[Anfang]

 

Ein Querstrich in weit offener Landschaft – dort, wo die Wüste an den glattblauen Himmel stößt. Ein verwaschener Strich, die Luft in der Ferne ist flirrend. Kurz unter dem Strichband des Horizonts die Andeutung einer ausgefransten blassgrauen Form mit weissen Rändern, unklar in der Ausdehnung, durch die Draufsicht optisch verkürzt. Vermutlich ein Salzsumpf. Oder ein austrocknender See. Der den Salzsumpf (oder den austrocknenden See?) speisende Wasserlauf ist unsichtbar, möglicherweise ist er hinter Sandwällen verborgen. Ein angedeuteter Wall lässt zumindest einen Graben vermuten.  Möglich ist, dass der Graben augenblicklich überhaupt kein Wasser führt, sondern nur in der Regenzeit. In den eintönigen Wüstensand sind hier und da dunkelgrüne Farbtupfer gesetzt, wohl Büsche. Vermutlich Saxaulsträucher, anderes gedeiht in der Dürre nicht. Auf halbem Weg zwischen Bildunterrand und Horizont ein Kamelreiter, sich vom Betrachter entfernend.  Zu erkennen ist sein schmutzig-weisses Gewand, das auch Kopf und Beine verhüllt. Das Kamel deutlich als Dromedar angelegt. Andere Lebewesen sind nicht zu auszumachen, in der Luft keine Vögel, im Vordergrund keine Wüstenspringmaus. Als Bildtitel ist angegeben: Zum Ort der Verabredung.

Das Bild würde passen. Was ich vorhabe, ist eine Ausstellung Die Polos in Buchara. Die Eintretenden begrüßt ein kalligraphisch (in welchem Schriftstil?) ausgeführter Textblock, ein kurzer Auszug aus Marco Polos Wunder der Welt; bekannt auch unter dem Namen Il Milione. Welche Version des Buches ich dafür heranziehe, ist unwesentlich. Alle hundertfünfzig Manuskriptfassungen sind sich da einig: Marco Polo war nie in Buchara. Buchara wird bei ihm nur kurz erwähnt, nämlich beim Berichten von einer ausgedehnten Geschäftsreise, die sein Vater Nicolo und Onkel Maffeo Polo Jahre vor der Chinafahrt unternommen hatten, zu der sie dann Jung-Marco mitnahmen.

Ein Diptychon würde sich zur Illustrierung meines Anliegens gut machen. Gleich im eröffnenden Teil der Ausstellung, jedenfalls in ihrem ersten Raum  – gegenüber hängt Zum Ort der Verabredung. Marco Polo als Elfjähriger an der Rialtobrücke – Vater und Onkel am Minarett der Kaljan-Moschee in Buchara. Mit unscharfen Gesichtern, was sollte hier Porträtgenauigkeit. Gleichzeitigkeit ist das Thema. Gleichzeitigkeit damals und Gleichzeitigkeit mit uns heute.

Hat schon jemand ein solches Doppelporträt ausgeführt oder muss ich es erst in Auftrag geben? Ich werde im Internet recherchieren, Kataloge und Bildbände sichten, Freunde befragen; vielleicht hat jemand so etwas bei einem Trödler gesehen. Oder bei einer Auktion. Gegebenenfalls muss ich das Bild selbst beisteuern. Ausstellungsmacher sein heisst nicht nur: ein grosses Gesamtkunstwerk schaffen, mit Thema, Schwerpunkten und einer deutbaren Gliederung; Ausstellungsmacher sein heisst meiner Ansicht nach auch: fehlende Einzelstücke, wenn nötig, selbst anfertigen. Ich könnte mir eine farbige Sachcollage denken, die Rialtobrücke mit steingrauen Holzsplittern ausgeführt, das Kaljan-Minarett durch eine Sandkleberei angedeutet. Detailgetreu lediglich die Rundbögen unter dem Turmhelm. Die Kleidung der dargestellten Personen historisch möglichst genau, allenfalls Marco am Rialto in Jeans aus verwaschenen Stoffresten.

In der Raummitte hängt von der Decke ein hölzernes Windspiel, sandfarben, durch intermitttierende Luftstösse eines Ventilators in Bewegung gehalten: Der Gluthauch der Wüste.

====== NOCH ZWEI BILDER++++++++++++++++++++++

Ich sollte rechtzeitig daran denken, wen ich für ein Vorwort zum Ausstellungskatalog gewinnen könnte. Eine Romanistin, die ich seit Jahren kenne, würde mir die Bitte sicher nicht abschlagen. Sie hat sich in der Fachwelt der Medievalisten einen Namen gemacht mit ihren Arbeiten zum Nichtvorhandensein der Originalfassung von Marcos Bericht über seine grosse Reise. Aber das könnte den Fokus meines Vorhabens zu sehr von Vater und Onkel weg auf Marco Polo verschieben, und der ist ja bei mir eigentlich nur eine Randfigur. Also doch besser einen Kunsthistoriker bitten? Es müsste jemand sein, der sich im Mittelalter bis hin zur Postmoderne auskennt. Möglich ist allerdings, dass der Veranstalter meiner Show, so ich denn jemanden finde (eine Galerie, ein Museum, ein Ausstellungszentrum?), einen eigenen Vorschlag für den Vorwortautor einbringt; dann kann ich – auf die Gefahr hin, den Deal platzen zu lassen – immer noch darauf bestehen, die Einleitung selbst zu schreiben. Das gibt mir die Chance, zu formulieren, was in der Ausstellung selbst ungesagt bleiben muss: dass ich Paul Klee mag, dass mir Giovanni Paolo Paninis Veduten vom antiken wie – seinerzeit – modernen Rom bei der Konzipierung als Vorbild gedient haben, als Einheit der Einzelstücke mit dem Ausstellungsraum (den so – mit Ausblicken in die bewegte Welt draussen – zur Verfügung zu haben ich allerdings nicht zu hoffen wage). Einen einigermassen ähnlichen Effekt könnte ich allenfalls durch Installationen an den Übergängen zwischen meinen Ausstellungsräumen zu erzeugen versuchen.

Beim Weg vom ersten (kleinen) in den zweiten (grösseren) Raum meiner Ausstellung durchschreitet der Besucher ein Stadttor von Buchara: aufeinandergeschichtete luftgetrocknete Lehmziegel, die Krone mit türkisfarbener Glasur überzogen.

 

ähnlich dem Wüstenreiter bei seiner Rückkehr nach Buchara  .

[Stadttor]

 

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Über Otto Emersleben

- 1940 in Berlin geboren. Physikstudium, Diplom 1964 in Sofia, Bulgarien - 12 Jahre Kundendiensttechniker der Filmfabrik Wolfen. Reisen in Europa und Asien - In Dessau Mitarbeit im Literaturzirkel von Werner Steinberg - Ab 1975 Veröffentlichung historischer Erzählungen (Reihe DAS NEUE ABENTEUER) - 1976 freischaffender Autor in Greifswald (Vorpommern) - 1977/78 Szenaristenkurs (Filmhochschule Babelsberg) - Studienreisen: Buchara (1977), Venezuela/Peru/Cuba (1983). USA (1987) - Seit 1992 ständig in Brunswick ME
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