatte ich noch nie gehört; so kann ich auch nicht sagen, ob er schon immer in der Wüste/im Salzsumpf versickerte oder einst den Amu Darja erreichte (warum sollte das sein Ziel sein? Haben Flüsse Ziele? Nebenflüsse sind nur diejenigen, die den Hauptstrom erreichen. Die Elbe erreicht den Amu Darja auch nicht, wiewohl sie ein prachtvoller Strom sein mag). Was ich sagen kann, ist, dass Giovanni Paolo Panini sich in allen Wikipedien (auch der italienischen) außer der englischen Pannini (auch Panini) schreibt, doch damit ist nichts gesagt außer: Ich habe nachgeschlagen, weil ich den guten Mann (unverständlicherweise) nicht kannte; seine beiden von Dir erwähnten Bilder jedenfalls habe ich (auch in Wiki) gesehen; das sieht in der Tat interessant aus; eine Polo-Ausstellung jener Art könnte man mir literarisch schmackhaft machen. Andererseits: Wen interessieren die Polos? Das ist mal wieder nichts zum Veröffentlichen, jedenfalls nicht für Massen und Weltruhm. Wiederum andererseits gehen einige historische Romane erstaunlich gut; allerdings zweifeln deren Autoren nicht, sondern sie behaupten: So und nicht anders war das. Punkt. Ich bewerte das nicht, ich konstatiere. Die einzige Hilfe, die ich Dir zu diesem Zeitpunkt geben kann, ist der krümelkackerische Hinweis auf einen Tippfehler: Der Kaligrafie fehlt ein l, sonst wäre es die Schönschrift der Göttin Kali.
Na gut, hier noch mein Meyer von 1878:
Serafschan („der Goldstreuende“), Fluß in Turkistan, nach welchem bis 1874 ein russisches Gebiet (s. Samarkand) benannt war, entspringt aus dem Serafschangletscher unter 39½° nördl. Br. und 70°40′ östl. L. v. Gr., fließt in westlicher Richtung anfangs zwischen den Karatschetau- und Serafschanketten, dann in die Ebene nahe an Samarkand und Bochara (sic!) vorbei und mündet in den Steppensee Dengis, ohne den Amu Darja zu erreichen. Sein Werth für das Land liegt nicht im Goldgehalt seines Sandes noch in der Schiffbarkeit, sondern in den vielen Kanälen, in denen sein Wasser den Feldern zugeführt wird.]

[Aus meiner Antwort an Hartmut; Mail vom 28. 7. 17]: Für Deine Ermutigung zum nächsten Emersleben danke ich Dir. Ob die Ausstellung je fertig wird, bezweifle ich. Dank auch für den Hinweis aufs kalligraphische Doppel-l, Fehler ist schon behoben. Zu mehr komme ich im Augenblick überhaupt nicht, denn Otto Jr. ist hier mit Freundin Andrea und deren Tochter Selina. We are having a lot of fun.

[Aus einer Mail von Dieter Dey, 14.11.17]: Vielen Dank für die Übersendung Deiner Baustelle. Ich habe eifrig gelesen.
– Den Spruch von Butor verstehe ich nicht.
– Wessen Text lese ich? Wie ist die Verbindung von Ausstellung/ Marco Polo/ Ich
– Deine Bildbeschreibungen sind sehr anschaulich!
– Warum hat der Katalog nur weiße Seiten?
– Was ist Deine Message? Wenn Du Handlungsstrenge oder Aussagen immer wieder verwischst, wird der Leser irgendwann aufgeben Dir zu folgen. Vielleicht könntest Du unbedarften Lesern eine Leseanleitung (wie Du verstanden werden willst) an die Hand geben, sonst entsteht leicht eine Verwirrung.
– Du beschreibst sehr anschaulich ein Kolossalgemälde und sagst dann, es sei gar nicht da. Warum sagst Du nicht, daß Du es Dir vorstellst.
– Du setzt die Geschichte von Marco/NIcola Polo voraus. Das hilft dem Verständnis hier nicht.

Ich denke, Du hast Spaß beim Schreiben. Wenn der Leser auch schmunzeln soll, müßtest Du ihm den Hintergrund Deiner Aussage mitliefern, so zu sagen, den Witz erklären. Das macht Dir nicht so großen Spaß , weil Du ihn ja im Kopf hast, aber das erscheint mir als ein Paradoxon des Schriftstellers.
Hoffentlich kannst Du meine Äußerungen nachvollziehen. Eine mündliche Diskussion wäre wahrscheinlich sinnvoller.

[Meine Antwort an Dieter; Mail vom 16. 11. 17]: Zum Motto (Butor-Zitat): Um den Raum zu beschreiben, in dem Sachverhalte eintreten und ohne den es unmöglich ist, sie hervorzubringen, ist es nötig, sich eine ganze Reihe anderer Räume vorzustellen, die zu verifizieren unmöglich ist.
Ich lese „Raum“ (espace) als Handlungsraum, Handlungsebene. Und das „wirkliche“ Geschehen ist der Raum mit den Sachverhalten – also die kümmerliche Nachricht, die wir vom Aufenthalt von Marcos Vater und Onkel in Buchara haben. Wie wirklich das Geschehen ist, das in Marco Polos Buch steht, sei mal dahingestellt; es gibt heute noch Leute, die behaupten er sei nie in China gewesen: https://www.amazon.com/Did-Marco-Polo-Go-China/dp/0813389992/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1510838707&sr=1-1&keywords=did+marco+polo+go+to+china
Warum denkst Du, ich setze die Geschichte der beiden Brüder in Buchara voraus, sie wird doch gleich in den ersten zweieinhalb Zeilen geliefert und kommentiert, der Rest am Ende (als eine Art Rahmen, sonst wäre die Spannung weg) nachgeliefert, aber soweit bin ich noch nicht.
Ich wollte nun, weil ich Buchara liebe (ich war zweimal dort) bisschen mehr Details in die „Fakten“ bringen, indem ich in „einer Reihe ganz anderer Räume, die zu verifizieren unmöglich ist“, Kunstwerke zu dem Thema „die Polo-Brüder in Buchara“ beschreibe und somit eine fiktionale Erweiterung der knappen Originalnachricht erreiche. Das war mein Ausgangspunkt. Dann ist beim Schreiben eine ziemlich komplizierte Show daraus geworden, aber was solls. Macht halt Spass, da hast Du Recht.
Das Ich des Erzählers (dessen Text Du liest) macht insofern eine Wandlung durch, als er vom Ausstellungsbesucher zum Ausstellungsmacher mutiert (am Schluss kommt noch eine Wandlung hinzu, aber die verrate ich noch nicht).
Weiter: Ein Katalog mit weissen Seiten ist nur eine der Möglichkeiten, die er/Ich überlegt. Die Begründung dafür, dass er überhaupt an eine solche Möglichkeit denkt, steht im nächsten Satz: „Der Betrachter muss allein mit der Ausstellung fertig werden“.
Eine Message habe ich nicht. Die soll man sich in der Bergpredigt holen oder bei Knigge. Oder von mir aus im Koran. Was ich beschreibe, ist meinen Spass am Fabulieren, und wenn der Spass nicht auf den Leser überspringt, tuts mir leid. Ich glaube, wir haben einfach zu unterschiedliche Vorstellungen vom intellektuellen Schreib- bzw. Lesespass.
Das Kollosalgemälde ist natürlich nur eine Vorstellung (eine von vielen; hier ist er /Ich schon beim Planen der eigenen Ausstellung). Wird das nicht am nächsten Satz klar? „Ich könnte mir das Bild vom Viehmarkt an den beiden angrenzenden Wänden von extrem vergrößerten Farbfotografien flankiert denken…“

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Über Otto Emersleben

- 1940 in Berlin geboren. Physikstudium, Diplom 1964 in Sofia, Bulgarien - 12 Jahre Kundendiensttechniker der Filmfabrik Wolfen. Reisen in Europa und Asien - In Dessau Mitarbeit im Literaturzirkel von Werner Steinberg - Ab 1975 Veröffentlichung historischer Erzählungen (Reihe DAS NEUE ABENTEUER) - 1976 freischaffender Autor in Greifswald (Vorpommern) - 1977/78 Szenaristenkurs (Filmhochschule Babelsberg) - Studienreisen: Buchara (1977), Venezuela/Peru/Cuba (1983). USA (1987) - Seit 1992 ständig in Brunswick ME
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