Roman

in Fortsetzungen

SELFIE  MIT  BLOCKHAUS

I can’t forget but I don’t remember what.

Leonard Cohen  

                                                                                         Reisen ist leben.

                                                                                                   Hans Christian Andersen

 PROLOG

Uns Amerikanern wird häufig Oberflächlichkeit nachgesagt. Oberflächlichkeit und Scheißfreundlichkeit. Auch wenn euch, heißt es, eigentlich ganz anders zumute ist, sagt ihr: I’m so happy to see you! Und ladet ihr nicht etwa dauernd Leute, die ihr unterwegs trefft, nach Hause ein? Please, do stop by anytime! Und dann wundert ihr euch, wenn plötzlich jemand unangemeldet vor der Tür steht.

Jaja, diese Amis. Keinen Schimmer, aber Mondlandung! Sie wissen, wovon ich rede. Auf hinterhältige Fragen zum Nachweis meines typisch amerikanischen Halbwissens in europäischen Dingen antworte ich grundsätzlich mit einer Gegenfrage. Noch ehe der investigative Gesprächspartner mir Ignoranz vorwerfen kann. Heißt es: Liegt Ulm nun in Bayern oder in Baden-Württemberg, naaaa?, frage ich kurzerhand nach der Hauptstadt von Wyoming. In dem Bundesstaat bin ich nämlich zu Hause.

Seit einem Studienjahr in Berlin (damals noch West-Berlin) kenne ich die Alternative zu unserem vielbelächelten Bullshitgeschwätz und der angeblichen Schleimigkeit amerikanischen Unverbindlichseins. Ich war zu einem Bekannten in Friedenau unterwegs und suchte nach der Bennigsenstraße. Ratlos fragte ich einen Passanten. Ich hatte nicht bemerkt, daß wir direkt unter dem Straßenschild standen. Mit nachdrücklich ausgestrecktem Zeigefinger wies der Befragte darauf, dazu donnerte er ärgerlich: Könnse nich lesn?

Dann doch lieber scheißfreundlich. R. muß mit ganz ähnlich schrulligen Vorurteilen über Amerika an das kleine College in Maine gekommen sein, an dem ich seinerzeit meine Karriere verfolgte – zunächst als germanistischer Wanderarbeiter, ein akademischer Stehkragenproletarier in Vertretung eines wohletablierten Kollegen, der sein Sabbatjahr hatte. Ich durfte erst einmal die Lektionen zur Spracheinführung übernehmen, ehe mir von einem Kurs in Cultural Studies zu träumen erlaubt gewesen wäre, geschweige denn von einem Spezialseminar auf meinem Fachgebiet: Die Ablösung der Postkutsche durch die Eisenbahn in der europäischen Reiseliteratur; an einem Buch dieses Titels arbeitete ich in Ausschmückung meiner Dissertation neben dem derdiedas des Unterrichtsalltags.

Ich hatte, um mich für die Zeit nach dem Vertretungsjahr in Maine zu wappnen, keinen der einschlägigen Sklavenmärkte ausgelassen – will sagen: keine Fachverbandskonferenz. Oh ja, ich mag die Möglichkeit der deutschen Sprache, Wortschlangen beliebiger Länge zu bilden. Was ist schon das immerhin noch  überschaubare Fachverbandskonferenz gegen Dinge wie Gebietsreformanschlußbestimmung, Handlungsbedarfseinschätzung, Hosenscheißermentalitätsyndrom, Entzugsbeschleunigungsmaßnahmenkatalog oder Genußmittelvertriebsgesetznovellierungsinitiative.

Aber dann war alles ganz anders gekommen. Der Kollege, den ich vertrat, starb nach einem Autounfall in Italien. Er hatte in einem Krankenhaus in Benevento lange im Koma gelegen, weil noch Hoffnung war, wie die italienischen Ärzte meinten. Die lieben Verwandten mußten es sich dann jedoch anders überlegt haben. Jedenfalls hieß es eines Tages am College: wir brauchen Ersatz. Man legte mir nahe, mich zu bewerben, und ich bekam die Stelle. Erst einmal auf Probe für drei Jahre, gleich tenure track, das heißt mit der Aussicht auf eine feste Anstellung. Da ich zum richtigen Zeitpunkt das Interesse eines Verlages an meinem Buch nachweisen konnte und ein Artikel von mir (Zur Geschichte der Luftfahrt in der deutschen Romanliteratur unter besonderer Berücksichtigung des Zeppelins) nach zahllosen Absagen schließlich von einer angesehenen Fachzeitschrift genommen worden war, schien alles reibungslos zu laufen.

Als R. nach Maine kam – ich stand kurz vor dem tenure, der Anstellung auf Lebenszeit – gab es die Berliner Mauer noch. Da war er plötzlich: ein Exote aus einem Land, das in der deutschen Mainstreampresse seinerzeit mit Gänsefüßchen und sogenannt etikettiert wurde und heute sinnigerweise als ehemalig. An East German visiting Maine. Er war Schriftsteller und wollte ein Buch über einen Polarforscher schreiben, der vor über hundert Jahren an dem kleinen Mainer College studiert hatte. Mir wurde bald klar, daß dieses Projekt nur ein Vorwand war; an einem College mit gut tausend Studenten weiß bald jeder alles. R. hatte im Jahr zuvor auf einem Symposium in New Hampshire Louise kennengelernt, sie hatten sich ineinander verliebt und wollten nun sehen, ob an der Sache mehr dran war als an einem ausufernden Reiseflirt. Dazu brauchte es Zeit. Und einen Paß, zu dem ihm das Polarforscherprojekt verhalf.

Louise war dort in Maine meine Kollegin an der kleinen Deutschabteilung. R. kam aus Törnstedt am Törnstedter Bodden, ich traf ihn zum ersten Mal auf einer Party zu Semesteranfang. Wir machten Smalltalk und er fragte mich, ob ich denn auch mitmache bei der inflationären Verteilung von guten Noten, von der er gehört habe; in Amerika sei die wohl eher die Regel als die Ausnahme. Ich hatte gelacht und so ironisch wie möglich geantwortet: Wer immer strebend sich bemüht, der bekommt auch gute Noten für das gute Geld, das die lieben Eltern für sein Studium berappen. Man muß doch die jungen Menschen ermutigen.

Kurz nach dieser Party brachen R. und ich zu einer gemeinsamen Segeltour auf. Wir segelten weit draußen vor der Küste von Maine. Meist außerhalb der Dreimeilenzone, wie R. sich ausdrückte – ich hatte von dieser Begrenzung nie gehört, und er zeigte sich beeindruckt, daß kein Hahn danach krähte. Er wohne zwar an der Küste, sagte er, die Ostsee als offenes Meer erlebt habe er aber noch nie. Ich kannte das Land, aus dem er kam, nur von einer Tagestour mit dem Bus nach Ost-Berlin, noch als Student. Törnstedt kannte ich überhaupt nicht, hatte erst durch die Ankündigung von R.s Besuch von dem Universitätsstädtchen am Törnstedter Bodden erfahren. Es war mir nicht einmal als Geburtsort von Caspar David Friedrich ein Begriff. Was mir von meinem Abstecher nach Ost-Berlin in Erinnerung geblieben war, hing alles irgendwie mit der nervenzehrenden Abfertigung am Checkpoint Charlie zusammen – dem langsamen Vorrücken der Busschlange, der rigorosen Pingeligkeit der Grenzwächter. Auf der Hinfahrt hatte ich während des Wartens am Schlagbaum gelangweilt in einem Führer durch Berlins Museen geblättert, der aus dem Bücherregal meines Vaters stammte. Ich war gerade auf eine kraftstrotzende Passage über den Fries am Pergamonaltar mit einschlägigen Muskelprotzabbildungen gestoßen, als ein kräftig gebauter Grenzwächter nach dem Buch griff, Sie gestatten! sagte und nach kurzem Hineinschauen entschied: Naziliteratur ist bei uns verboten. Das Buch ist beschlagnahmt!

So ganz unrecht hatte der Hüne nicht. Das Bändchen stammte von einem Berlinbesuch meines Vaters irgendwann vor dem Zweiten Weltkrieg. Nun war ich den Museumsführer los und mußte mir den Kampf der Götter und Giganten ansehen, ohne die heldischen Kommentare zu Ende gelesen zu haben.

Im Museumshop wollte ich mir einen neuen, zeitgemäßeren Katalog kaufen, bekam jedoch von der freundlichen Verkäuferin zu hören, da sei leider im Augenblick gar nichts da, weder deutsch noch englisch. Aber Mittwoch bekommen wir Ware, setzte sie lächelnd hinzu, jeden Mittwoch.

Es sollte versöhnlich klingen, vielleich sogar werbend. Dann geben Sie mir doch bitte einen von ihren Weihnachtsengeln, sagte ich und deutete zum Souvenirtisch, auf dem die Holzfiguren standen – vermutlich aus dem Erzgebirge und nicht aus China.

Bei uns gibt es keine Engel, sagte sie, immer noch lächelnd.

Wie meinen Sie das?

Wie ich es sage.

Aber da stehen sie doch!

Das, mein Herr, sind Jahresendfiguren mit Flügeln. – Die Bezeichnung hat später ihren festen Platz in Listen und Wörterbüchern von Ossispeak gefunden, neben Plaste und Elaste und Broiler und Datsche und Sättigungsbeilage und Ampelmännchen und Arbeiterintensivhaltung oder – quasisynonym dazu – Platte. Warum erinnere ich mich so genau der Umstände, unter denen ich gerade dieses Bezeichnungsungetüm zum erstenmal hörte? Ich weiß es nicht. Jedenfalls kaufte ich einen der Jahresendengel, er steht jetzt im Bücherregal in Vaters Jagdzimmer – dort, wo einst der beschlagnahmte Museumsführer seinen Platz gehabt hatte.

R. sprach von dem Segelschein, den er auf Törnstedts Küstengewässern brauchte, und ich schoß aus der Hüfte zurück: Well, what a communist shit! Inzwischen weiß ich: es ist gesamtgerman shit. Bei uns braucht niemand einen Segelschein. Jeder kann sich den Hals brechen, soviel er will – den eigenen Hals und fremde Hälse gleich mit. Der September war fast zu Ende, in Maine die schönste Segelzeit. Die Sommerleute sind weg und das Wetter ist noch annehmbar. Zwei oder drei Wochen später drohen die ersten Herbststürme. Meine Vorlesungen waren gut angelaufen, ich hatte ein Dutzend Studenten. Dieses eine Wochenende auf See wollte ich mir noch gönnen. Ich hatte R. gefragt, ob er Lust hätte, mitzusegeln, und er war sofort begeistert darauf eingegangen.

Gemeinsam hatten wir nach einem passenden Boot gesucht und es für das Wochenende gemietet. R. war ein eigensinniger Segler. Sobald er an der Pinne saß, schnitt das Boot die Wellen weniger harsch, als ich es gewohnt war. Das käme von den kürzeren Wellentälern in seiner Ostsee, behauptete er. Genauer gesagt: im Törnstedter Bodden. Da müsse man vorsichtig sein. Wir hatten unterwegs weltbewegende Gespräche geführt und bald festgestellt, daß wir beide nicht nur an Segelscheinen und Segelverboten in seinem Land, sondern auch am real existierenden Kapitalismus viel auszusetzen hatten.

An diesem Abend lagen wir bei einer Insel in der Penobscot Bay vor Anker. Der Mond hing groß und rot über den hochstämmigen Fichten am Ufer: Harvest Moon. Wir blieben nach dem Abendessen noch lange im Cockpit und lauschten dem Plätschern des Wassers am Rumpf. Ich fragte ihn schließlich, aber das war wohl erst beim Spülen der Schüsseln, was das denn nun eigentlich sei: dieser Sozialismus. Ist denn da gar nichts dran, auf das für uns hier zu hoffen wäre? Ich meine – rein von der Theorie her…

Die Abendflaute war inzwischen vollkommen, nicht einmal der leiseste Hauch ging mehr durch die Fichtenwipfel, das Boot lag still wie aufgebockt. Er strich sich den Vollbart, der ansatzweise schon grau war und überlegte nicht lange. Stell dir ein Bergwerk mit einer umzäunten Siedlung für die Arbeiter vor, sagte er. Irgendwo in den Bergen. Mit Bergleuten, die sich gegenseitig bespitzeln, mit bezahlten Schlägern und auf den Mann abgerichteten Hunden. Mit einer eigenen Währung, in der jeder bezahlt wird, dem die Bergwerksgesellschaft Arbeit und Unterkunft gibt, die aber draußen nichts gilt. Sagen wir mal: Aluminiumchips. Mit Geschäften, in denen nur die Aluchips dieser Währung genommen werden, in denen man aber die eigenen Erzeugnisse der Mine nicht kaufen kann. Sagen wir, es ist eine Kupfermine – aber im Company Store gibts keine Kupfernägel. Und keinen Kupferdraht. Nur mal als Beispiel. Wer seine Chips aufgebraucht hat, kann auf den nächsten Lohn anschreiben lassen und macht sich dadurch noch abhängiger. Es gibt im Alter eine minimale Versorgung der Arbeitsunfähigen, falls die Company nicht inzwischen pleite gegangen ist. Und es gibt eine Krankenfürsorge, die vor allem einen Sinn hat: Arbeitskraft zu erhalten. Nötigenfalls auch: sie zu regenerieren. Selbst für die kostenlose Erziehung des Nachwuchses zu braven Proles ebendieser Bergwerksgesellschaft ist gesorgt.

Sounds like a Company Town to me, unterbrach ich ihn. In der Geschichte meines Landes kenne ich mich aus. Einst gab es irgendwo in den Bergen solche Wohnsiedlungen, wenn auch nicht unbedingt mit Stacheldraht drumrum. Wohl aber mit Gutscheinen zur Entlohnung der Arbeiter, die nur im Company Store eingelöst werden konnten. Eine von der Minengesellschaft aufgestellte Sicherheitstruppe verbreitete Angst und Schrecken und setzte Ruhe und Disziplin im Sinn von Arbeitsfrieden und Maximalprofit durch.

Ist mir alles irgendwie vertraut, sagte er. Und wie läuft sowas heute?

Heute sind die Methoden subtiler. Die Wanderarbeiter auf den Gemüseplantagen von Californien kuschen auch so, die meisten sind sowieso Illegale. Aber ich verstehe, was du sagen willst. Dann ist also von den ikarisch-utopischen Träumen des vorigen Jahrhunderts nichts geblieben als Worthülsen.

Worthülsen nach außen, und nach innen die Lust an der Macht – persönlich wie als Gruppe: Politbüro Kreisleitung Wohngebiet sozialistisches Lager, der ganze Kladderadatsch.

Ist das nicht schrecklich?

Anderen Heilslehren ist es nicht anders ergangen. Schrecklich ist für mich daran nur, wie lange ich gebraucht habe, das zu durchschauen.

Euer Sozialismus scheint nichts anderes zu sein als der Versuch einer kapitalistischen Verschwörergruppe, experimentell herauszufinden, wie weit man beim Monopolisieren des wirtschaftlichen und politischen Lebens gehen kann – überhaupt jedes gesellschaftlichen Lebens.

Darauf entgegnete er nichts. Nach augenblickslangem Schweigen sagte er: Ob du es glaubst oder nicht, ich bin nach dem Abitur freiwillig in den Osten gegangen. Weil ich das Gerede von einer Welt ohne Ausbeutung für bare Münze nahm. Der Mensch nicht mehr des Menschen Wolf, jeder gibt nach seinen Fähigkeiten und erhält nach seinen Bedürfnissen. Und am Weg zu jenem hehren Ziel in weiter Ferne liegt dieses andere Deutschland – ohne Nazirichter Nazilehrer Nazigenerale, die nach dem Krieg im Westen weitermachen durften, als sei nichts geschehen.

Du bist im Westen geboren?

Als ich geboren wurde, gab es kein Ost und West. Aber – ja, ich bin im Nachkriegsberlin im Westen aufgewachsen. Im Amerikanischen Sektor, in der Nähe des Grunewalds.

Haben sie dich darum hierher zu Louise reisen lassen?

Weil ich mal aus dem Westen gekommen bin? Nee, mein Lieber. Bürger ist Bürger. Bloß werden Schriftsteller manchmal ein wenig privilegiert, um draußen Eindruck zu machen. Man kann als Betroffener davon profitieren – oder man läßt es. Daß Louise mein eigentliches Reiseziel war, habe ich niemandem auf die Nase gebunden.

Aber sie wissen es trotzdem?

Vermutlich. Ihre ersten Briefe sind nie bei mir angekommen. Bis sie dann anfing, Einschreibebriefe zu schicken. Die mußten sie durchlassen, wenn auch sicher nicht ungelesen.

Und – wirst du nach Törnstedt zurückgehen, wenn du mit den … Recherchen zu deinem Polarforscher fertig bist?

Auf jeden Fall. Ich will doch mein Buch erleben. Diesen Peary kennt in Europa kaum jemand. Und er hat immerhin behauptet, als erster am Nordpol gewesen zu sein. Außerdem – ich bin noch verheiratet und habe zwei Söhne. Der eine studiert, der andere geht zur Schule. In Törnstedt lebt auch noch meine Mutter. Ohne Geiseln lassen sie keinen raus.

Das klingt alles sehr bitter.

Enttäuscht schon. Aber bitter? Nee. Vielleicht hier und da etwas zynisch.

Wie heißt denn deine Frau?

Irina. Aber ihretwegen gehe ich nicht zurück, wenn du es genau wissen willst.

Hast du denn später bereut, rübergegangen zu sein?

Nie.

Tatsächlich?

Drüben, ich meine im Westen, wäre ich heute genauso ein Konsumfeteschist wie meine Schwester, die dort geblieben ist. Und bestimmt kein Schriftsteller. Jedenfalls keiner, der von seiner Schreiberei leben kann.

Der strähnige Tang auf den Felsen am Ufer glänzte im Mondlicht. Wir schwiegen. In mir dämmerte auf, was der Durchschnittsamerikaner über Nachkriegsberlin wußte – Blockade, Luftbrücke, schließlich the Berlin Wall. Bei R. schien die Sache komplizierter gelaufen zu sein. Die Selbstverständlichkeit, mit der er über seinen Wechsel von West nach Ost sprach, hatte mich überrascht. Ob es viele Fälle wie seinen gab? Warum erzählte er gerade mir davon? Da rissen mich seine Fragen aus meinen Gedanken: Und du selbst? Woher stammst du denn, Jeff? Laß mich raten: aus Iowa?

Warum Iowa? Nein, ich bin aus Wyoming. Ich komme von einer Ranch am Fuße der  Rocky Mountains.

Da bist du ja ein Arbeiterundbauernsohn. Aber sag mal – Wyoming? Dann kennst du die Gros-Ventre-Berge!

Bei den Tetons? Natürlich kenne ich die. Sie sind einzigartig. Hoffentlich bleiben sie  auch weiterhin unberührt. Andere Ecken in Wyoming sind inzwischen durch Erdölförderung und Kohlentagebaue bis zur Unkenntlichkeit ramponiert.

In den Gros-Ventre-Bergen hat Old Shatterhand seinen Blutsbruder Winnetou begraben.

Ich weiß. Am Metsur-Fluß.

Du kennst Karl May? Ich dachte immer, der ist in Amerika…

Er gehört doch zu meinem Forschungsgebiet, wenn auch nur am Rande.

Und das wäre?

Der europäische Reiseroman seit Beginn des 19. Jahrhunderts. Dabei geht es nicht ohne Old Shatterhand ab.

Warum schreibst du keine Erinnerungen?, fragte ich ihn, als wir schon in den Kojen lagen. Was du mir da eben erzählt hast, interessiert doch bestimmt auch andere.

Memoiren sind was für Prominente, hatte er darauf geantwortet. Die können beim Schreiben vieles voraussetzen: Zusammenhänge, in die sie verwickelt waren, Zeitgenossen, die ihnen begegnet sind, Schauplätze, auf die sie das Welttheater gestellt hat. Unsereins müßte da viel zu viel erklären. Außerdem sind mir Memoiren suspekt. Sie sind immer auch der Versuch einer Rechtfertigung. Und ein möglicher Schauplatz von Selbstmitleid. Wer braucht sowas? Ich jedenfalls nicht.

Wenn ich jetzt an unsere Gespräche unterm Septembermond und an die vielen darauf folgenden denke, kommen mir Zweifel, ob ich R. überhaupt je gekannt habe. Oder ob er vielleicht nur eine Figur meiner Vorstellung ist. Ob ich mich an unsere Unterhaltungen so erinnere, wie sie zwischen uns stattgefunden haben oder ob ich sie schlichtweg imaginiere, ganz oder streckenweise. Ob er mir wirklich von Törnstedt, seiner Jugend am Rande des Grunewalds, von Winnetous Grab, der Entdeckung des Nordpols und seinen eigenen Amerikareisen erzählt hat: zu dem Symposium nach New Hampshire, dann nach Maine, immerhin für ein ganzes Jahr. Andere Amerikareisen waren bald darauf gefolgt. R. hatte sich scheiden lassen und brauchte schließlich nicht einmal mehr Recherchen zur Biografie einer Mainer Berühmtheit als Reisevorwand. Die Mauer war weg.

Louise und R. heirateten kurz nach diesem Jahrhundertereignis, er war nur noch hin und wieder in Törnstedt. Seine Söhne begannen ihn in Maine zu besuchen. Und ich – ich wurde meine Stelle dort los. Der Verlag, der mein Buch hatte bringen wollen, ging pleite. Ohne Buch keine feste Anstellung – publish or perish. Die Aussicht, nach diesem Debakel von einem anderen College genommen zu werden, und sei es als Urlaubsvertretung, war verschwindend gering. Da gab ich lieber die akademische Laufbahn gleich auf. Bei einer Luftfrachtspedition in Ohio bot sich mir eine Chance als Europakoordinator. Ich griff zu und zog nach Columbus. In dem Job konnte ich meine Deutschkenntnisse wenigstens ab und an nutzen.

So hatte ich R. aus den Augen verloren – dachte ich jedenfalls länger als ein Jahrzehnt. Die Gespräche mit ihm fehlten mir. Da bekam ich eines Tages mit der Post ein Riesenpaket zugestellt, einen arg bestoßenen Vulkanfiberkoffer aus volkseigener Produktion. Mit seglerischer Sorgfalt verschnürt, um ein Auseinanderbersten zu verhindern; allerdings mittels eines völlig unseglerischen Wäschestricks.

Sobald ich den Koffer vorsichtig zu öffnen begann, quollen allerlei Papiere daraus hervor. Briefe und Telegramme, handkorrigierte Anfänge einer Familiengeschichte, Entwürfe zu Romanen, Tagebücher, Dokumente unterschiedlichster Art, Kopien von Dokumenten, Fotografien in Schwarzweiß und Farbe, Xeroxblätter mit einem roten Stempel BStU, einem Kürzel, das mir seinerzeit noch nichts sagte. Dazu kaum noch lesbare blaue Matrizenabzüge vielseitiger Ausarbeitungen, in den meisten Fällen als Reisebericht gekennzeichnet. Und Schachteln mit Notizbüchern, Zetteln, Zeitungsausschnitten. Ein Wirrwarr – unüberschaubar, quite a mess. Kein Begleitbrief, keine neue Adresse

Ich muß endlich Ordnung in das bringen, was seit dem Empfang des Koffers in meinem Kopf  herumgeistert. Ordnung oder wenigstens ein Minimum an Handhabbarkeit. Auch auf dem Schreibtisch im Study meiner kleinen Wohnung spukt es seit nunmehr fast einem Jahr auf erschreckende Weise. Dort lungert all das Papier herum, das mir R. in dem prall gefüllten Behältnis geschickt hat. Nicht nur die fehlende persönliche Botschaft, auch vieles von dem, was mir aus dem Koffer zufiel, erzeugte neue Unklarheiten, anstatt die weißen Flecken in meinen Vorstellungen von R. zu füllen. Er schien, schon ehe er nach Amerika kam – so ergab eine erste Sichtung des Materials -, so etwas wie reisebesessen und mehr in der Welt herumgekommen zu sein als zu vermuten wäre bei seiner selbstgewählten Umgebung: jenem Teil Deutschlands, der alles andere als reisefreundlich war. Mongolei, Istanbul, Nordkorea, Irkutsk, Chabarowsk – auch ich hatte einiges von der Welt gesehen, aber den Besuch dieser Orte hatte R. mir voraus. Selbst in Paris war er, gar im Revoltejahr 1968. Zur Mauerzeit! Die Sache machte mich neugierig. Nein, neugierig ist nicht das richtige Wort. In mir war die alte Lust erwacht, die mich schon beim Schreiben meiner Doktorarbeit gepackt hatte. Reisende und ihre merkwürdigen Schicksale, ihre Beweggründe, ihr oft unbezwingbarer Drang in die Ferne – all das hatte mich ungemein interessiert, und hier schien sich eine Geschichte anzubieten, die all das an sich hatte.

Ich belegte an der Ohio State University als Gasthörer einen Kurs, um mehr über das Land zu erfahren, aus dem R. nach Amerika gekommen war: East Germany – Crisis, Change, Disappearance.  Ohne das, was ich dort lernte, hätte ich der Papierflut gänzlich hilflos gegenübergestanden.

Da die wenigsten Schriftstücke datiert waren, dauerte es, ehe ich sie wenigstens roh chronologisch zu ordnen vermochte. Eine Ausnahme bildeten die Kopien der BStU-Dokumente. Da war auf einen Blick klar, wann sie aufgesetzt waren und welchen Zeitraum sie betrafen. 26.5.83. Vom Sachstandsbericht vom 10.9.82 ausgehend ergeben sich folgende neue Erkenntnisse zum Sachverhalt Geheimnisverrat Schrägstrich Begehungsform Literatur…

Ich mußte mit R. sprechen. Über das College, an dem ich ihn kennengelernt hatte, gab es kein Herankommen. Ein Blick ins Internet hatte genügt, um mich zu vergewissern: dort in Maine war nichts mehr wie früher. Louise war nicht auffindbar, es gab keine Deutschabteilung mehr und die mir geläufigen Telefonnummern kamen in den Listen nicht vor. Ich rief trotzdem eine davon an und landete schließlich bei der Sekretärin des Department of German and Russian Studies, aber die sagte auf meine Frage nach Louise: Sorry, über dritte Personen darf ich Ihnen keine Auskunft erteilen.

Ist sie denn an einem anderen College?

Sorry, Sir. – Und schon hatte sie aufgelegt.

E-Mail gab es zu meiner Mainer Zeit noch nicht. In meiner Ratlosigkeit schickte ich einen Brief nach Törnstedt, auf die vielgerühmte Findigkeit der deutschen Post beim Auffinden von Adressaten hoffend. Er kam nach zwei Wochen zurück, auf dem Umschlag prangte der Abdruck eines blauen Gummistempels: Empfänger verstorben.

Nun war guter Rat teuer. Im neuesten Kürschner der Universitätsbibliothek stand R. nicht mehr, allerdings auch kein Nachruf. Im Internet gab es so gut wie keine Spuren von ihm – ein uraltes Werkeverzeichnis, die Namen von Bibliotheken und Antiquariaten, die seine Bücher führten, das wars schon. Ich konzipierte einen kurzen Nachruf. Vielleicht würde ich ihn, mit meinem Doktortitel als Empfehlung, in einer Fachzeitschrift der amerikanischen Germanistik unterbringen können. Doch kaum hatte ich die wichtigsten Stichpunkte notiert, seine Besessenheit beim eigenen Kennenlernen der weiten Welt, mit Reisen und Reisenden festgehalten, die Entdeckerbiografie angeführt, die ihn nach Amerika gebracht hatte, dazu einige seiner früheren Bücher aufgelistet, Captain Cook, Livingstone, Mungo Park, Marco Polo betreffend, den Sprung des Achtzehnjährigen von West nach Ost angedeutet und neue, weitergehende Erkenntnisse anhand bisher unerschlossener Archivalien in Aussicht gestellt, da kam unverhofft ein Lebenszeichen von ihm, ein Brief, wiederum ohne Absender: Hi, Jeff – ich hoffe, die Sachen sind gut angekommen. Für mich beginnt mal wieder ein neuer Lebensabschnitt. Ich bin mit Louise aus Maine fort, zurück in ihre Heimat in Pennsylvania. Sie ist seit ein paar Monaten emeritiert, und aus mir ist, wie Tucholsky sagt, ein gewesener Schriftsteller geworden. Du hast Dich doch immer für meine Geschichte interessiert. Mich belastet das Zeugs nur – was vergangen ist, ist vergangen. Mach damit, was du willst. Ich habe nur unsere Liebesbriefe behalten. Best wishes R. –

Da saß ich nun, ohne Chance, ihn zu befragen, mit all den Terminen im Nacken, die bei der täglichen Arbeit in der Firma meine ganze Aufmerksamkeit  beanspruchten.  So habe ich angefangen, mich unserer Gespräche zu erinnern, anderes habe ich mir vorzustellen versucht und in nächtlicher Kleinarbeit nach seinen Unterlagen rekonstruiert – oder auch konstruiert. Als Geschichte von einem, der auszog, die Insel der Verheißung zu suchen, als Schicksal eines frühen Reisenden ins Deutschland des Ostens. Jahre, ehe sich – nach der Vereinigung – Schwärme von Discountern Anlageberatern Versicherungsbeschwatzern Immobilienhaien Juristen Psychiatern enteigneten Gutsbesitzern und liegengebliebenen Akademikern dorthin aufmachten. Lange vor dem Aufbruch windiger Unternehmer, Gebrauchtwagenhändler und im Westen erfolglos gebliebener Kommunalpolitiker in die Ehemaligensogenannte. R. als Entdecker der West-Ost-Passage, als Reisender in der Vormauer-, Mauer- und Frühnachmauerzeit, ein nicht unkompliziertes Vorhaben. Schon der alte Geograph Strabo wußte: Über die von Germanen bewohnten Gegenden, die sich jenseits der Elbe bis zum Meer erstrecken, wissen wir absolut nichts.

Ich könnte natürlich forsch drauflosschreiben: R. ist dannunddann in Berlin geboren und hat seit frühester Jugend… Wann aber war die? Ich schätze, er ist fünfzehn oder gar achtzehn Jahre älter als ich. Zwar steht ein Geburtsdatum in einem der rot mit BStU gestempelten Blätter. Aber – soll man denen trauen? Dann lieber doch Tatsachenphantasie. Good Old Döblin wußte, wovon er sprach, als er dieses Wort prägte. Ich werde R.s Leben zwischen West und Ost als Chronik einer Zeitverwerfung gestalten, als Quodlibet von Zufälligem wie weniger Zufälligem. Als autobiografische Collage mit Ghostwriter, nämlich mir. Als Bericht von den Erfahrungen eines reisewütigen Umhergetriebenen: Reisesucht unter widrigen Umständen, Fallstudie R.

Zur Fortsetzung 

Achtung – B A U S T E L L E !! Texte werden ständig verändert und ergänzt.

9 Antworten zu Roman

  1. Rosa schreibt:

    Warum veröffentlichst Du nicht mehr?

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